Pratteln

«Er wollte meinen Hund vergiften»: Wie ein Nachbarschaftsstreit komplett eskalierte

Die Klägerin zeigt auf das Grundstück ihres Wiedersachers – das war beim Besuch der bz im Juni 2019. Weil alle Schlichtungsversuche scheiterten, kam die Angelegenheit vor das Baselbieter Strafgericht.

Die Klägerin zeigt auf das Grundstück ihres Wiedersachers – das war beim Besuch der bz im Juni 2019. Weil alle Schlichtungsversuche scheiterten, kam die Angelegenheit vor das Baselbieter Strafgericht.

In Pratteln hielt ein Konflikt zwischen zwei Nachbarn zehn Jahre lang ein Quartier in Atem. Nach dem traurigen Höhepunkt im April 2018 sahen sich die Klägerin und der Beschuldigte vor Gericht wieder. Doch der Ausgang der Verhandlung überraschte alle.

Wären Kinder im Gerichtssaal gewesen, hätte man ihnen immer wieder die Ohren zuhalten müssen. Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, er habe seine Nachbarin «Hexe» genannt, aber auch «Hure», «Schlampe», «grausige Lesbe» und «dumme Kuh».

Der Beschuldigte wiederum sagte, die Nachbarin würde auch nicht gerade aufs Maul sitzen. Es hätten sich über die Jahre an seine Adresse ebenfalls «einige Beschimpfungen angesammelt». So sei er als «dummer Sauhund» betitelt worden, seine Kinder als «Hurenkinder», die Frau als «Drecksmätz» und «Urwaldfrau».

Der Nachbarschaftsstreit im Prattler «Rumpel»-Quartier schwelt seit rund zehn Jahren. Gestern standen sich die alleinstehende Rentnerin und der mehrfache Familienvater vor dem Baselbieter Strafgericht in Muttenz gegenüber. Sie hatte den Mit-Vierziger angeklagt; wegen mehrfacher Beschimpfung, übler Nachrede, je nachdem auch wegen Verleumdung und Drohung – er stritt fast alles ab.

«Ich könnte einem Hund niemals etwas zu Leide tun»

Die Klägerin und der Beklagte wohnen nur wenige Meter voneinander entfernt, etwas oberhalb des alten Dorfkerns. Zwar liegt ein Haus zwischen ihren Liegenschaften. Ganz aus dem Weg gehen können sie sich trotzdem nicht – dazu sind die Häuser in diesem Quartier zu stark ineinander verschachtelt, die Parzellen zu schmal.

Das zeigte sich auch am Dienstag, 17. April 2018 – dem Abend, an dem der Konflikt eskalierte. Laut Anklageschrift befand sich der Angeklagte samt Familie im Garten. Er habe sich bei einer anderen Nachbarin, einer Untermieterin der Klägerin, über Cannabisgestank beschwert. Da sei die Klägerin aufgetaucht, habe ihm gesagt, sie habe die Polizei gerufen, wegen der lauten Musik. Der Angeklagte soll im Verlauf des Disputs gesagt haben, die Klägerin würde Drogen anbauen und konsumieren. Nach den erwähnten Beschimpfungen habe er damit gedroht, ihren Hund zu vergiften.

Die Untermieterin war gestern als Zeugin aufgeboten, tauchte jedoch nicht auf. Da die Klägerin die mutmassliche Drohung erst nach Ablauf der Eingabefrist eingebracht hatte, war zumindest unklar, ob das Gericht diesen Punkt überhaupt verhandeln könnte.

Dabei hatte der Beschuldigte zugegeben, ihm sei wohl schon etwas rausgerutscht an jenem Abend im April 2018. Das habe er jedoch als Witz gemeint, denn er könne einem Hund niemals etwas zu Leide tun: Er habe damals gesagt, er werfe jetzt den Hund der Nachbarin «gleich auf den Grill». Als die bz im Juni 2019 über den Disput berichtete, sagte die Klägerin, ihr sei das Auto mit Leim verklebt worden. Der Beschuldigte wiederum sagte gestern, schon früher habe die Nachbarin ihn über die Hecke mit Wasser bespritzt.

Beide Parteien hoffen auf ein Ende der Streitigkeiten

Einzelrichterin Barbara Grange appellierte gestern an die Vernunft der beiden Parteien. Ein Urteil könne kaum garantieren, dass Frieden einkehre. «Ob Sie beide es nach einem Urteil besser haben, das stelle ich in Frage.» Noch sei es für eine Einigung nicht zu spät. Die Klägerin hatte eine Genugtuung von 900 Franken und die Erstattung ihrer Anwaltskosten gefordert, rund 5000 Franken. Dem Beschuldigten, der sich als finanziell nicht auf Rosen gebettet beschrieb, drohte zudem eine bedingte Geldbusse bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Nach langem Zögern waren die Streitparteien, die beide ohne Rechtsvertreter erschienen waren, mit einer Einigung einverstanden. Über den Inhalt wurde Stillschweigen vereinbart. Die Klägerin sagte nach der Verhandlung zur bz, sie sei zufrieden mit dem Resultat. «Jetzt hoffe ich, dass Frieden einkehrt.»

Das dürfte auch dem Wunsch des Beschuldigten entsprechen. Er hatte während der Verhandlung mehrfach angetönt, die Angelegenheit belaste ihn stark: «Ich mag nicht mehr. Ich möchte, dass wir einfach in Ruhe gelassen werden.»

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