Reinach

Erste behindertengerechte Tramhaltestelle ist eine Falle für viele Autos

In Reinach geraten immer wieder Autos aufs Tramtrassee. Töngi

In Reinach geraten immer wieder Autos aufs Tramtrassee. Töngi

Die erste behindertengerechte Tramhaltestelle der Region in Reinach entpuppt sich als Autofalle: Bisher gerieten ein Dutzend Autos von der Fahrbahn. Bald könnte sich das Schauspiel auch in der Stadt Basel wiederholen. Ist der Versuch gescheitert?

Es war ausgerechnet ein Behindertentransporter, dem die neue, behindertengerechte Tramhaltestelle Reinach Dorf als Erstem zum Verhängnis wurde. Er geriet über die erhöhte Fahrbahnkante, schlug auf dieser auf und blieb mit zwei Rädern in der Luft hängen. Das berichten Bauarbeiter, die mit der Umgestaltung des Reinacher Ortszentrums beschäftigt sind. Sie waren es auch, die dem Fahrzeug wieder auf alle viere halfen.

Dabei blieb es aber nicht: Mitte August ging die Haltestelle in Betrieb – seither seien mindestens ein Dutzend Fahrzeuge von der Fahrbahn geraten, schätzen die Arbeiter. Es sei zurzeit ihr Nebenjob, Autos zu bergen, «die von der Kante gefallen sind», witzeln sie. Und «von der Kante gefallen» ist wörtlich zu verstehen. Denn Reinach Dorf ist die erste Tramhaltestelle des Typs «Zeitinsel» in der Region (siehe Kasten), die dem Behinderten-Gleichstellungsgesetz entspricht. Ihr «Perron» ist 27 Zentimeter hoch. So können Rollstuhlfahrer ebenerdig ins Tram gelangen. Zuvor entsprach die Kantenhöhe derjenigen eines normalen Trottoir-Rands, der für Autos überwindbar ist.

Die Selbstunfälle in Reinach könnten auch in Basel zur Regel werden. Denn Reinach Dorf hat Pilotcharakter. Bis 2023 müssen alle Haltestellen behindertengerecht umgebaut sein – auch die «Zeitinseln» in Basel-Stadt. Bisher gibt es auf Stadtgebiet drei davon mit erhöhter Fahrbahn, jedoch noch mit normaler Kantenhöhe von 15 bis 18 Zentimetern: beim Riehenring, beim Musical Theater und beim Voltaplatz. Auch sie sollen in den kommenden Jahren umgebaut werden – nach dem Vorbild Reinachs.

Bei der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) will man nicht von einem gescheiterten Versuch sprechen. Projektleiter Axel Mühlemann führt zumindest einen Teil der Selbstunfälle auf die noch fehlenden Markierungen zurück. So sei das Tramtrassee noch nicht als Sperrfläche gekennzeichnet. «Dann prüfen wir auch eine Sicherheitslinie mit erhöhtem Profil. Diese gibt akustische Signale, wenn man sie überfährt.» Die BUD ist nach den Vorfällen aktiv geworden. So soll das Anbringen der Markierungen vorgezogen werden, verspricht Mühlemann.

TCS fordert Katzenaugen

Auch bei den Haltestellen Riehenring, Musical Theater und Voltaplatz in Basel hat es schon gekracht. So verzeichnete die Polizei in den vergangenen fünf Jahren sechs Unfälle wegen der Ränder. In einem Fall wurde eine Person schwer verletzt. Die Behörden haben darauf reagiert. «Bei den Rampenauffahrten sind nun Katzenaugen angebracht», sagt Adrienne Hungerbühler von der Mobilitätsplanung beim Bau- und Verkehrsdepartement. «Und die Sicherheitslinie ist mit sogenannten Rubbel-Markierungen verstärkt worden, wie man sie von Tunnels her kennt. Die Autofahrer hören es, wenn sie die Linie überfahren.»

Hansjörg von Ins, Centerleiter beim TCS Sektion Basel in Füllinsdorf, hält Warnhinweise wie Katzenaugen für die richtige Strategie. «Diese Haltestellen mit dem hohen Rand sind neu, die Menschen müssen sich daran gewöhnen. Deshalb empfinde ich es nur als fair, die Autofahrer mit besonderen Massnahmen aufmerksam zu machen, etwa mit den angesprochenen Reflektoren.»

Eine andere Option besteht darin, das Tramtrassee mit Gras aufzufüllen, wie das an der Voltastrasse der Fall ist. Dort kam es bisher zu keinem einzigen Unfall. In Reinach sei das Bepflanzen jedoch nicht möglich gewesen, heisst es bei der BUD.

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