Leere Regale, ein improvisiertes Getränkedepot, kahle Wände: Das Lehrerzimmer im Heilpädagogischen Zentrum HPZ in Muttenz ist grau und trostlos. Vor etwas mehr als einem Monat sind in den umliegenden Räumen 33 Schüler und Schülerinnen ins neue Schuljahr gestartet. «Wir sind ziemlich gefordert», erklärt Schulleiter Igor Staub. Er muss noch einiges organisieren, sich in seinem neuen Amt zurechtfinden. Da sei fürs Lehrerzimmer schlicht noch keine Zeit geblieben. «Zur Zeit haben wir andere Prioritäten.»

Der karge Raum passt so gar nicht zum bunten Trubel, der sich in den umliegenden Gängen abspielt. Drei junge Männer grüssen freundlich, öffnen ihre knallgelben Spinde und holen ihre Unterlagen. Es ist ein normaler Donnerstagmorgen an einer ungewöhnlichen Schule.

Ungewöhnlich deshalb, weil hier junge Personen mit einer geistigen Behinderung unterrichtet werden. Aus dem ganzen Baselbiet kommen sie hierher, um sich auf die Berufswelt vorzubereiten. Das sonderschulische Brückenangebot richtet sich an Betroffene, die das neunte Schuljahr abgeschlossen haben. Drei Tage die Woche besuchen sie den Unterricht, die restlichen zwei Tage können sie in umliegenden Institutionen, sogenannten Beschäftigungswerkstätten, Arbeitsluft schnuppern.

Es ist ein Konzept, das so erst seit diesem Sommer existiert. Bis anhin waren die Schüler in Berufsvorbereitungsklassen des HPZ untergebracht, hatten keine fixen Arbeitstage. «Wir möchten die berufliche Einbindung stärker gewichten», erklärt Staub. So sollen die Schüler und Schülerinnen ihre individuellen Fähigkeiten entdecken. Das oberste Ziel überhaupt: eine IV-Anlehre. Aber auch Schnupperlehren und Beschäftigungen sind Erfolge, die zählen. Häufig handelt es sich dabei um Montagearbeiten. Es sind Serienarbeiten, die den Betroffenen besonders liegen: Dinge verpacken, kleben, zusammenschrauben. Aber auch andere Arbeiten, beispielsweise in der Küche oder im Holzbau, kommen infrage.

Manchmal führt diese reduzierte Auswahl zu Enttäuschungen. Die Träume sind gross, teilweise zu gross. «Gewisse Wünsche sind utopisch», so Staub. Anwältin, Pilot, Ärztin: Gewisse Berufe bleiben unerreichbar. Das schmerzt. Auch Staub, der das seinen Schützlingen beibringen muss. «Ich versuche, ihnen das auf humane Weise zu erklären.» Ist der Traum zu stark ausgeprägt und die Branche lässt es zu, dann ermutigt er die Betroffenen, einmal in einem Betrieb schnuppern zu gehen. «Die Person muss selbst merken, was drin liegt und was nicht. Das kann ich nicht für sie übernehmen.»

IV gehört zum Schulalltag

Im Raum nebenan haben die Schüler der Klasse 2B gerade Pause. Was sie denn gerne werden möchten? «Automechaniker! Das ist mein Traumberuf», antwortet Nivethan wie aus der Pistole geschossen. Mitschülerin Janine träumt von einer Arbeit mit Kindern, am liebsten in einem Kinderhort. Sie darf demnächst eine Schnupperlehre bei der AHA absolvieren, einer hauswirtschaftlichen Ausbildungsstätte. Wenn alles gut kommt, hat sie nächstes Jahr eine Lehrstelle.

Sie wäre damit eine der wenigen Absolventinnen des HPZ, die den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt schafft. Eine beachtliche Leistung. Schulleiter Staub betont: «Falls die Schüler eine Lehrstelle finden, dann werden sie meist in den zweiten Arbeitsmarkt integriert.» Um gesellschaftlich besser integriert zu werden, müssten die Betroffenen laut Staub aber vermehrt im ersten Arbeitsmarkt tätig sein. Dazu sei kaum ein Arbeitgeber bereit. «Alle sprechen von Integration. Aber was meinen sie damit? Es findet doch keine Integration statt, wenn die Betroffenen immer nur unter sich bleiben», redet sich Staub in Fahrt.

Er fordert einen Austausch, wie er im Schulalltag am HPZ bereits stattfindet. Beim Mittagessen in der Kantine treffen die Schüler und Schülerinnen auf Mitarbeitende der anderen Firmen, die im Gebäude ansässig sind. Noch nie sei es deswegen zu Schwierigkeiten gekommen, im Gegenteil: Man schätze das gegenseitige Kennenlernen, so Staub.

Schnell wird beim Schulbesuch klar: Die Schüler und Schülerinnen werden hier mit der Realität konfrontiert. Statt heiler Welt gibt es harte Fakten. Im Unterricht von Baptiste Kunz sprechen die jungen Erwachsenen über IV-Leistungen und psychologische Gutachten. Mit grösster Selbstverständlichkeit diskutieren sie über ihre finanzielle Unterstützung. «Zum Glück haben wir hier in der Schweiz die IV», sagt Lehrer Kunz zu den Schülern. Das scheint allen im Raum bewusst zu sein. Und doch ist einer der Schüler aufgebracht. «Ich möchte nicht nur von der IV leben, ich möchte arbeiten!», betont er.

Damit das einmal möglich wird, werden die Anwesenden auch in ihrer Auftrittskompetenz geschult. «Viele Betroffene sind sehr schüchtern, zurückhaltend», erklärt Schulleiter Staub. Das, obwohl sie über einige Qualitäten verfügen. So seien die Betroffenen meist äusserst zuverlässig und freundlich und würden eine konstante Leistung erbringen. Es sei schade, wenn sich die Personen dann nicht zu verkaufen wissen. «Wir wollen ihre Ausstrahlung trainieren, damit sie sich im Leben behaupten können.»

Genderfragen im Musikunterricht

Nicht immer wird in der Schule über solch ernsthafte Themen gesprochen. Lehrer Kunz hat bereits das Akkordeon hervorgeholt. Es ist ein herbstliches Lied, das er ausgewählt hat. «Bunt sind schon die Wälder», singt die Klasse im Kreis. Die erste Strophe kennen alle auswendig, die übrigen bereiten Mühe. Das Lesen ab Blatt ist nicht einfach, nicht jedes Wort kennen die Schüler. Es geht um Knaben, die in den Reben arbeiten. «Und was machen die Mädchen?», fragt Kunz die Klasse. «Sie singen und tanzen.» Ein Text, den er nicht unkommentiert lassen möchte. «Das wäre heute nicht mehr so. Heute würden wir sagen: Die Mädchen und Knaben ernten die Trauben und danach tanzen und singen alle zusammen.»

Ein didaktischer Exkurs, der zeigt, dass der Lehrerschaft vor allem etwas wichtig ist: Sie möchten die Wirklichkeit vermitteln, die gesellschaftliche Normalität und ihre Hürden – inklusive Genderfragen.

Die erfrischende Art des Unterrichts und dessen lebensnahe Thematik sind ungewöhnlich. Beides scheinen die Schüler zu geniessen: Sie lachen, hören zu, strecken auf, fragen nach. Und auch Lehrer Kunz blüht auf, wird vor der Klasse zum einfühlsamen Entertainer.

Ein Zimmer weiter. «Ich bin Mia», sagt ein kleines, zierliches Mädchen strahlend und streckt die Hand aus. Anders als ihre Kollegen im Profil B wird Mia wohl nie eine Lehrstelle haben, sondern einer geschützten Beschäftigung nachgehen. Zusammen mit wenigen anderen Schülern besucht sie die Schule im Profil A. Das kognitive Niveau ist deutlich eingeschränkt. Lesen, schreiben, sprechen: Für die Anwesenden eine Herausforderung, für einige gar unmöglich. «Die Betreuung ist intensiver, der Unterricht verspielter», erklärt Schulleiter Staub.

Mit viel Geduld kümmern sich zwei Lehrerinnen um die Schüler. Sie schreiben Tierarten auf einen Flipchart. Affe, Ameise, Bär: Der Reihe nach nennen die Schüler und Schülerinnen ein Tier, das dann alphabetisch eingeordnet wird. Die Lehrerinnen helfen ihnen auf die Sprünge, wenn sie nicht mehr weiter wissen. Die Müdigkeit ist gross. Es ist kurz vor zwölf, Zeit fürs Mittagessen. Doch auch sonst haben noch nicht alle das ideale Lernumfeld gefunden, wie Schulleiter Staub erklärt. «Einige Schüler langweilen sich, andere sind überfordert», erläutert Staub. «Das Spektrum ist riesig.»

Dennoch zieht er etwas mehr als einen Monat nach Schulbeginn eine positive Bilanz. Der Bezug zur Arbeit sei mit dem neuen Konzept viel konkreter. Das Ziel bleibt dasselbe: Die jungen Erwachsenen in der Berufswelt zu verankern. Staub versucht, für jede Person den geeigneten Job heraus zu spüren. Nicht immer stehe die Art der Arbeit im Zentrum, auch die Grösse des Unternehmens oder das Arbeitsumfeld seien wichtig. «Bei gewissen Leuten weiss ich: Diese Person braucht einen einfühlsamen Chef, dann ist alles andere nicht mehr so wichtig.»