Mit einer Fläche von gegen 400 000 Quadratmetern ist die Rheinebene bei Pratteln eines der grössten Planungsgebiete der Schweiz. Für die Wirtschaftsförderung im Kanton Baselland ist Salina Raurica wohl das wichtigste Dossier überhaupt. Im Westteil bei der Autobahnausfahrt Pratteln baut Coop derzeit auf der grössten Baustelle der Nordwestschweiz eine Schokoladenfabrik und Weinabfüllanlage. Dazu nur eine beeindruckende Zahl: Für das Coop-Produktionszentrum werden 9200 Tonnen Stahl verbaut – mehr als für den Eiffelturm. Im Frühling 2017 sollen die Produktionsanlagen in Betrieb genommen werden.

Ungefähr so könnte Salina Raurica in den nächsten Jahren überbaut werden (unten rechts das neue Coop-Produktionszentrum an der Autobahn A2, links der Rhein, oben die Gebiete Pratteln-Längi und Augst). Ken

Ungefähr so könnte Salina Raurica in den nächsten Jahren überbaut werden (unten rechts das neue Coop-Produktionszentrum an der Autobahn A2, links der Rhein, oben die Gebiete Pratteln-Längi und Augst). Ken

Seit 15 Jahren wird geplant

Doch mit der Inwertsetzung des riesigen Ostteils von Salina Raurica harzt es. Seit 2009 besteht für dieses Gebiet ein kantonaler Spezialrichtplan, allerdings ist bis heute hier kein einziger Kubikmeter Erde umgepflügt worden. Im Frühling 2014 hat der Kanton die Arealentwicklung an die Losinger Marazzi AG übertragen. Die Berner Totalunternehmerin zählt zu den hiesigen Branchenleadern, hat das Stade de Suisse gebaut, ist auf der Basler Erlenmatt aktiv und zeichnet auch für die Umgestaltung des Hero-Areals in Lenzburg verantwortlich.

Christoph Buser, Direktor der Baselbieter Wirtschaftskammer, stellt dem Kanton in der mittlerweile 15-jährigen Entwicklungsgeschichte von Salina Raurica ein schlechtes Zeugnis aus. Auch in den vergangenen anderthalb Jahren habe sich nicht viel getan. Was 2014 als Befreiungsschlag in der stockenden Entwicklung von Salina Raurica kommentiert wurde, sieht Buser heute als «Augenwischerei». Dass Losinger Marazzi übernommen habe, sei nicht a priori falsch gewesen. «Doch nach wie vor herrscht ein Kompetenzgerangel zwischen Kanton und Gemeinde.»

Dass Buser mit dieser Einschätzung nicht daneben liegt und beim Projekt nicht alle Beteiligten dieselbe Sprache sprechen, bestätigt indirekt Gemeindepräsident Beat Stingelin: «Pratteln arbeitet nicht mit Losinger Marazzi zusammen. Sie müssen den Kanton fragen, wofür er den privaten Arealentwickler benötigt.» Stingelin räumt ein, dass es «hätte schneller gehen können». Auf Anfrage verrät er, dass es nun aber vorwärtsgehe.

4400 neue Arbeitsplätze

Der Prattler Einwohnerrat wird am 1. Februar über den Zonenplan sowie den Strassennetzplan für Salina Raurica beraten; beide Pläne sind vom Gemeinderat kurz vor Weihnachten verabschiedet worden. Sie stellen die Grundlage dar, damit eine Inwertsetzung überhaupt erfolgen kann. Kanton und Gemeinde peilen in Salina Raurica einen Nutzungsmix von Wohnen und Arbeiten an. Gemäss Planungsbericht wird das Potenzial auf rund 3200 neue Einwohner (davon 2200 in Pratteln und 1000 in Augst) sowie 4400 neue Arbeitsplätze (alle in Pratteln) geschätzt. Das macht total 7600 künftige Raumnutzer. Diese Zahl ist nach unten korrigiert worden; 2012 war noch von 8100 Bewohnern und Beschäftigten die Rede, 2004 – am Anfang der Planung – gar von 9600 Personen.

Im angelaufenen 2016 stehen in Salina Raurica neben der erwähnten Zonenplanung weitere wichtige Entwicklungsschritte an: So entscheidet der Landrat im Sommer über den Baukredit zur Verlegung der Rheinstrasse vom Rhein an die Autobahn A2; in Betrieb genommen werden soll die neue Kantonsstrasse 2020. Auch wird dieses Jahr ein Projekt zur Verlängerung der Tramlinie 14 von Pratteln nach Salina Raurica ins Parlament kommen. Ferner soll 2016 der Bund die Zurlindengrube aus dem Inventar der Amphibienlaichgebiete von nationaler Bedeutung entlassen; die Bemühungen um einen Ersatzstandort für die Kreuzkröten, die Lachmatt in Muttenz, seien erfolgreich gewesen, teilt die Bau- und Umweltschutzdirektion mit.

«Es geht in Salina Raurica durchaus vorwärts, wenn auch nicht immer im gewünschten Tempo», resümiert Kantonsplaner Martin Kolb. Ein Grund für die Verzögerung sei das Sanierungskonzept bei der ARA Rhein, sagt Kolb und stützt damit Aussagen von Gemeindepräsident Stingelin im Interview. Die Massnahmen würden das Gestank-Problem lösen, führten aber zu einem zusätzlichen Flächenbedarf der im Planungsperimeter von Salina Raurica domizilierten ARA, führt Kolb aus.

«In der Bürokratie verpufft»

Zur grossen Herausforderung in der weiteren Planung wird nun das Landumlegungsverfahren. Im Ostteil von Salina Raurica besitzen zwar der Kanton, die Gemeinde Pratteln und die Roche zusammen 140 000 der insgesamt 170 000 Quadratmeter unbebauten Fläche. Daneben existieren aber etliche private Landeigentümer. «Wesentliche Handänderungen hat es in den vergangenen Jahren nicht gegeben», räumt Kantonsplaner Kolb ein. Die Landeigentümer unterstützten aber die Planung von Kanton und Gemeinde, hält er fest. Zum offensichtlich umstrittenen Auftrag an Losinger Marazzi betont Kolb, dass der Arealentwickler mit den Landeigentümern Gespräche geführt und in Form von Planungsvorschlägen «etliche Vorleistungen» erbracht habe. Mit Losinger Marazzi soll nun der Planungsprozess in Salina Raurica Ost beschleunigt werden.

Wirtschaftskammer-Direktor Buser nimmt die jüngsten Schritte erfreut zur Kenntnis, bleibt aber nach den ereignisarmen Jahren skeptisch. Für ihn liegt der Schlüssel für die Entwicklung von Salina Raurica ganz klar beim Kanton. Bis heute verpufften die Initiativen irgendwo in der Behördenbürokratie zwischen Raumplanung, Volkswirtschaftsdirektion, Hochbauamt und den Gemeinden.