Tetraplegiker

«Es war der blanke Horror» – eine einzelne Sekunde veränderte sein Leben

Das Internet ist sein Tor zur Welt: Marcel Stalder aus Frenkendorf.

Marcel Stalder brauchte fünf Jahre, um sein Schicksal zu akzeptieren. Das Schreiben gibt dem Tetraplegiker Mut. Auf sein erstes Buch «May it be – möge es sein» folgt nun das zweite «Move on - weiterfahren».

Wenn es nur so einfach wäre mit dem jugendlichen Leichtsinn: Fehlermachen, Fingerklopfen, Lerneffekt, Erwachsenwerden. Doch manchmal verändert eine Tat, eine kopflose Entscheidung, eine verdammte Sekunde ein ganzes Leben. Marcel Stalder hatte so eine Sekunde, am 15. September 1989, irgendwann zwischen 20 und 21 Uhr abends.

Stalder war Turner, TV Frenkendorf, und der Turnabend stand bevor. Den Salto auf dem Trampolin sprang er mit Routine, auch an diesem Abend vor 30 Jahren. Was ihn dann ritt, welch ungestümer Leichtsinn, kann er sich nicht mehr zusammenreimen. Er war müde nach einem Tag in der Berufsschule, Lokomotivführer wollte er werden. Morgens hatte er eine Prüfung vergeigt und überlegte sich, überhaupt ins Training zu gehen.

Ein Salto-Versuch mit fatalen Folgen

Es sind viele Kleinigkeiten, die dazu führten, dass Marcel Stalder dennoch ins Training ging, dass er sorglos, ja fahrlässig turnte – und dass er schliesslich versuchte, einen doppelten Salto zu springen. Den hatte er noch nie zuvor versucht. Dann ging alles schnell. Nach der ersten Umdrehung verlor er die Orientierung, die Landung auf dem Kopf quetschte seinen fünften Halswirbel.

Da lag er also, war voll da, blickte umher und fühlte keinen Schmerz. Als er aufstehen wollte, war da kein Körper. Nichts reagierte, und nichts war fühlbar – bis auf eine aufkeimende Panik, die sich nach und nach als unumstössliche Wahrheit entpuppte. Marcel Stalder, 21, war kein Streich gespielt worden, er würde auch nicht aus einem Traum aufwachen; Marcel Stalder war von nun an Tetraplegiker, gelähmt von den Schultern abwärts. Nie mehr turnen, nie mehr gehen, nie mehr Auto fahren, nie mehr allein auf die Toilette.

Vor allem die Nächte seien anfangs schlimm gewesen, «der blanke Horror». Mit «anfangs» sind die ersten fünf Jahre nach seinem Unfall gemeint. «So lange brauchte ich, um mein Schicksal wirklich zu akzeptieren». Doch in den ersten Nächten war er allein mit seinen Gedanken, fand auf nichts eine Antwort – und bat seinen Vater, ihm eine Kugel in den Kopf zu jagen. «Damit dieser Albtraum ein Ende nimmt.»

Doch Marcel Stalder hat ins Leben zurückgefunden. Einerseits dank des Reisens. Und zwar nicht mit einem Wochenendtrip ins Tessin, sondern mit Fernreisen nach Kambodscha, Kenia oder Schweden. Und mit der Reise schlechthin: einem ganzen Jahr im Wohnmobil durch Mittel- und Nordamerika. Die drei Assistenten, die ihn dabei begleiteten, fand er im Internet. Überhaupt: das Internet. «Es ist mein Tor zur Welt. Die technischen Entwicklungen helfen meinem Leben ungemein», sagt Stalder, der gerade seine nächste Reise plant: Thailand. Im Februar geht es los.

Davor aber geht es mit der Familie – und dem eigenen Camper, den er sich im vergangenen Jahr angeschafft hat – an den Gardasee. «Sie können sich ja vorstellen, wie viel Vorbereitung eine solche Reise für einen Tetraplegiker benötigt», sagt er grinsend. Leisten kann er sich das übrigens, weil er bei seiner Mutter lebt und diese – neben dem Bruder, einem Cousin und den Nachbarn – stets zur Stelle sind.

Software, die gesprochene Worte umwandelt

Wenn das Reisen der eine Haken ist, der ihn aus seinem schwarzen Loch der Verzweiflung riss, dann ist das Schreiben der andere. Marcel Stalder ist zwar auf Hilfe angewiesen, fürs Waschen, Wasserlösen, Husten, Essen, Zubettgehen. Doch schreiben kann er – dank eines Pens, den er an die Hand schnallt, und einer Software, die seine gesprochenen Worte in Text umwandelt.

Zwei Bücher hat er auf diese Art verfasst. Beide präsentiert er am 16. September in der Rehab Basel, jenem Ort, an dem er vor genau 30 Jahren mit dem Leben rang – und haderte. «May it be – möge es sein» heisst das eine, in dem er seinen Weg zurück ins Leben schildert. Es begann als Schreibtherapie, «nun hoffe ich, dass ich damit anderen Hoffnung machen kann.»

«Move on – weiterfahren» nennt sich das zweite Buch. Wie der Name sagt, ist es die Geschichte eines Roadtrips. Der Autor beschreibt darin insbesondere seine Amerikareise, die wunderbaren Momente, die Landschaft, die Bekanntschaften, aber auch die Ängste, die Unsicherheiten und Wagnisse. «Move on» ist auch ein Dokument des Mutes, das auch andere ermutigen soll – und das Zeugnis eines Mannes, der trotz Rollstuhl nicht stillsitzen kann.

 

Buchvernissage: 16. September, 16.30 Uhr, Rehab Basel.
Marcel Stalder: «May it be – möge es sein» und «Move on – weiterfahren», Eigerverlag Mumenthaler, Burgistein
www.staldi.ch

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