Martin Stingelin

Evangelisch-reformierte Kirche Baselland verpasst sich neue Strukturen: «Zentralisierung wäre schlecht»

«Ich hoffe, man spüre in meiner Tätigkeit als ‹Manager› oder Kirchenpolitiker, dass ich Theologe bin.»

«Ich hoffe, man spüre in meiner Tätigkeit als ‹Manager› oder Kirchenpolitiker, dass ich Theologe bin.»

Mit Anreizen soll die Zusammenarbeit von Kirchgemeinden gefördert werden, sagt Kirchenratspräsident Martin Stingelin. Und er fragt sich: «Wie schaffen wir es, das Evangelium in die Sprache der heutigen Menschen zu übersetzen?»

Herr Stingelin, Sie haben immer weniger Mitglieder und dazu Geldsorgen – befindet sich die Evangelisch-reformierte Kirche Baselland in einer Krise?

Martin Stingelin: Nein, eindeutig nicht. Aber wir sind grossen Herausforderungen ausgesetzt, die wir anpacken müssen. Mit knapp 90'000 Mitgliedern ist diese Zahl immer noch sehr namhaft und ungefähr gleich hoch wie 1955.

Aber Mitgliederschwund und zu wenig Geld klingen dramatisch.

Ich rede nie von einem Mitgliederschwund, sondern von einem Mitgliederrückgang – und dies sehr bewusst, weil die Kirche sich zwar verändern wird, aber nicht verschwindet. Zu den Geldsorgen: Auch das ist Ansichtssache. Klar haben wir zu wenig finanzielle Mittel, wenn wir all die Aufgaben anschauen, die wir erfüllen wollen. Verglichen mit anderen Landeskirchen geht es uns jedoch gut. Man darf die Geldsorgen nicht allzu stark gewichten. Beachten wir die Steuereinnahmen der Kirchgemeinden, dann sehen wir, dass die Mitgliederzahlen zwar zurückgehen, die Erträge aber momentan gleichbleibend sind. Früher oder später wird diese Kurve sinken. Wir haben aktuell noch Zeit, um gewisse Sachen anzupacken, damit wir nicht in eine Sackgasse geraten.

War diese Entwicklung absehbar?

Als Kantonalkirche wurden wir überrascht von der ganzen Pensionskassen-Geschichte. Unser Personal und die Pfarrpersonen sind bei der Basellandschaftlichen Pensionskasse versichert. Die erste Revision kostete uns insgesamt rund 27 Millionen Franken, davon mussten die Kirchgemeinden einen Anteil leisten. Die folgende Unterdeckung im Jahr 2015 und nun die Umstellungskosten schenken mit zirka fünf Millionen nochmals kräftig ein.

Der Visitationsbericht 2013 bis 2015, der unter alt Regierungsrat Peter Schmid entstanden ist, gilt als Basis, um die Kirchenstrukturen zu erneuern. Wo ist Handlungsbedarf angesagt?

Beim Visitationsbericht geht es bei weitem nicht nur um Strukturen, sondern auch um Inhalt und das Kirche-Sein in der heutigen Zeit. Insgesamt sind es 23 Handlungsempfehlungen, die der Bericht gibt. Zum Beispiel sollen das Kirchgemeindeprofil und die Mitfinanzierung beim Unterhalt von Immobilien überprüft werden. Der Visitationsbericht empfiehlt weiter, dass wir auch die kantonalen Fachstellen und Spezialpfarrämter sowie ihre Dienstleistungen, die sie für die Gesamtbevölkerung erbringen, als wichtige Elemente für die Kirchentätigkeit nicht vergessen dürfen. Dazu gehören unter anderem die Spital- und Gefängnisseelsorge oder das ökumenische Pfarramt für Industrie und Wirtschaft. Zur Diskussion stellt der Bericht auch die Einführung einer freien Kirchgemeindewahl, weil die Bevölkerung heute mobiler ist. Nach einem Wohnortswechsel soll eine aktive Mitarbeit in der Kirche im Dorf, wo jemand verankert ist, weiter möglich sein. Als Ganzes empfiehlt er, die Verfassung und Kirchenordnung zu revidieren.

Spielen Lohnkosten und Arbeitspensen von Pfarrleuten auch eine Rolle?

Insofern, weil wir derzeit ein System haben mit Subventionsbeiträgen an Kirchgemeinden aufgrund deren Grösse. Ab 1000 Mitgliedern gibt es eine volle Pfarrstelle. Kleinere Kirchgemeinden haben nur noch Teilpensen, weil sie die Stelle sonst nicht finanzieren könnten. Wir bezahlen etwa 46 Prozent. Will heissen: Kleine Kirchgemeinden müssen intensiver kooperieren oder später möglicherweise fusionieren.

Da stehen schmerzhafte Eingriffe bevor.

Die Frage ist: Für wen? Für aktive Pfarrpersonen ist das zum Teil der Fall; bei ihnen wird es Veränderungen geben, ihr Besitzstand bleibt aber eine gewisse Zeit gewahrt. Hinzu kommt, dass wir in den nächsten Jahren einen Pfarrmangel haben werden. Dies könnte uns entgegenkommen beim Besetzen von Stellenprozenten. Eine andere Frage ist, wie sich Kirchgemeinden zu Teilpensen von Pfarrleuten stellen. Sie sind sich gewohnt, dass ihre Pfarrpersonen stets verfügbar sind. Unsere Kirche lebt davon, dass sie möglichst nahe bei den Leuten ist und zu diesen enge Beziehungen pflegt. Eine Zentralisierung wäre schlecht. Hier eine gute Balance zu finden, fordert uns enorm heraus.

Sie haben kürzlich die Präsidien der einzelnen Kirchgemeinden über Ihre Absichten informiert. Auf welche Resonanz stossen diese?

Zurzeit ist das noch etwas schwierig einzuschätzen. Die Präsidentinnen und Präsidenten konnten kaum reagieren. Denn bis jetzt sind es bloss Ideen, die schon länger bekannt sind. Nun gehen wir mit Finanzzahlen auf die Präsidien zu und erklären ihnen, was dies praktisch bedeutet. Daraus ergeben sich dann sicher noch intensivere Gespräche. Es geht nicht um finanzstarke und -schwache Kirchgemeinden. Wir wollen mit einer neuen Struktur sicherstellen, dass unsere Kirche weiterhin nahe bei den Leuten sein wird.

Aber den Erhalt von Kleinstkirchgemeinden mit 400 Mitgliedern können wir nicht mehr garantieren. Eine Kirchgemeinde braucht eine gewisse Grösse, damit sie finanziell überleben kann. Deshalb stehen Überlegungen zu vermehrter Zusammenarbeit bis hin zur Fusion im Fokus. Wir müssen jetzt rechnen, was das für jede Kirchgemeinde bedeutet. Einen Finanzausgleich wird es weiterhin geben, aber die Pro-Kopf-Berechnung wird angepasst.

Glauben Sie, dass Sie die Basis dafür gewinnen können?

Vieles ist bereits auf Verfassungsstufe geregelt. Zur Revision gibt es eine Mitgliederabstimmung. Falls Kirchgemeinden gegen das System sind, das wir einführen wollen, dann wird es schwierig – auch wenn zuvor die Synode vielleicht noch Ja sagt dazu. Das Ganze ist ein langer Prozess mit einer gewissen Logik und Stringenz. Bei dieser Gelegenheit möchte ich betonen: Wir haben viele gut funktionierende, tolle Kirchgemeinden, in denen hervorragende Arbeit geleistet wird. Deshalb ist es uns auch sehr wichtig, dass wir das Gespräch suchen und gemeinsam Lösungen erarbeiten können.

Fusionen sind auch ein Thema.

So wie es momentan geplant ist, werden wir niemanden zu einer Fusion verpflichten. Die Gebilde, in denen zusammengearbeitet wird, sind derart unterschiedlich. Aber die Kirchgemeinden müssen in den kommenden Jahren wissen, wie die Struktur aussehen könnte und mit welchem Geld zu rechnen ist, damit sie planen können. Zurzeit würden Kirchgemeinden, die fusionieren, viel Geld verlieren. Deshalb fehlt die Motivation dazu. Hier möchten wir mit der Gesetzesrevision Anreize schaffen für die Zusammenarbeit.

Was ist die ideale Grösse für eine künftige Kirchgemeinde?

Ideal ist eine Grösse, die ermöglicht, die Aufgaben gut zu erfüllen und auch die entsprechenden finanziellen Mittel hat. Wir gehen im Moment von einer Minimalgrösse von 2000 bis 2500 Mitgliedern aus. Das ermöglicht einer Kirchgemeinde auch, verschiedene Berufsgruppen anzustellen: Pfarrpersonen, Sozialdiakone, Religionslehrpersonen.

Die Pfarrleute müssen sich neu ausrichten, denn ein Pfarramt wird anders funktionieren.

Das wissen sie. Teils arbeiten sie in Arbeitsgruppen mit, um das Vorprojekt zur neuen Struktur voranzutreiben. Die Reaktionen der Pfarrleute auf unsere Pläne sind unterschiedlich. Klar ist: Veränderungen lösen zum Teil Ängste aus, weil man nicht weiss, was sie alles mit sich bringen. Die einen sagen, es sei gut, dass man das nun anpacke. Andere meinen: «Machen wir das, aber möglichst rasch, damit wir uns nicht immer mit Strukturen beschäftigen müssen.»

Strukturänderungen reichen nicht. Die Kirche muss sich bei den Leuten wieder vermehrt ins Bewusstsein rücken.

Die Botschaft, die wir weitergeben, ist dieselbe geblieben. Die Frage ist: Wie schaffen wir es, das Evangelium in die Sprache der heutigen Menschen zu übersetzen? Das müssen wir immer wieder überprüfen. Wenn ich vorhin erwähnt habe, dass wir nahe bei den Leuten sein müssen, dann ist das ebenfalls eine Frage der Struktur, auch des Inhalts und der Person. Das Anforderungsprofil und die Kompetenzen, über die heute Pfarrpersonen verfügen müssen, haben sich stark verändert. Diese müssen heute viel kommunikativer sein, man erwartet Dialog- und Konfliktfähigkeit.

Sind Zeitpunkt und Gestaltung von Gottesdiensten angesichts des heutigen Freizeitverhaltens noch zeitgemäss?

In unserer «Zukunftswerkstatt» im April werden wir über den Inhalt der Gefässe diskutieren. In der jetzigen Kirchenordnung ist festgeschrieben, dass jeden Sonntag in jeder Kirchgemeinde ein Gottesdienst stattfinden muss. Hier fragen wir uns: Will man dieses Obligatorium weiterziehen, oder soll der Gottesdienst unter der Woche stattfinden? Und weiter: Was genau ist ein Gottesdienst, welche Bedeutung hat er? Oder umgekehrt: Wenn wir gottesdienstliches Handeln nur als eine unter vielen anderen Sachen verstehen, was ist dann noch das Spezielle an der Kirche? Diesbezüglich hat schon eine riesen Entwicklung stattgefunden. In unserem Kanton haben wir eine grosse Vielfalt an Gottesdienstarten.

Müsste man nicht auch bei Konfirmanden mehr tun? Für viele ist nach dem Konfirmationsfest die Kirche aus den Augen, aus dem Sinn. Junge werden eher selten in Gotteshäusern gesichtet.

Das ist ein Anknüpfungspunkt, den wir auch immer wieder sehen. Ganz klar müssen wir an solchen Orten investieren und präsent sein. Da sehen wir Chancen in Kirchgemeinden oder in deren Zusammenarbeit mit mehreren angestellten Personen. Diese sollen dann ihren Fähigkeiten entsprechend eingesetzt werden. Pfarrpersonen oder Sozialdiakone, die Jugendliche ansprechen und packen können, müssen wir fördern und ihnen Gefässe, Zeit und Geld zur Verfügung stellen. Von einem Einzelpfarramt kann ich nicht erwarten, dass diese Person alle Fähigkeiten besitzt und überall präsent ist. Wir sehen aber auch, dass junge Menschen nicht unbedingt für immer weg sind. Religiosität und Spiritualität hat für viele eine Bedeutung. Viele nähern sich später wieder der Kirche an, zum Beispiel bei der eigenen Hochzeit oder bei der Taufe der Kinder.

Gottfried Locher, der Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, sagte in einem Interview in der «Schweiz am Wochenende» vom 17. März: «Wir brauchen einen Neuanfang in der evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.» Sehen Sie das auch so?

Ich bin mir nicht ganz sicher, was Gottfried Locher meint. Handelt es sich mit dem Neuanfang um die Kirche Schweiz oder um den Kirchenbund? In der Kirche Schweiz fliessen verschiedene Interessen ineinander. Ein Neuanfang wäre es, wenn man die Aufbruchsstimmung als Bewusstsein des gemeinsamen Unterwegsseins sähe. Ich würde jedoch nicht von Anfang reden, sondern von einem neuen Aufbruch. Denn vieles funktioniert gut.

Ihre Arbeit als Kirchenratspräsident ist mehr Managementaufgabe als theologischer Auftrag.

Ja, wenn man theologisches Schaffen und Management völlig auseinanderhält. Ich hoffe, man spüre in meiner Tätigkeit als «Manager» oder Kirchenpolitiker, dass ich Theologe bin. Dass ich mit theologischem Nachdenken und aufgrund meines Glaubens reflektiere und nach dem zu handeln versuche, was die Bibel sagt. Und dass das Management, das mit einem grossen Urvertrauen handelt, nicht allein gestellt ist in dieser Welt und nicht alles von meinem Handeln abhängt. Ich weiss, dass hier einer ist, der mitgeht. Das zweite Merkmal ist ein Menschenbild, in welchem alle Menschen gleichwertig sind. Wenn dies zusammenfliesst, ist für mich nicht einfach hier der Theologe und dort der Manager.

Vor Ihrer jetzigen Tätigkeit waren Sie während 20 Jahren Pfarrer. Fehlt Ihnen der direkte Kontakt zu Kirchenmitgliedern?

Ja. Ich finde den Beruf als Gemeindepfarrer noch immer einen der schönsten oder vermutlich den schönsten – auch rückblickend. Pfarrpersonen sind bei Menschen im Übergang von Freude und Leid dabei. Die Leute bringen ihnen vor Ort meistens immer noch einen grossen Vertrauensvorschuss entgegen. Deshalb kann man am Leben der Menschen Anteil nehmen.

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