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Existenzangst: Der Bund wurmt die Kirschenproduzenten

adellose Kirschen will der Konsument, doch das bewährte Anti-Wurm-Mittel ist ab diesem Jahr verboten.

adellose Kirschen will der Konsument, doch das bewährte Anti-Wurm-Mittel ist ab diesem Jahr verboten.

Ratlosigkeit und Existenzangst geht unter den Baselbieter Landwirten um. «Solche Früchte können wir nicht verkaufen», schimpfen die Bauern. Sie meinen damit verwurmte Kirschen.

Von den verwurmten Kirschen könnten dieses Jahr wohl mehr als in der Vergangenheit von den Bäumen gepflückt werden. Grund ist ein Verbot des bewährten Pflanzenschutzmittels Dimethoat. Dieses schützt seit zirka 50 Jahren die Baselbieter Kernfrucht, die jenseits aller «Sarah-Jane-Gräben» und Kantonsgrenzen beliebt ist.

Mangelhafte Alternativen

Ab dieser Saison müssen die Kirschenproduzenten auf das bewährte Pflanzenschutzmittel verzichten. Dimethoat hält die Kirschenfliege davon ab, ihre Eier in die Kirschen abzulegen. Die Wirkung liegt bei beinnahe 100 Prozent. Doch das Mittel ist giftiger und weniger gut abbaubar als angenommen. Zu diesem Resultat kam das Bundesamt für Gesundheit (BAG) vor etwa zwei Jahren. Das BAG senkte darum den Grenzwert massiv, und das Bundesamt für Landwirtschaft hat Dimethoat sogar verboten. Zwei Jahre lang durften die Baselbieter Bauern das Mittel weiterhin dank einer Sonderbewilligung benutzen. Doch jetzt soll Schluss sein.

Das Problem für die Bauern: Die Alternativen seien unbrauchbar. Das Optimum, das man mit den erlaubten Mitteln heraushohlen könne, sei ein Wirkungsgrad von 93 Prozent. Das heisst, dass jede vierzehnte Kirsche einen Wurm hätte. «Die Qualitätsstandards erreichen wir damit nicht. Die Ernte wäre unverkäuflich», sagt Hansueli Wirz, Präsident des Baselbieter Obstverbandes. «Die Konsumenten erwarten eine tadellose Frucht, aber chemische Rückstände wollen sie auch nicht», meint Wirz. Brisant: Actara, eines der alternativen Pflanzenschutzmittel, ist für Bienen hochgradig giftig. Dazu Wirz: «Dass das erlaubt ist, begreift kein Mensch.»

Auch Stefan Kuske von der Bundesforschungsanstalt Agroscope Changins-Wädenswil hält Actara für weniger geeignet. Doch: «Die Alternativen Alanto und Gazelle waren von der Wirkung her gleich gut wie das Dimethoat. Unsere Praxistests 2012 haben gezeigt, dass die mit Alanto und Gazelle behandelten Kirschen befallsfrei geblieben sind.» Glaubt man dem Bund, müssen sich die Obstbauern nicht vor geschäftsschädigenden Kirschenmaden fürchten.

Aber die Bauern haben mit dem Verbot weitere Probleme. Dazu Wirz: «Jede Kirschensorte müssen wir nur einmal mit Dimethoat besprühen. Um mit den neuen Mitteln die annähernd gleiche Wirkung hinzukriegen, braucht es zwei Behandlungen pro Sorte.» Das sei bei Hochstammbäumen untauglich. Denn vor dem Chemieeinsatz muss das Feld jedes Mal gemäht werden - mit der neuen Regelung müsste der Bauer doppelt so oft mähen wie bisher. «Dann können sie auf der Fläche nichts mehr produzieren», erklärt Wirz.

Bauern wollen Verbot verhandeln

Im April arbeiten die Bauern wieder an den Kirschen fürdieses Jahr. Bis dann hofft Wirz auf eine Lösung: «Ich weiss nicht, wie wir weitermachen sollen, wenn wir Dimethoat nicht mehr verwenden dürfen.»

Hoffnung setzen die Landwirte auf den Schweizer Obstverband. Dieser verhandelt mit dem Bund. Ernst Lüthi ist Sprecher der Kirschen- und Zwetschgenproduktion beim Schweizer Obstverband. Für ihn ist klar, dass das alte Pflanzenschutzmittel verschwinden muss.

Doch auch er hält die Alternativen momentan für unbrauchbar. Die Bundes-Studie von Agroscope beweise nicht, dass die Alternativen praxistauglich sind. «Diese wenigen Versuche sind nicht sehr aussagekräftig», meint er. Es brauche mehr Zeit, Erfahrungen mit den neuen Schutzmitteln zu sammeln. Das Verbot sei gefährlich. Dazu Lüthi: «In Deutschland hat man vor drei Jahren Dimethoat wieder erlaubt, nachdem viele Höfe ihre Früchte nicht mehr verkaufen konnten.»

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