NÄHKÄSTCHEN

Fabienne Ballmer über die Gastroszene nach dem Lockdown: «Die Konkurswelle steht uns noch bevor»

Die Gastfreunschaft spielt eine zentrale Rolle im Leben von Fabienne Ballmer.

Die Gastfreunschaft spielt eine zentrale Rolle im Leben von Fabienne Ballmer.

Die Co-Präsidentin von Gastro Baselland, Fabienne Ballmer plaudert aus dem Nähkästchen. Über Corona und erlernbare Herzlichkeit.

Frau Ballmer, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Fabienne Ballmer: Gastfreundschaft. Das passt ja wunderbar.

Was ist denn für Sie Gastfreundschaft?

Für mich bedeutet Gastfreundschaft mehr als einfach freundlich zu sein. Man muss seine Gäste wirklich gerne haben, ein offenes Herz für sie mitbringen und gewillt sein, ihnen zu dienen.

Sie engagieren sich im Vorstand von Gastro Baselland, haben selber aber kein Lokal. War es schwierig, In Ihrer Position akzeptiert zu werden?

Am Anfang war es das tatsächlich. Noch heute fragt man mich häufig, was ich für einen Betrieb habe. Am Anfang war ich dann immer etwas gehemmt. Mittlerweile sehe ich das aber sogar als Vorteil: Ich habe einen neutralen Aussenblick und stehe mit niemandem in Konkurrenz.

Was machen Sie neben dem Co-Präsidium sonst noch?

Ich habe ein Unternehmen für Coaching im Bereich Gästebetreuung und Persönlichkeitsentwicklung. Spezialisiert habe ich mich tatsächlich auf Gastfreundschaft, genauer auf Herzlichkeit in der Gastronomie. Freundlichkeit kann aufgesetzt sein, das merkt man als Gast. Eine ehrliche Herzlichkeit spürt man hingegen sofort.

Kann man Herzlichkeit denn lernen?

Ein Stück weit schon. Herzlichkeit hat auch viel damit zu tun, wie mutig man ist, etwas von sich preiszugeben. Ich glaube, dass ganz viele Menschen eigentlich herzlich sind, sich aber nicht trauen, dies zu zeigen. In meinen Kursen schule ich unter anderem das Selbstvertrauen. Dann kommt die Herzlichkeit oft ganz von selbst.

Haben Sie vor, selbst einmal ein Restaurant zu eröffnen?

Ja, das ist definitiv ein Ziel von mir. Bisher fehlte aber die Zeit, und es hat sich noch nicht das Richtige ergeben. Ich warte also noch bis etwas kommt, das perfekt zu mir passt. Auch wenn ich es erst mit 60 machen werde.

Was für ein Betrieb stellen Sie sich denn vor?

Keine Bar, dafür bin ich nicht der Typ. Ich glaube, es würde in Richtung gute bürgerliche Küche gehen. Ein Lokal in den Bergen würde mir gefallen.

Wie oft gehen Sie selbst auswärts essen?

Etwa einmal in der Woche.

Was mögen Sie denn am liebsten?

Ich liebe es, Abwechslung zu haben. Authentizität ist mir aber sehr wichtig. Egal ob in einem gehobenen Restaurant oder in einem Schnellimbiss.

Die Gastrobranche wurde vom Lockdown besonders hart getroffen. Sie haben in dieser Zeit sicher viele Geschichten gehört. Was hat Sie am meisten berührt?

Als der Bundesrat am 16. März den Lockdown ausgerufen hat, war das Gefühl der Machtlosigkeit spürbar. Die Menschen waren wie erstarrt. Was die Gastronomen dann aus der Situation gemacht haben – wie kreativ und positiv sie waren – das hat mich sehr berührt. Und auch die Solidarität der Gäste. Vor Corona merkte man die Wertschätzung für die Branche oftmals nicht. Als die Betriebe wieder öffnen durften, waren auch die Gäste sehr dankbar. Das spürten wir.

Nicht alle Betriebe haben den Lockdown überlebt. Wie viele mussten ihr Restaurant schliessen?

Das wissen wir nicht genau. Ich glaube aber, dass uns die grosse Konkurswelle noch bevorsteht. Während dem Lockdown gab es keine Betreibungen. Jetzt läuft die ganze Maschinerie wieder und es gibt keine Soforthilfe mehr. Wenn die Kredite aufgebraucht sind, wird es für viele eng. Von aussen mag es den Anschein erwecken, als würde die Gastronomie wieder leben. Viele Betriebe sind aber auch auf Seminare und Messen angewiesen. Diese Einnahmen fallen nach wie vor weg.

Finden Sie, es braucht mehr Unterstützung vom Kanton?

Ich finde, der Kanton hat mit der Soforthilfe schon sehr viel gemacht. Das Problem der Geschäftsmieten ist aber noch nicht gelöst. Da schlagen bei mir zwei Herzen in der Brust: Wir haben sowohl Mieter als auch Vermieter im Verband. Meiner Meinung nach kann es aber nicht sein, dass die Mieten während dem erzwungenen Lockdown ungehindert eingefordert werden können. Die Last wird so zu stark auf die Mieter abgewälzt. Ich finde, die Forderung nach Mieterlass wird zu wenig ernst genommen. Mit den Soforthilfen ist eben noch nicht alles gedeckt.

Hätten Sie sich schnellere Lockerungen für die Gastronomie gewünscht?

Es war sicher gut, dass am 11. Mai die Restaurants wieder öffnen durften. Doch der Schein trügt: Manche Lokale konnten teilweise nur ein Drittel des Lokals füllen. Bei den Abstandsregeln fand ich es etwas unfair: Im Schwimmbad oder auch im Tram ist man sich teilweise viel näher gekommen als im Restaurant. Gerade diese Regelung hat die Branche hart getroffen.

Sind die Wirte nach dem Lockdown gastfreundlicher als vorher?

Nicht alle. Ich glaube aber, dass die Gastfreundschaft seit der Wiedereröffnung noch wichtiger geworden ist. Während dem Lockdown haben viele ihr Essen nach Hause geholt. Dort kann man es sich genau so einrichten, wie es einem passt. Damit man wiederholt in ein Restaurant geht, braucht es ein positives Erlebnis.

Viele trifft irgendwann im Leben einmal die Idee, ein Restaurant oder eine Bar zu eröffnen? Was raten Sie den Menschen, die aus der Idee Realität machen wollen?

Macht es nur, wenn ihr Menschen gern habt. Und man sollte sicher genug Eigenkapital auf der Seite haben.

Autor

Zara Zatti

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