Liestal

Fall Cheddite: Der Heimatschutz gewinnt gegen die Regierung

Vielleicht müssen die Bauherren nach dem Augenschein und dem Gerichtsentscheid mehr als die Garage (links) und das Trafohaus (rechts) erhalten.

Das Kantonsgericht Baselland heisst die Heimatschutz-Beschwerde gut. Die Schutzwürdigkeit der Fabrikbauten ist vertieft abzuklären.

Die einstige Sprengstofffabrik Cheddite sei eine typische Vertreterin des Fabrikbaus vor dem Ersten Weltkrieg und habe ein ganz besonderes architektonisches und industriegeschichtliches Kapitel von Liestal geschrieben. Repräsentatives Herzstück des aus einem halben Dutzend Gebäuden im Heimatstil bestehenden Ensembles sei das aufwendig und materialgetreu verwirklichte Verwaltungs- und Wohngebäude.

Umgeben seien die sehr gut erhaltenen Bauten von grosszügigen Nutz- und Ziergärten sowie Matten, Hecken und Bäumen. Das schrieb die Kunsthistorikerin Doris Huggel in ihrem Inventar, das sie im Auftrag der Stadt Liestal zur über 100-jährigen Fabrik im Grenzbereich von Liestal und Lausen erstellte.

Dass Huggel den Charakter der kleinen Siedlung gut eingefangen hatte, davon konnten sich am Mittwoch die zwei Dutzend Teilnehmer an dem vom Baselbieter Kantonsgericht angeordneten Augenschein überzeugen. Dass es zu diesem Gruppenausflug kam, dafür zeichnete der Baselbieter Heimatschutz verantwortlich: Er erhob Einsprache gegen den 2017 vom Einwohnerrat Liestal und ein Jahr später vom Regierungsrat genehmigten Quartierplan Cheddite.

Die Firma will auf ihrem ehemaligen Fabrikareal eine grosse Wohnüberbauung realisieren. Dies mit sechs Gebäuden in Lausen, die bereits im Bau sind, und vier in Liestal. Auf dem knapp 12'000 Quadratmeter grossen Teil in Liestal ist vorgesehen, alle ehemaligen Cheddite-Gebäude abzureissen ausser der Garage und dem Trafohaus mit angebautem Waschhaus. Sie sollen in der Mitte der neuen Überbauung an die vormalige Zeit erinnern.

Das ist dem Heimatschutz zu wenig. Dessen Anwalt Michael Kunz verlangte an der Verhandlung nach dem Augenschein, dass ein Gutachten zur Schutzwürdigkeit der Fabrikbauten einzuholen sei. Dies als Grundlage für eine «rechtsgenügliche» Interessenabwägung von Schutzwürdigkeit und einer möglichst hohen Nutzung des Areals. Denn was die Stadt Liestal gemacht habe, sei mangelhaft und habe Vorgaben des Denkmal- und Heimatschutzgesetzes ausser Acht gelassen.

Inventarkarte endet vor Cheddite

Die Gegenseite, allen voran Andres Rohner als Rechtsvertreter der Bau- und Umweltschutzdirektion, machte geltend, dass die Stadt Liestal eine korrekte Interessenabwägung vorgenommen habe. Das gehe aus dem Planungsbericht hervor. Die Cheddite-Gebäude seien in keinem Inventar von Bund und Kanton aufgeführt und somit nicht so bedeutend, dass sie erhalten werden müssten.

Das sah der referierende Richter Niklaus Ruckstuhl ganz anders: «Zuerst braucht es eine klare Aussage, ob es sich bei den Gebäuden um ein schutzwürdiges Denkmal handelt oder nicht. Erst dann kann man gewichten im Rahmen einer Interessenabwägung.» Liestal habe aufgrund einer ungenügenden Grundlage entschieden. Das von Huggel erstellte Inventar sei kein Gutachten mit der klaren Aussage «erhaltenswert» oder «nicht erhaltenswert». Und die Liestaler Stadtbaukommission könne nicht selber eine Empfehlung zur Schutzwürdigkeit abgeben, weil sie auch andere Interessen zu berücksichtigen habe.

Bezüglich des Fehlens der Cheddite-Anlage im Baselbieter Bauinventar wies Ruckstuhl süffisant darauf hin, dass die Inventar-Karte zu Liestal just vor dem Cheddite-Areal ende. Es sei deshalb möglich, dass dieses vergessen gegangen sei. Ruckstuhl beantragte dem Gericht, die Heimatschutz-Beschwerde gutzuheissen und die Quartierplangenehmigung durch die Regierung aufzuheben. Damit liegt der Ball wieder bei Liestal. Die andern vier Richter folgten dem Referenten einstimmig.

Eine Schmonzette am Rande: 2005 wurde ein erster Cheddite-Quartierplan genehmigt, der ebenfalls ohne Gutachten nur das Pächterhaus erhalten wollte. Federführender Liestaler Stadtrat war damals Ruedi Riesen, heute Präsident des obsiegenden Heimatschutzes.

Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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