Prozess

Fall Dojo: «Hier ist etwas Lätzes gelaufen» - Gericht kritisiert Vorinstanz

Paulo Balicha fällt es nach eigenen Angaben schwer, im Arbeitsleben wieder Fuss zu fassen. (Archivbild)

Paulo Balicha fällt es nach eigenen Angaben schwer, im Arbeitsleben wieder Fuss zu fassen. (Archivbild)

Zum Auftakt des Kickboxer-Prozesses berichtet der Hauptangeklagte von hohen Schulden und Gesundheitsproblemen.

Gleich bei der ersten Gelegenheit liess der Strafverteidiger die Katze aus dem Sack. Der Prozess sei abzublasen und zurückzuschicken an die erste Instanz. Der Grund für den Rückweisungsantrag: Die Verteidigung habe Tausende Seiten wichtiger Akten nicht einsehen können, zu Unrecht, und das habe die Arbeit der Verteidigung behindert. Der Prozess sei neu aufzurollen. «Es geht hier nicht um eine Spitzfindigkeit», sagte am Montag Silvio Bürgi, der einen von zwölf Angeklagten verteidigt im Kickboxer-Prozess. «Wir haben es mit einem wesentlichen Mangel zu tun. Es herrschte keine Waffengleichheit – das Verfahren war nicht fair.»

Als ob der Fall Dojo die Baselbieter Justiz nicht schon genug beschäftigt hätte, wurde nun die Wiederholung beantragt - am ersten Tag des Berufungsprozesses vor Kantonsgericht, der gestern begann und für den ganze sechs Tage reserviert sind. Der Überfall fand 2014 statt, die Ermittlungen dauerten über vier Jahre. Die Akten füllen 67 Bundesordner – so viele wie wohl kein Strafprozess zuvor im Baselbiet.

Richter rüffelt die Staatsanwaltschaft

Im September 2018 verurteilte das Baselbieter Strafgericht den Haupttäter Paulo Balicha zu 33 Monaten Freiheitsstrafe, davon zwölf Monate unbedingt, hinzu kamen Geldstrafen. Der Grund, weshalb der heute 43-Jährige Kampfsportler am 24. Februar 2014 mit Freunden und Mitläufern dem Trainingslokal seines Kontrahenten Shemsi Beqiri in Reinach einen Besuch abgestattet hatte: einen Eins-zu-eins-Kampf erzwingen. Als der Schlägertrupp eintraf, war das Lokal gut besetzt, auch Kinder waren am Trainieren. Insgesamt wurden sechs Personen verletzt. Auch Balicha und Beqiri mussten ins Spital.

Mehrere Kläger und die Staatsanwaltschaft fochten Urteile an, jedoch auch Verurteilte, deren Verteidiger unter anderem die erwähnten Einsichtsrechte vermissten. Gerichtspräsident Dieter Eglin erkannte Mängel der Vorinstanz. So sei tatsächlich teilweise keine Akteneinsicht gewährt worden, und das Strafgericht habe das so abgesegnet.

Eine solche Vorselektion von Dokumenten für die Verteidigung sehe das Gesetz aber nicht vor. «Alle kriegen grundsätzlich alle Akten zu Gesicht», tadelte Eglin. Ausnahmen seien möglich, jedoch zu begründen. Sein Fazit: «Hier ist etwas Lätzes gelaufen.» Trotzdem sei der Mangel heilbar, also nicht entscheidend gewesen für das Urteil – der Prozess werde fortgesetzt.

Für die zwölf Angeklagten rund um Paulo Balicha war es gestern trotzdem wie eine Wiederholung. Diejenigen, die erschienen, sassen im selben Raum wie vor eineinhalb Jahren. Weil das Kantonsgericht über keine Säle für derart grosse Verhandlungen verfügt, hatte es sich am Strafjustizzentrum in Muttenz eingemietet. Dass es vor Kantonsgericht nicht um Details geht, zeigt die Besetzung des Gerichts. Neu beurteilt ein Fünfergremium unter dem Vorsitz Eglins den Fall. Es kann auch Freiheitsstrafen über drei Jahre aussprechen. Die erste Instanz, ein Dreiergericht, hatte Balicha zu 33 Monaten verurteilt.

Sein Fuss sieht aus wie derjenige eines 90-Jährigen

Gestern wurden auch die Angeklagten nochmals befragt. Paulo Balicha lebt laut eigenen Aussagen von der Sozialhilfe. Er sagte mit leiser Stimme und auf Dialekt, wegen der vielen Medienberichte über ihn sei es schwer, wieder etwas aufzubauen. Erst kürzlich habe ein Geschäftspartner einen Vertrag für einen Event gekündigt, nachdem er ihn wiedererkannt habe. Er habe Schulden am Hals, ein mittlerer fünfstelliger Betrag.

Auch gesundheitlich ist die Karriere Balichas, der mehre Thaibox-Weltmeistertitel gesammelt hat, zu Ende. Er sei in den letzten Jahren ein Dutzend Mal operiert worden. Sein Arzt habe ihm gesagt, sagte der gebürtige Portugiese, sein Fuss sehe aus «wie derjenige eines 90-Jährigen.» Von den drei Privatklägern, die in Berufung gingen, darunter Shemsi Beqiri, war gestern niemand anwesend. Das Urteil wird am 21. Februar erwartet. Der Prozess wird heute Dienstag fortgesetzt.

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