Homosexualität

Fauxpas mit Folgen: «Damit hat sich Augstburger selber aus dem Rennen genommen»

(Bild: Augstburger und Schoch am Ratspräsidentenfest 2017.)

Mit ihrer Aussage stösst Elisabeth Augstburger nicht nur Philipp Schoch, der kürzlich in Deutschland seinen Partner geheiratet hat, vor den Kopf.

(Bild: Augstburger und Schoch am Ratspräsidentenfest 2017.)

Die Baselbieter EVP-Politikerin Elisabeth Augstburger steht unter Beschuss. In einem Zeitungsporträt sagte sie, auf die umstrittenen Konversionstherapien zur «Heilung» Homosexueller angesprochen: Eine Therapie könne helfen, sofern der oder die Betroffene das wolle. Diese und weitere Aussagen traten eine Lawine heftiger Reaktionen los.

Entrüstung haben sie ausgelöst, die Aussagen der Baselbieter Ständeratskandidatin Elisabeth Augstburger zum Thema Homosexualität. In einem Porträt der «Basler Zeitung» sagte die EVP-Politikerin auf die umstrittenen Konversionstherapien zur «Heilung» Homosexueller angesprochen: Eine Therapie könne helfen, sofern der oder die Betroffene das will.

Zwar schob Augstburger nach: «Auf keinen Fall darf hier Zwang ausgeübt werden.» Dennoch haben die Aussagen Augstburgers, die Mitglied der Freikirche «Bewegung Plus» ist, in den sozialen Medien einen wahren Shitstorm ausgelöst. Wenn im Jahr 2019 in Mitteleuropa der Begriff «Therapie» im selben Zusammenhang mit Homosexualität fällt, dann brennt der Baum.

Auch der Bundesrat hat zum Thema Umpolung eine klare Haltung: «Homosexualität ist keine Krankheit und bedarf keiner Therapie.» Wie es der Zufall will, hat sich die Landesregierung gerade gestern in ihrer Stellungnahme zu einem Vorstoss aus dem Nationalrat dazu geäussert. Demnach ist für sie jegliche Therapie, welche die Veränderung homosexueller Orientierung zum Ziel hat, «aus menschlicher, fachlicher und rechtlicher Sicht abzulehnen».

«Nicht nachvollziehbar und inakzeptabel»

Augstburger steht mit ihrer Meinung unter den vier Ständeratskandierenden alleine da: «Die Position ist für mich absolut nicht nachvollziehbar und inakzeptabel», sagt SP-Nationalrat Eric Nussbaumer, der selber Mitglied einer Freikirche ist. Auch die grüne Nationalrätin Maya Graf distanziert sich in aller Form, verweist ansonsten aber auf ihren Parteikollegen Philipp Schoch.

Der ehemalige Landratspräsident hat kürzlich seinen Mann in Deutschland geheiratet und dies öffentlich gemacht, um darauf hinzuweisen, dass gleichgeschlechtliche Paare in der Schweiz bisher kein Recht auf Eheschliessung haben. Die Aussagen Augstburgers sind für ihn «dicke Post». «Das fühlt sich natürlich gar nicht gut an», sagt Schoch. «Damit hat sich Augstburger wohl selber aus dem Rennen genommen.»

Auf Distanz geht auch FDP-Kandidatin Daniela Schneeberger: Sie kenne viele gleichgeschlechtliche Paare, als liberale Politikerin unterstütze sie die Initiative «Ehe für alle», sagt die Nationalrätin. Für die Aussagen Augstburgers zeigt sie «kein Verständnis».

Auch CVP-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter stellt klar: «Die sexuelle Orientierung ist Privatsache jeder und jedes Einzelnen.» Sie habe in diesen Fragen eine liberale Haltung und befürworte die Initiative «Ehe für alle». Einen Schaden für die gemeinsame Mitte-Listenverbindung von CVP, EVP, GLP und BDP sieht Schneider wegen der Aussagen Augstburgers jedoch nicht: «Es gibt politische Gemeinsamkeiten, aber eben auch einige Differenzen zwischen uns und der EVP.»

GLP-Landrat Yves Krebs ist engagiertes Mitglied der evangelisch-reformierten Kirche. Er befürwortet die Initiative «Ehe für alle» und das Adoptionsrecht für Schwule und Lesben. Reformator Martin Luther habe bereits vor 500 Jahren festgehalten, dass die Ehe keine religiöse, sondern eine zivile Angelegenheit sei. Dennoch nimmt Krebs Augstburger in Schutz: Sie betone im «BaZ»-Porträt auch, dass sie eine lesbische Tochter akzeptieren würde. «Der Shitstorm wird ihr nicht gerecht. Homophob ist Elisabeth Augstburger sicher nicht», sagt Krebs.

Bei «Ehe für alle» zeigt sich die EVP gespalten

Ob Augstburgers Aussagen zur Homosexualität dem Mainstream der EVP entsprechen, ist nicht ganz klar: Eine offizielle Parole zu «Ehe für alle» hat die nationale Partei noch nicht gesprochen. Es gebe dazu in der EVP sehr unterschiedliche Positionen, bestätigt Andrea Heger, Landrätin und kantonale Parteivizepräsidentin. Sie selber sei pro «Ehe für alle», vermute aber, dass sie damit eher in der Minderheit sei.

Hinter seine Ständeratskandidatin stellt sich EVP-Präsident Martin Geiser. «Homosexualität ist keine Krankheit. Es geht darum, dass Personen, die sich in einer Problemsituation befinden, aus welchem Grund auch immer, eine Ansprechstelle finden, bei der sie Hilfe bekommen», findet Geiser. Er glaube nicht, dass dieser Wirbel der EVP-Kandidatur nun nachhaltig schadet. «Im Nachhinein betrachtet hätte Elisabeth Augstburger aber verlangen sollen, dass sie auf die Fragen zu den Therapien differenzierter zitiert wird.»

Wichtig zu betonen ist Heger: «Es gibt hier keine Parteidoktrin. In der EVP wird über dieses Thema sehr offen diskutiert.» Hätte Augstburger gescheiter geschwiegen, um die Empörungswelle mitten im Wahlkampf zu vermeiden? Heger verneint: Schweigen sei auch eine Aussage. «Elisabeth Augstburger ist keine Wundertüte, sondern sagt offen und ehrlich, was sie denkt.» Mangelnde Aufrichtigkeit kann man der 58-jährigen Liestalerin gewiss nicht vorwerfen. Elisabeth Augstburger selbst war bis Redaktionsschluss dieses Textes nicht erreichbar.

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