Aussterben

Findet keine Artgenossen: Steinkauz will nicht ins Baselbiet zurück

Noch schauen die Steinkäuze skeptisch aus dem grenznahen Ausland in Richtung Baselbiet. (Archivbild)

Noch schauen die Steinkäuze skeptisch aus dem grenznahen Ausland in Richtung Baselbiet. (Archivbild)

Das Beispiel des Steinkauzes zeigt, dass ausrotten viel einfacher ist als wieder ansiedeln. Seit den 1980er-Jahren gilt der Steinkauz im Baselbiet als ausgestorben. Grund ist der Mangel an Lebensräumen.

Kaum einem Vogel wird so Unterschiedliches nachgesagt wie dem Steinkauz. Die Palette reicht vom Vogel der Weisheit im antiken Griechenland bis zum Totenvogel in unseren Breitengraden. Dies wegen seines Rufs «Chowitt – kommt mit», der in der Nacht dort gehört wurde, wo man nicht schlief. Und das war auf dem Land früher oft dann der Fall, wenn jemand im Sterben lag. Soll es glauben, wer will, für etwas steht der Steinkauz aber mit Gewissheit: für den Wandel von Landwirtschaft und Landschaft. Und diesbezüglich stellt die kleine Eule dem Baselbiet kein gutes Zeugnis aus.

Denn der Steinkauz war hier einst Alltagsvogel. Er nistete in den Höhlen von alten (Obst-) Bäumen oder in Nischen von Steinhäusern, daher sein Name. Sein bevorzugter Lebensraum waren die reich strukturierten Gebiete zwischen Dorfrändern und Wäldern mit extensiven Wiesen und Weiden, Hochstamm-Obstgärten, Hecken, Ast- und Steinhaufen. Das bot dem Steinkauz eine Vielfalt an Verstecken, Sitzwarten und Beute. Diese bestand aus Käfern, Würmern, Grillen, Kleinvögeln und Reptilien, allem voran aber aus Mäusen. Tempi passati. Mit der intensivierten Landwirtschaft und dem ausufernden Siedlungsbrei verschwanden Lebensraum und Nahrung sukzessive. Das mit dem Resultat, dass der Steinkauz seit den 1980er-Jahren im Baselbiet als ausgestorben gilt. In den letzten zehn Jahren war zwar ab und zu sein Ruf zu hören, eine Brut konnte aber nicht nachgewiesen werden.

Jenseits der Grenze gedeihen die Steinkäuze

Dafür steigen die Bruten jenseits der Landesgrenze. Das überrascht, denn auch dort gibt es weniger und nicht mehr Natur, wenn auch auf einem viel höheren Niveau als in der Schweiz. Die neusten, vor kurzem veröffentlichten Zahlen lassen Ornithologen-Herzen höher schlagen: Im südlichen Elsass zwischen Vogesenfuss und Schweizer Grenze wurden diesen Frühling auf einer Fläche von rund 350 Quadratkilometern 112 Brutpaare mit über 300 Jungvögeln gezählt. Und in den deutschen Landkreisen Lörrach und Teilen von Breisgau, die etwa einen Drittel des elsässischen Gebiets umfassen, 35 Brutpaare mit mindestens 80 Jungen. Damit haben sich die Steinkauz-Zahlen jenseits der Grenze in den letzten 16 Jahren verdreifacht (D) respektive verachtfacht (F).

Die Zahlen stammen vom trinationalen Birdlife-Steinkauzprogramm. Federführend ist dabei Birdlife Schweiz, in deren Dienst auch der Gesamtkoordinator Jonas Leuenberger sowie der Leiter für den Schweizer Teil, Lukas Merkelbach, stehen; beide sind Biologen. Für den deutschen Part zeichnet der Naturschutzbund Südbaden und für den französischen die Ligue pour la Protection des Oiseaux Alsace verantwortlich. Das Steinkauzprogramm läuft seit dem Jahr 2000, seit 2003 zählen Freiwillige Bruten und Jungvögel regelmässig.

Diesem kleinen Heer von aktiven Naturschützern ist es massgeblich zu verdanken, dass die Steinkauz-Populationen im Elsass und um Lörrach wieder zugenommen haben. Denn die Helfer haben nicht nur Vögel gezählt, sondern an die tausend mardersichere Niströhren aufgehängt und – noch wichtiger – Steinkauz-Habitate unterhalten und neue geschaffen, wie Leuenberger erzählt. Auf Schweizer Seite wurden 60 Hektaren Land ökologisch aufgewertet sowie 1500 Hochstammbäume und 2500 Sträucher gesetzt. Das vom Leimental übers Birstal bis ins Fricktal. Trotzdem hat der Steinkauz den Sprung über die Grenze nicht geschafft.

Die Frage nach dem Wieso stellt sich umso mehr, weil sich die nächsten Populationen so nahe – in Frankreich im Oltinger Becken, in Deutschland am Dinkelberg – befinden. Merkelbach gesteht: «Wir haben beim Projektstart unterschätzt, dass eine Wiederansiedlung in der Nordwestschweiz so schwierig ist.» Je länger man sich aber mit dem Steinkauz beschäftige, desto verständlicher werde das. Merkelbach: «Der Steinkauz ist ein hochsoziales Tier, das gerne mit seinesgleichen zusammenlebt.» Deshalb würden sich die Vögel selten in einem Gebiet ohne Artgenossen ansiedeln. Es sei viel einfacher, Steinkauz-Populationen an einem Ort zu vergrössern, wo noch Vögel vorhanden seien.

Neuste Prognose: 2024 sollte es so weit sein

Damit es also in Steinkauz-losen Gebieten zu einer Brut kommt, muss es nicht nur geeignete Lebensräume haben, sondern es müssen sich dort auch mehrere Jungvögel verschiedenen Geschlechts auf der Reviersuche begegnen. Das dürfte auf Schweizer Seite am ehesten zwischen Rodersdorf und Aesch der Fall sein, sagt Merkelbach. Und er macht Mut: «Wenn sich der Steinkauz einmal an einem Ort niederlässt, dann bleibt er. Denn als ausgesprochener Standvogel kennt er dort auch das Versteck der letzten Maus.»

Leuenberger wagt sogar eine Prognose, obwohl sich in der Vergangenheit alle als zu optimistisch erwiesen haben: «Wir starten 2020 eine neue, fünfjährige Projektphase mit Landschaftsaufwertungen und spezifischer Artenförderung in der Nordwestschweiz. Bis spätestens 2024 sollte deshalb die erste Brut hier erfolgen.» Wenn nicht, so bleibt wenigstens der Trost, dass alle Aufwertungen zugunsten des Steinkauzes auch anderen seltenen Vogelarten wie dem Wiedehopf, dem Gartenrotschwanz oder dem Wendehals zugute kommen. Die Geschichte des Steinkauzes zeigt aber eines überdeutlich: Ausrotten ist viel einfacher als wieder ansiedeln.

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Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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