Monatelang verhandelten die Rechtsvertreter von Farideh Eghbali und der Gemeinde Reinach – ohne Resultat. Nun geht Eghbali in die Offensive: Die freigestellte Asylheimbetreuerin hat einen offenen Brief verfasst, in dem sie schwere Vorwürfe an die Adresse ihres Arbeitgebers erhebt, bei dem sie noch immer angestellt ist. Das Schreiben liegt der «Schweiz am Wochenende» vor.  

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Im Brief begründet Eghbali ihren Gang an die Öffentlichkeit damit, dass sie ihre Rechte nun auf dem Prozessweg verteidigen müsse und sich die Ausgangslage verändert habe. Vergangene Woche hat sie Strafanzeige gegen drei Mitglieder des Reinacher Gemeinderats, darunter Präsident Urs Hintermann, und mehrere Gemeindeangestellte eingereicht.

«Darstellung aus meiner Sicht»

«Lange habe ich darauf verzichtet, Privaten oder gar der Öffentlichkeit zu den Vorkommnissen im Asylheim Reinach oder zu meiner persönlichen Situation im Zusammenhang mit meinem Arbeitsverhältnis mit der Gemeinde Auskünfte zu geben», steht im Brief. Nun sehe sie sich aber dazu berechtigt, ihre Sicht der Ereignisse darzulegen – auch deshalb, weil die Gemeinde «monatelang eindimensionale, von jeder Selbstkritik befreite öffentliche Verlautbarungen» verbreitet habe.

Laut Eghbali hat die Gemeinde zahlreiche Versäumnisse begangen: «Leider dauerte es Monate, bis meine Vorgesetzten mögliche Straftaten den zuständigen Behörden weitermeldeten, und dies, obwohl sie in den Medien immer wieder angaben, stets sofort und angemessen reagiert zu haben.»

Am Arbeitsplatz gefilmt?

Auch ihre Ermahnungen spricht Eghbali an. Die erste solche erhielt sie, nachdem sie den Verdacht auf eine intime Beziehung zwischen ihrer damaligen Kollegin S. und einem minderjährigen Heimbewohner dem Leiter der Einrichtung, Christian Magni, gemeldet hatte. Tatsächlich zeigen Protokolle, die der «Schweiz am Wochenende» vorliegen, dass Eghbali am 9. Juni 2016 schriftlich ermahnt wurde. Einer der Vorwürfe: Sie würde sich «ungefragt in Themen einmischen».

Die Baselbieter Staatsanwaltschaft bestätigte im vergangenen Juni, dass eine sexuelle Beziehung zwischen Betreuerin S. und dem 17-jährigen Flüchtling bestand. Das Verfahren wurde jedoch wieder eingestellt, weil kein Abhängigkeitsverhältnis bestanden hatte. Derzeit sind – neben den Anzeigen Eghbalis – weitere Verfahren am Laufen.

Im offenen Brief geht Eghbali auch auf ihre Situation ein. Es sei auf «entwürdigende, unmenschliche Art» auf sie eingehämmert worden. So sei sie auch mit Kameras am Arbeitsort überwacht worden. Von einer solchen mutmasslichen Überwachung handelt eine der beiden Strafanzeigen, die Eghbali eingereicht hat. Neben Verstössen gegen das Arbeitsgesetz klagt Eghbali auch wegen Amtsgeheimnisverletzung und Verleumdung. Ebenso fordert sie per Privatklage Genugtuung.

Sie kritisiert ebenfalls eine Ungleichbehandlung von Seiten der Gemeinde, bei der sie während rund zwanzig Jahren tätig war. So sei sie von der Heimleitung nach ihren Meldungen nicht nur verwarnt, sondern auch schikaniert worden. «Hierfür gaben sich meine Vorgesetzten die allergrösste Mühe. Mögliche Täter von Übergriffen oder anderer Delikte (…) wurden von den Verantwortlichen im Vergleich dazu schonungsvoll behandelt.»

Eghbali war im Februar ein zweites Mal ermahnt und am 3. Mai freigestellt worden. Am selben Tag kündigte der Gemeinderat an einer Medienkonferenz an, ihre Entlassung werde vorbereitet – vollzogen worden ist sie per dato jedoch nicht. Kurz nach der Konferenz musste Eghbali das Heim verlassen, dabei wurde sie von Gemeindepolizisten begleitet.

Grapschende Nachtwächter

Auf Anfrage dieser Zeitung sagt Eghbali, sie könne nicht verstehen, dass die Gemeindebehörden zwar die belastete ehemalige Mitarbeiterin in Schutz genommen hätten, bei ihr jedoch stets davon überzeugt gewesen seien, sie sage nicht die Wahrheit. Ihr sei auch im Februar noch zum Vorwurf gemacht worden, dass S. gekündigt habe. Damals waren die Ermittlungen gegen die fehlbare Betreuerin längst in Gang.

Eghbali hatte vor der zweiten Verwarnung weitere Missstände im Asylheim gemeldet. So beschrieb sie unter anderem, wie ein Nachtwächter Asylsuchende sexuell belästigt habe. Heimbewohner bestätigten in der «Schweiz am Wochenende» diese und weitere Vorwürfe gegen Nachtwächter.

Baldiges Rendezvous

Der Gemeinderat teilte am Dienstag mit, er sehe den Strafanzeigen «gelassen entgegen» und verwies auf frühere Stellungnahmen. Er hält ebenso fest, dass «zu keinem Zeitpunkt Sanktionen gegen eine Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter der Gemeinde ergriffen wurden aufgrund dessen, dass diese auf vermeintliche oder tatsächliche Missstände aufmerksam machten.»

Es sei ebenso «tatsachen- und faktenwidrig», dass Vorgesetzte oder Mitglieder des Gemeinderats versucht hätten, «irgendetwas zu vertuschen». Richtig sei, «dass alle geäusserten Vorwürfe intern abgeklärt, gegebenenfalls Massnahmen ergriffen und in mehreren Fällen und bei hinreichenden Verdachtsmomenten auch der Staatsanwaltschaft zur Kenntnis gebracht worden sind.»

Bereits im Mai hatte die Gemeinde mitgeteilt, mit Eghbali bestünde ein mehrjähriger Arbeitskonflikt. Auch «zahlreiche Massnahmen» hätten keine Besserung herbei geführt.

Am 28. August werden sich Eghbali, die für die SP im Einwohnerrat sitzt, und die Gemeinderatsmitglieder wieder gegenübersitzen. Dann ist die erste Sitzung des Ortsparlaments nach der Sommerpause. Auf der Traktandenliste: Ein Vorstoss zur Asylheim-Affäre.