Matur

Für 750 Ex-Schüler heisst es: Matur bestanden – was kommt jetzt?

Philomina Chakkalakkal wird von ihrer Familie mit Ballonen und einem Plakat empfangen. Sie wollen der stolzen Ex-Schülerin «Gratuliereee».ewi

Philomina Chakkalakkal wird von ihrer Familie mit Ballonen und einem Plakat empfangen. Sie wollen der stolzen Ex-Schülerin «Gratuliereee».ewi

750 Schüler haben im Baselbiet die Matur bestanden, eine von ihnen Philomina Chakkalakkal. In die Freude über die bestandene Matur mischt sich aber auch ein wenig Wehmut. Denn jetzt steht sie vor einer offenen und ungewissen Zukunft

Momentan dreht sich die Welt noch wie gewohnt, und mit ihr drehen 750 ehemalige Gymnasiasten durch – nicht vor Angst vor dem Weltuntergang, sondern vor Freude über die bestandenen Maturprüfungen. 704 Baselbieter Glückspilze haben das Zeugnis diese Woche bereits erhalten. Für 46 Schüler des Gymnasiums Laufental-Thierstein steht die lang ersehnte Zeugnisübergabe noch bevor, so auch für Philomina Chakkalakkal.

Gefühlschaos zum Schulschluss

Die 20-Jährige, aus dem indischen Kulturraum stammende Breitenbacherin zu fragen, wie sie sich nach bestandener Matur fühlt, ist mehr als überflüssig: Die dunklen Augen leuchten, das ausdrucksstarke Gesicht strahlt über alles, und die Worte sprudeln nur so aus Philomina Chakkalakkals Mund. Die Erleichterung ist ihr nicht nur anzusehen, sondern in ihrer ganzen Wohnung spürbar. Was aber auch die ehemalige Gymnasiastin mit Schwerpunktfach Bildnerisches Gestalten bestens weiss: Ein Bild nach dem ersten Eindruck zu analysieren, wäre zu voreilig. Und so wandelt sich das Stimmungsbild auf den zweiten Blick. In die Erleichterung mischt sich Wehmut. «Ich werde so einiges fest vermissen. Irgendwie fühle ich mich ein bisschen verzweifelt», sagt Philomina Chakkalakkal. Am meisten würden ihr die Leute und der Gym-Chor fehlen. Zudem habe sie bis jetzt immer gewusst, was auf sie zukomme. Das habe sich nun schon etwas geändert.

Fremdsprache wird Lieblingsfach

«Nach der Matur ist man eigentlich nichts, nicht einmal arbeitslos», scherzt Philomina Chakkalakkal. Wer eine Lehre machen würde, hätte schon Geld und Arbeitserfahrung. «Dafür sind Gymschüler fähiger, schneller neue Sachen zu lernen.»

Auch sie selbst lernt schnell und liebt die Herausforderungen. Mit zehn Jahren ist Chakkalakkal in die Schweiz gekommen. Deutsch sprach die junge Inderin zu dieser Zeit kein Wort. Ihre Muttersprache ist Malayalam. Heute erzählt sie in akzentfreier Mundart, dass Deutsch ihr Lieblingsfach sei. Und «Demian» von Hermann Hesse ihr Lieblings-Maturbuch.

Maturarbeit zum Weltuntergang

Wer so schnell Deutsch lernt, wird wohl auch die Matur mit links schaffen. Nicht ganz, meint Philomina Chakkalakkal, sie hätte viel gearbeitet. «Die siebeneinhalb Jahre vor der Matur sind entscheidend, um diese zu bestehen.» Mit einer guten Vorbereitung sei die Matur kein Problem mehr. Grössere Sorgen bereitet Chakkalakkal die bevorstehende Zeit: «Ich suche mir einen Job im Pflegebereich, um Geld zu verdienen.»

Auch weiss die vielseitige Breitenbacherin noch nicht, ob sie lieber Kunstgeschichte oder Biologie studieren möchte. Die Zukunft von Chakkalakkal ist also noch ungewiss. Dafür weiss sie genau, was in den nächsten zwei Tagen auf dem Programm steht: Morgen wird die fleissige Ex-Schülerin ihr Maturzeugnis entgegennehmen und es ausgelassen feiern. Und heute wird sie abwarten, was das Ende des Maya-Kalenders zu bedeuten hat. Denn für ihre Maturarbeit hat sich Philomina Chakkalakkal intensiv mit dem Thema Weltuntergang beschäftigt.

«Weltuntergang ist für viele wie eine Religion»

«Ich habe mich mit einem Thema beschäftigen wollen, das alle betrifft und in aller Munde ist», erklärt die Kunstinteressierte. Der 21. Dezember hat Chakkalakkal schon vor rund zwei Jahren dazu bewogen, eine Maturarbeit mit dem Titel «Apokalypse in der Kunst» zu schreiben. «Für viele ist die Weltuntergang-Theorie wie eine Religion. Dass viele Leute daran glauben, muss man ernst nehmen.»

So hat Chakkalakkal apokalyptische Darstellungen aus dem Mittelalter und aus der Zeit der beiden Weltkriege sowie aktuelle Filme zum Weltuntergang analysiert. «Wenn eine Wende bevorsteht, haben die Leute immer Angst vor dem Neuen», kommt Chakkalakkal zum Schluss. Sie hat zwar nicht Angst, dass heute die Welt untergeht. Aber ein bisschen Angst vor allem Neuen, das auf sie zukommen wird.

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