Auszeichnung

«Für uns kann sich Fenster auftun» – Gym Liestal wird für Französisch-Bemühungen ausgezeichnet

Im Gymnasium Liestal geniesst die französische Sprache und Kultur seit langem einen hohen Stellenwert. Kenneth Nars

Im Gymnasium Liestal geniesst die französische Sprache und Kultur seit langem einen hohen Stellenwert. Kenneth Nars

Seit 2003 bietet das Gymnasium Liestal die bilinguale Matur in Französisch und Deutsch an. Das heisst, dass zusätzlich zum Französisch-Unterricht die Fächer Geschichte, Geografie, Mathematik und Physik in französischer Sprache unterrichtet werden.

Jetzt kann das Gym die Früchte dieser Bemühungen ernten: Vorgestern wurde ihm an einer Feier von einer Mitarbeiterin der französischen Botschaft das von Frankreichs Aussenminister unterzeichnete Label «FrancEducation» des französischen Staats überreicht. Das Gym Liestal ist nach Schulen in Zürich und Bellinzona erst die dritte in der Schweiz, die diese Auszeichnung erhält.

Der «bikulturelle» Lehrer Didier Moine ist eine der treibenden Kräfte rund um die Förderung des Französischen am Gym Liestal. Die Auszeichnung biete Chancen und könnte Fenster im EU-Raum öffnen, die für seine Schule sonst geschlossen blieben, sagt er im Interview. Und er äussert sich auch zum Stellenwert des Französischen in der zunehmend anglisierten Deutschschweiz.

 

Herr Moine, das Gym Liestal jubelt über die neuste Auszeichnung. Was bringt das Label der Schule?

Didier Moine: Ja, wir haben das mit einer schönen, emotionalen Feier mit vielen Schülerinnen und Schülern und einigen Behördenvertretern gefeiert. Primär handelt es sich beim Label um eine Anerkennung für unsere Förderung der französischen Sprache und Kultur, zu der auch die Einladung von Schriftstellern oder der periodische, intensive Austausch der Französisch-Lehrpersonen über neue Bücher gehört. Jetzt muss sich zeigen, wie weit uns die Auszeichnung auch einen Mehrwert bringt. Im Vordergrund stehen die Bereiche Netzwerk, Weiterbildung und Schüleraustausch. Vor allem Letzteres fände ich persönlich sehr interessant. Ich denke dabei an einen Austausch mit den weltweit 280 Schulen ausserhalb Frankreichs, die das Label ebenfalls erhalten haben. Für unsere Schule könnte sich dank der Auszeichnung auch ein Fenster zu Organisationen und Bildungsportalen innerhalb der EU auftun, die für uns ansonsten als Schweizer Schule geschlossen sind. Aber hier bin ich im hypothetischen Bereich, die nächsten drei Jahre werden zeigen, was real ist. Für solange haben wir das Label.

Und dann müssen Sie sich erneut bewerben?

Ja. Ob wir das wieder machen, ist abhängig davon, was uns das Label in den nächsten drei Jahren bringt. Denn der ganze Bewerbungsprozess brauchte viel Manpower.

Manpower? Interessant, dass auch Sie Anglizismen verwenden.

(Lacht) Die kommen immer mehr. In Frankreich gab es in den 1990er-Jahren ein Gesetz, das englische Wörter explizit verboten hat. Aber auch dort haben sie gemerkt, dass sich das Englische nicht aufhalten lässt. Heute benutzen auch die Franzosen viele englische Ausdrücke, und das wird noch zunehmen. Von daher ist es fast ein bisschen ein Paradox, dass wir uns das Französische nebst der bilingualen Englisch-Matur, die wir ebenfalls anbieten, so auf die Fahnen schreiben. Denn Französisch ist schweizweit ein Fach, das unbeliebt ist bei den Schülern. Aber die Tatsache, dass wir seit 2003 jährlich ein bis zwei Französisch-Schwerpunktklassen füllen können, zeigt, dass bei den Jungen ein gewisses Interesse vorhanden ist.

Müssen Sie sich denn aktiv um Schüler bemühen?

Wir machen im Gegensatz zum bilingualen Englisch-Angebot schon Werbung. Lehrpersonen der Fachschaft Französisch gehen gezielt in die acht Sekundarschulen von Frenkendorf bis Gelterkinden, die uns Schülerinnen und Schüler zuliefern. Dort stellen wir unser Angebot vor. Am besten funktioniert aber die Mundpropaganda unter den Jungen. Denn das Beherrschen der französischen Sprache ist eine Chance, auch wenn man selbst als Französisch-Lehrer anerkennen muss, dass das Englische einen grösseren Stellenwert hat bei uns. Praktisch die ganze Jugendkultur ist Englisch. Aber es geht nicht um ein Entweder-oder, sondern um ein Sowohl-als-auch.

Wo sehen Sie die erwähnte Chance?

Das geht über ideelle und kulturelle Gründe hinaus in die Wirtschaft. Bei internationalen Firmen ist Englisch die Umgangssprache, bei KMU mit Zuliefern aus dem Welschland oder dem Elsass werden bei Stellenausschreibungen immer auch französische Sprachkenntnisse verlangt.

Aber heute ist es doch so, dass sich Deutschschweizer und Romands zunehmend auf Englisch verständigen.

Das gibt es, und das ist zu bedauern. Meine Beobachtung ist aber, dass viele Welsche weder gut Englisch noch gut Deutsch können und erwarten, dass der Deutschschweizer mit ihnen Französisch spricht. Dazu kann ich anführen, dass bei Klassenaustauschen mit welschen Schulen in der Regel zwei Wochen Französisch gesprochen wird: Das heisst, die Woche, wenn unsere Schüler im Welschland sind, und die Woche, wenn die Welschen bei uns sind.

Wieso das?

Das hat mit der Mentalität und mit der Hassliebe der Welschen gegenüber der deutschen Sprache zu tun. Denn sie merken, dass sie mit dem Deutsch, das sie in der Schule lernten, in der Deutschschweiz, wo fast jeder Dialekt spricht, nicht weit kommen. Da haben wir einen grossen Vorteil: Mit unserem Schulfranzösisch verstehen wir die Welschen und sie uns.

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Autor

Andreas Hirsbrunner

Andreas Hirsbrunner

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