Seltenes Handwerk

Gaby Schneider: «Ich nehme mir Zeit, etwas Neues zu ertüfteln»

«Das Arbeiten an der Drehscheibe ist für mich die zentrale, leidenschaftliche Arbeit im ganzen Werdeprozess der Keramik. Das repetitive Drehen hat etwas Meditatives für mich.»Fotos: Kenneth Nars

«Das Arbeiten an der Drehscheibe ist für mich die zentrale, leidenschaftliche Arbeit im ganzen Werdeprozess der Keramik. Das repetitive Drehen hat etwas Meditatives für mich.»Fotos: Kenneth Nars

Keramikerin sei ein Beruf, der sehr gut autodidaktisch erlernt werden könne, sagt die 57-jährige Gaby Schneider. Die Bottmingerin hat seit 1980 ein eigenes Atelier. Ihre Objekte verkauft sie am Basler Häfelimärt. Gaby Schneider redet mit der bz über ihre Passion.

«Das Arbeiten an der Drehscheibe ist für mich die zentrale, leidenschaftliche Arbeit im ganzen Werdeprozess der Keramik. Das repetitive Drehen hat etwas Meditatives für mich. Ich stelle vorwiegend gedrehte Gebrauchskeramik her.

Ich hantiere ausschliesslich mit hoch brennbarem Ton, Steinzeug genannt. Dieses Material stammt aus Frankreich, Deutschland, England und Spanien. Bei uns in der Schweiz kommt Steinzeug nur in kleinen Quantitäten vor, sodass sich der Abbau nicht lohnt. Gebranntes Steinzeug ist gesintert, also dicht, was beim einheimischen, rotbraunen Backsteinton, dem Steingut, nicht der Fall ist. Die robustere Steinzeugkeramik braucht dadurch nicht zwingend eine Glasur, da diese nicht dichten muss.

Ebenfalls arbeite ich mit tiefbrennendem Porzellan, das mit gleicher Temperatur – 1280 Grad – gebrannt werden kann. Mit der Walltechnik produziere ich Porzellanlampen, die mir das Einarbeiten von ganz unterschiedlichen Strukturen ermöglicht. Die dadurch entstehende Transparenz des Porzellans fasziniert mich.

Eine Tonne Ton pro Jahr

Meine Hände sind mein Werkzeug. Mit der fussbetriebenen Drehscheibe forme ich den Ton mithilfe von Wasser zu Gefässen. Pro Jahr verarbeite ich etwa eine Tonne Ton, den ich in unserem Naturkeller aufbewahre. Er muss zur Ruhe kommen. Je länger die Lagerzeit, desto plastischer wird er. Ich habe zwei Öfen, den elektrischen zum Vorbrennen und den gasbetriebenen, um die Glasur einzubrennen. Den Stromverbrauch decke ich mit einer Beteiligung an einer Solaranlage im Jura ab. Gefässe werden während des Brennens im Ofen selten beschädigt, höchstens wenn ich unter Druck zu wenig Zeit für das Trocknen einräume oder wenn ich Neues experimentiere.

Ein Keramikstück wird, bis es fertig ist, mehrere Male in die Hände genommen. Das Drehen auf der Scheibe geht erstaunlich schnell. Nach Tagen sorgfältigen Antrocknens folgt das Abdrehen im lederharten Zustand, bei dem die äussere Form und der Gefäss-Fuss verfeinert werden. Nach dem langsamen Trocknen wird das Stück das erste Mal gebrannt, bei 900 Grad. Wieder aus dem Ofen, wird es geschliffen, gewaschen, glasiert und nochmals gebrannt, jetzt auf 1280 Grad. Zum Schluss wird am fertigen Stück der glasurenfreie Fuss geschliffen. Im Gegensatz zur Töpferin brennt und glasiert die Keramikerin auch selber.

Jahr für Jahr an der Herbstmesse

Keramikerinnen und Keramiker kennen keinen Stundenlohn, nach welchem sie die Preise ihrer Ware berechnen können. Die Preise richten sich nach dem Marktwert. Sie entsprechen nur in etwa dem Produktionsaufwand. Eine Keramikerin kann heute kaum mehr alleine von ihrem Handwerk leben. Kurse für Erwachsene oder Kinder können die existenzsichernde Zusatzeinnahme sein. Ich fühle mich trotzdem privilegiert, dieses Handwerk in der heutigen Zeit ausführen zu können.

Meine Jahresproduktion verkaufe ich am Häfelimärt der Basler Herbstmesse. Aufgrund des Messeverkaufs werde ich im folgenden Jahr wieder gezielt produzieren. Anfang Jahr nehme ich mir meistens Zeit, um etwas Neues zu ertüfteln. Derzeit experimentiere ich mit zwei verschiedenen Tonarten, die sich nicht wirklich ertragen.

Bis Ende August bin ich mit Dreharbeiten beschäftigt. Danach glasiere und brenne ich während eineinhalb Monaten. Anschliessend folgen die Vorbereitungen für die Herbstmesse. Im Dezember beginne ich wieder mit Drehen. Während dreier Monate arbeite ich also gar nicht an der Scheibe. Dadurch komme ich etwas aus der Übung, sodass ich anfänglich wieder mit einfacheren Formen beginne.

Die Wertschätzung ist gestiegen

Zwischendurch verkaufe ich meine Objekte auch an ein paar Tagesmärkten in der Region. Doch der Aufwand dafür lohnt sich kaum. Die Vor- und Nachbereitungsarbeiten für einen Tag sind gross. In den 1980er-Jahren florierte das Handwerkliche generell. Damals war der Verkauf auch auf diesen Märkten interessant. In der Folge wurde es zunehmend schwieriger, Keramik zu verkaufen. Jetzt ist es eher wieder etwas besser. Die Wertschätzung dafür ist gestiegen.

Ich habe eine grosse Stammkundschaft. Viele Leute kommen alljährlich an meinen Stand auf den Petersplatz. Sie geben mir Rückmeldung. Daraus kann ich oft Anregungen lesen, die mich zu Neuem inspirieren. Ich freue mich natürlich auch zu hören, dass ein täglich benutztes Mucheli noch immer Freude bereitet.

Mit 18 Jahren begann ich zu töpfern. Zuerst besuchte ich den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule Basel. Die Aufnahmeprüfung in die Fachklasse für Keramik in Bern hatte ich leider nicht bestanden, was mich frustrierte. In einer Töpferei konnte ich Erfahrungen im Drehen sammeln. Das Entwickeln eigener Glasuren war mir stets von grosser Bedeutung. Dafür verwendete ich über Jahre einen ganzen Tag pro Woche.

Eine harte Geduldsprobe

Seit 36 Jahren habe ich mein eigenes Atelier. Keramikerin ist ein Beruf, der sehr gut autodidaktisch erlernt werden kann. Wichtig ist mir, dass ich mich mit anderen erfahrenen Keramikerinnen fachlich austauschen kann. Wir führen jährlich einen selbst organisierten Weiterbildungskurs unter sechs Keramikerinnen und Keramikern aus Deutschland und der Schweiz durch. Dieser Austausch ist besonders anregend, weil das Arbeiten in einer anderen Werkstatt neue Impulse entstehen lässt.

Ich gebe Kurse für Erwachsene, die vor allem von Frauen belegt werden. Seit Beginn ermöglichten sie mir, die Kosten für Werkstattmiete und Material zu tragen und regelmässig auch etwas zu verdienen. Kursteilnehmerinnen wollen meistens das Drehen an der Scheibe erlernen. Ein Anspruch, der die Teilnehmenden auf eine harte Geduldsprobe stellen kann. Innere Ruhe und Ausdauer sind erforderlich. Fortgeschrittene wagen sich auch an Porzellan. Von Kursteilnehmerinnen erhalte ich oft Anregungen. Derzeit besuchen eine Grafikerin und eine Designerin einen Kurs. Ihr Blick ist geschult. Das ist für uns alle eine Bereicherung.

Besonders freut mich, wenn ein Objekt nach meinen Vorstellungen gelingt.»

Aufgezeichnet von Simon Tschopp

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