Sechseinhalb Jahre sind eine lange Zeit. Trotzdem passen sie locker in ein Holzschränkchen. Es steht im Chefredaktorenbüro der «Volksstimme» in Sissach. Im Korpus stecken alle Ausgaben der Zeitung, die erschienen sind, seit Jürg Gohl beim Traditionsblatt die Zügel in den Händen hält. Er hat die Zeitungen säuberlich abgelegt, es sind gegen tausend Ausgaben. Obwohl – der Platz reichte doch nicht ganz. Irgendwann wucherte der Stapel auch auf dem Möbel selber weiter. Höher wird der Zeitungsberg aber nicht mehr.

Jürg Gohl gibt die Leitung der Zeitung ab. Der 60-Jährige hört per 31. Juli als Chefredaktor auf. Ab August ist er krankgeschrieben. Multiple Sklerose. Mit der Krankheit lebt er schon lange. Sie wurde bei Gohl diagnostiziert, als er 23 war. Die chronische Erkrankung verläuft in Schüben und bei allen Betroffenen anders. Autofahren kann Gohl noch, fürs Gehen braucht er Stöcke.

Den Entscheid, beruflich kürzerzutreten, habe er an Weihnachten getroffen, sagt Gohl, gemeinsam mit seiner Frau Simone. «Im Kopf bin ich zu 100 Prozent arbeitsfähig. Aber der Körper macht immer weniger mit.»

Seit 35 Jahren arbeitet Gohl als Journalist. Er gilt als Vielschreiber. «Ich bin ein Malocher», sagt er selber. Die Leidenschaft, die er für seinen Beruf aufbringt, ist gross. «Ich bin in die ‹Volksstimme› verliebt», sagt er. «Ich bin in den Journalismus verliebt.»

Es begann mit einem Inserat

Gohls erste und längste Liebe, wenn man so will, war die bz. Insgesamt fünfzehn Jahre schrieb er für die Basellandschaftliche Zeitung, verteilt auf zwei Tranchen. Nach den ersten sieben bz-Jahren wechselte er zur «Basler Zeitung». Es folgte ein Intermezzo beim EHC Basel-Kleinhüningen, danach kehrte er zur bz zurück. Am 1. November 2011 trat er den Chefposten bei der «Volksstimme» an.

Begonnen hat Gohls Karriere aber beim Radio. 1984 suchte «Radio Raurach», erst im Jahr zuvor auf Sendung gegangen, per Inserat einen Sportredaktor. Gohl studierte an der Universität Basel Deutsch und Englisch, daneben jobbte er als Lehrer. Als man ihm mitteilte, dass es weniger Aushilfskräfte brauche, steckte er mitten in den Abschlussprüfungen. Gohl bewarb sich beim Privatradio – wenige Wochen später sass er vor dem Mikrofon.

Vier auf einen Streich

Zwei Jahre später die umgekehrte Situation. Es war sein neuer künftiger Arbeitgeber, der sich bei ihm meldete. Mathis Lüdin, damals bz-Verlagsleiter, hatte mit dem neuen Angestellten viel vor. Gohl sollte der erste vollamtliche Sportredaktor des Blattes werden. Der Umworbene, gerade erstmals Vater geworden, nahm das Angebot an.

Bald weckte er das Interesse der Konkurrenz. 1991 warb ihn die «Basler Zeitung» ab. Andreas W. Schmid, heute Redaktor bei der «Coopzeitung», arbeitete um die Jahrtausendwende mit Gohl im Sportressort der «BaZ». Gohl habe in der Redaktion immer Finken getragen, erinnert sich Schmid. «Die Redaktion war sein Zuhause. Er war unglaublich produktiv. Manchmal schrieb er an vier Texten parallel.»

Jürg Gohls Arbeitsethos ist legendär. Auch Mathis Lüdin spricht von einem Arbeitstier. «Als Sportredaktor war er es sich gewohnt, unter Zeitdruck zu arbeiten. Er lieferte immer zuverlässig.» Manchmal habe er sich wohl auch zu viel aufgeladen. «Er scheute keinen Extra-Effort, konnte schlecht Nein sagen. So wurden seine Arbeitstage nicht selten sehr, sehr lang.»

Nach fast zwei Jahrzehnten Sportjournalismus reizte es Gohl, auch mal die andere Seite zu sehen. 2002 erhielt er die Chance, zum EHC Basel zu wechseln, als Geschäftsführer. Ein Traumangebot, dachte sich der Hockey-Fanatiker. Doch er sollte sich täuschen. Der Job sagte ihm nicht zu. «Ich war überfordert», sagt Gohl. Nach einem Jahr zog er die Reissleine.

«Gohl ist keine Mimose»

Zurück in den Journalismus, zurück zur bz – doch dieses Mal ins Lokalressort. Das bedeutete auch: Kantonspolitik. So traf er auf Elisabeth Schneider-Schneiter, damals noch Landrätin. Die CVP-Nationalrätin erinnert sich gerne an den früheren bz-Polit-Chef. Gohl sei einer der wenigen Journalisten, bei denen sie auf das Gegenlesen von Zitaten verzichtet habe. «Bei ihm war es möglich, ihm etwas im Vertrauen zu sagen», sagt Schneider-Schneiter. «Er hat das Vertrauen nie ausgenutzt.»

Gohl wuchs in Allschwil und Birsfelden auf, wohnte lange in Basel. Trotzdem war ihm das Oberbaselbiet nicht fremd, als er den Posten bei der «Volksstimme» antrat. Mit seiner ersten Frau Anneliese war er 1986 nach Lausen gezogen, dort wuchsen seine beiden Kinder Thomas (geboren 1985) und Julia (1988) auf, auch sie ist heute Journalistin. 2008 liess sich Gohl in Sissach nieder. Es bereitete ihm keine Mühe, der Region den Puls zu fühlen, das attestiert ihm der Sissacher Isaac Reber. Der Grünen-Regierungsrat schreibt der bz, Gohl habe dazu beigetragen, «dass wir Oberbaselbieter uns weiterhin über eine eigene Zeitung freuen dürfen». Das sei alles andere als selbstverständlich.

Der Sissacher Gemeindepräsident Peter Buser erwähnt Nehmerqualitäten. Er habe sich bei Fehlern in der Zeitung sofort bei Gohl gemeldet. «Wir haben die Angelegenheit jeweils rasch bereinigt, bei einem Feierabendbier.» Gohl sei keine Mimose, sagt Buser, «im Gegensatz zu anderen Journalisten, die beleidigt waren, wenn man sie kritisierte».

Randfiguren ganz gross

Gohl verabschiedete sich mit einer Kolumne von seinen Lesern. «Die Ausbeute an Erinnerungswürdigem ist nach 35 Jahren im Journalismus überschaubar», stellt er nüchtern fest. Da wären etwa Interviews mit Roger Federer, Carl Lewis, Günter Netzer. Aber Gohl war kein Cüpli-Journalist, suchte das Scheinwerferlicht nicht. Er hatte ein Flair für vermeintliche Randgeschichten. So porträtierte er einmal einen Oberturner aus Hölstein, der mit einem transplantierten Herz schneller lief als noch mit dem eigenen.

Solche Geschichten sind es, die Gohl am liebsten schrieb. Jetzt hat er mehr Zeit dafür. Er bleibt der «Volksstimme» erhalten, als Autor. Die Zeitung stellt ihm ein Büro zur Verfügung – im Parterre, damit er keine Treppen steigen muss.

Was man nicht alles macht für einen Verehrer.