Rutschmadame

Gefroren im Fegefeuer

Martina Rutschmann
Die Corona-Fegefeuer-Stimmung verunsichert die Menschen.

Die Corona-Fegefeuer-Stimmung verunsichert die Menschen.

Na, wie geht’s uns denn heute? Ich frage nicht Sie persönlich, ich richte die Frage an uns, an uns alle, die in Reichweite dieser Zeitung leben und sich in dieser Corona-Fegefeuer-Stimmung befinden, von der wir nicht wissen, ob sie im Himmel endet oder, wie an vielen Orten der Welt, in der Hölle.

So individuell wir auch sein mögen, wir erleben ein kollektives Befinden, wie es kaum je vorkommt. Alle hängen wir in der Luft wie ein Ast, der beim nächsten Sturm auf dem Boden landet, sofern er nicht von einem Vogel geschnappt und zu einem Nest verarbeitet wird. Natürlich wäre der Ast lieber gross und stark geworden wie seine Äste-Kumpels, doch Astbrüche sind irreversibel, das kleinere Übel ein Segen. Lieber in einem Nest nützlich sein, als in der Feuerschale zu Asche werden.

Der Lockdown war schön, irgendwie. Nicht für alle, klar, aber für viele. Wir wussten, was wir zu tun haben, und waren froh, vieles nicht tun zu müssen. Es war kuschelig und entspannend. Unsere Leben lagen in der Tiefkühltruhe. Morgen, dachten wir, wird alles gut. Morgen, hofften wir, wird alles besser. Und jetzt? Ist morgen. Und nichts ist gut. Schon gar nicht besser. Wir wissen nicht mehr, was wir zu tun haben und was nicht. Unsere Leben sind aufgetaut, doch es sind nicht dieselben Leben wie vor dem Schockfrosten.

Das Problem ist, dass wir alle im selben Boot sitzen und gemeinsam drauflosjammern dürfen, ja, sogar müssen, wenn wir mithalten wollen. Wir haben ja alle die Orientierung verloren und wissen gemeinsam nicht, wo hinsteuern. Können wir das überhaupt noch selber bestimmen? Oder ist Corona wie ein Sturm, der jegliche Selbstbestimmtheit wegfegt wie einen abgebrochenen Ast?

Gibt es einen rettenden Vogel? Was wäre, wenn ein paar von uns diese ungewöhnliche Reise – entgegen der Kollektivlaune – akzeptieren würden? Würden wir uns alle anschliessen und uns neu orientieren? Möglicherweise bleibt uns nichts anderes übrig. Der Himmel ist bei uns näher als die Hölle. Ein kleiner Blick über unsere Reichweite hinaus genügt, um zu sehen: Das ist ein Segen, denn die Hölle kann so nah sein. Also lasst uns jetzt doch noch auf die anfängliche Frage antworten: Uns geht es gut! Trotz allem.

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Martina Rutschmann

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