Es sind meist kleine Dinge aus dem Alltag, die Nicole Guthauser in ihrem Privatmuseum in Bottmingen zeigt – aus einem Alltag allerdings, der einen heute erschaudern lässt. Die Militärhistorikerin sammelt nämlich persönliche Dinge aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Da ist zum Beispiel eine Metalldose, auf die jemand amateurhaft ein grosses Hakenkreuz gemalt hat. Oder ein Buch mit einem Granatsplitter drin. Mit «Heil Hitler!» endet ein Brief, der einer Familie mitteilt, dass ihr Sohn «im Feld» gefallen ist.

Guthauser besitzt auch Sachen wie eine vollständige Ledermappe eines Wehrmachtsoffiziers inklusive Feldtagebuch, eine militärische Lochkamera, eine Hochzeitsausgabe von «Mein Kampf», zahlreiche Feldpostbriefe, ein Exemplar der Zeitung «Die West-Front», Erkennungsmarken von deutschen Soldaten – und viele Fotos. Sie zeigen stolze Soldaten, Erinnerungen an zu Hause und den Alltag in den besetzten Gebieten. Es gibt aber auch ein Bild, auf dem Menschen ratlos um eine Grube stehen. «Vielleicht mussten da Juden ihr eigenes Grab schaufeln», sagt Guthauser. Und sie zeigt ein Formular, auf dem eine Familie Punkt für Punkt auflistet, was sie in einem Bombenangriff verloren hat – Objekte im Wert von 1567 Reichsmark. «Ob sie dann etwas dafür kriegten, ist eine andere Frage», sagt Guthauser.

Objekte vom Nazi-Grossonkel

In ihrem eigens für ihre Ausstellung gekauften Kellerraum sind fast alles Dinge, die man irgendwo schon gesehen hat, sei es im Geschichtsunterricht oder in Dokumentarfilmen. Doch das Besondere an ihrer Sammlung: Zu fast allen Objekten kennt sie die Geschichte und weiss, wem sie gehört haben. Einen Grossteil davon hat sie nämlich von ihrem Grossonkel, einem österreichischen Wehrmachtsoffizier. «Er war ein glühender Nazi», sagt sie. Eindrücklich sichtbar wird das in seiner persönlichen Sammlung von antisemitischen Hetzartikeln. Mit Akribie schnitt er sie aus dem «Stürmer» aus und klebte sie in ein Fotoalbum – ein geballtes Stück Judenhass.

Über seine Nazi-Vergangenheit sprach er danach nie, und niemand fragte ihn danach. Nur Guthauser wollte mehr wissen – und stiess in der österreichischen Verwandtschaft nur auf ein «von mir erfährst Du nichts». Da sie sich schon immer für Geschichte interessiert hatte, lancierte sie eine Anfrage beim deutschen Archiv für Wehrmachtsangehörige. Sie fand heraus, dass der Grossonkel in Dachau in einer Krankenstation tätig war und selber Zeit im Gefängnis verbrachte. Er machte in Dachau auch den Fahrausweis – und genau solche «Geschichten hinter der offiziellen Geschichte» interessieren jetzt seine Grossnichte.

Gänsehaut bei Veteranentreffen

Sie ist Teil einer Historikergruppe, die in der Normandie nach Spuren der Geschichte sucht. Und ihr Beruf als Dolmetscherin verhilft ihr bei manchen Recherchen als Militärhistorikerin. Sie übersetzt nämlich in Dokumentarfilmen von deutschen TV-Sendern die Aussagen von Zeitzeugen und hat bei Büchern mitgearbeitet. So war sie dabei, als ein amerikanischer und ein deutscher Soldat zusammenkamen, die 1944 aufeinander geschossen haben. «Da war zum Gänsehaut kriegen.» Und sie erfuhr von Französinnen, dass die deutschen Männer immer anständig mit ihnen umgegangen seien. «Aber als die sogenannten Befreier
kamen, gings dann los.»

«Es könnte alles wieder passieren»

Ein bisschen, so hofft Guthauser, trägt sie mit ihren Objekten dazu bei, dass die damalige Zeit nicht in Vergessenheit gerät. «Es könnte alles wieder passieren», warnt sie. Sie hatte schon Anfragen von jungen Leuten, die ihr Museum sehen wollten und bei denen sie für alles Nationalsozialistische Bewunderung spürte. «Damit will ich aber nichts zu tun haben», stellt sie klar. Und sie weiss, dass man Sammelstücke aus dem Zweiten Weltkrieg einfach im Internet findet. Doch auch daran hat sie kein Interesse, «da kennt man ja die Geschichte dahinter nicht». Hingegen öffnet sie ernsthaft Interessierten gerne die Türen ihres Kellers, der zwar klein ist, aber eigentlich mehr als ein Museum. «Wir setzen uns hin, ich erzähle über meine Objekte, ich beantworte Fragen und wir reden viel.»

Wer Nicole Guthausers Museum sehen möchte, kann mit Ihr einen Besichtigungstermin vereinbaren.

www.nicole-guthauser.ch