Stadt versus Land

Gejammer über Fluglärm und fehlendes Umweltbewusstsein: Kleingeist und Widersprüche in der Flughafen-Debatte

Die Nachtflugsperre am Euro-Airport ist kürzer als in Zürich und Genf.

Die Nachtflugsperre am Euro-Airport ist kürzer als in Zürich und Genf.

Laut einer Studie ist Fluglärm für die Gesundheit schädlicher als bisher gedacht. Dies hat eine alte Debatte neu entfacht: Soll die Nachtsperre am Euro-Airport ausgedehnt werden? Und: Welchen Stellenwert hat der Flughafen in der Region überhaupt?

Liebe Fluglärmgegner, reist doch mal in eine Grossstadt!

Mit dem Gejammer über den «Fluglärm» seid ihr Unterbaselbieter mitschuldig an der finanziellen Situation in eurem Kanton.

Klingt irgendwie nach gelangweilten Baselbieter Hausfrauen, das Gejammer über den Fluglärm. Zumal die direkt Betroffenen auf dem Binninger Bonzenhügel in Häusern mit doppelt verglasten Scheiben leben, die sie einfach nur zumachen müssten, wenn sie den «Fluglärm» nicht ertragen. An dieser Stelle empfehle ich den notorischen Lärmgegnern sowieso mal, den Flieger zu nehmen. Wie wärs, über Pfingsten in eine Grossstadt wie London, Paris oder Berlin zu fliegen? In den Millionenstädten würden sie eine interessante Beobachtung machen: Obwohl das Leben hier begleitet wird von einem steten, ohrenbetäubenden Lärm, leben hier tatsächlich auch: viele gesunde Rentner über 65. Gemäss Studien ist die Lebenserwartung in Grossstädten gar höher als auf dem Land – weil die Gesundheitsversorgung besser ist als in abgelegenen Gemeinden.

Gemäss der Baselbieter Angst, wonach der Lärm zu einem erhöhten Herzinfarktrisiko führt, müsste in Londons Innenstadt jeder schon vor dem 50. Geburtstag das Zeitliche segnen. Und um den Gedanken zu Ende zu führen: Wie ginge es den Piloten erst, die diesem Fluglärm tagtäglich ausgesetzt sind? Kaum einer würde wohl je das Pensionsalter erreichen. Kurzum: Die Baselbieter hätten Wichtigeres zu tun als den Fluglärm und damit direkt den Flughafen zu bekämpfen. Zumal dieser auch für ihre Wirtschaft existenziell ist. Das ist nämlich die weit wichtigere Erkenntnis der Recherchen vergangener Woche: dass tausende Jobs in der Region am Frachtverkehr hängen, der über den Euro-Airport abgewickelt wird.

Ja, wollen sie dem Kanton einen wirklich grossen Gefallen tun, dann sollten sie die Nachtflugsperre eher einschränken als ausbauen. Hunderte Arbeitsplätze könnten somit auch im Baselbiet geschaffen werden. Ihr, liebe Unterbaselbieter Lärmfluggegner, könnt mithelfen, den Baselbieter Wirtschaftsmotor anspringen zu lassen, indem Ihr nur ein bisschen mehr Fluglärm über euch ergehen lässt. Und diejenigen unter Euch, die nicht einmal das leise Summen hinter den doppelverglasten Fenstern ertragt, leistet euch halt eine Dreifachverglasung. Mit dem Geld, das Ihr durch Eure tiefen Steuern auf die Seite legen könnt.

Der Städter hasst die Autos und liebt das Fliegen – weshalb?

Der Flughafen ist in Basel eine heilige Kuh. Unverständlich, wenn man bedenkt, wie umweltschädlich das Fliegen ist.

Drei Institutionen sollte man bei einem Gespräch in einer Basler Baiz besser nicht kritisieren, will man handfesten Ärger vermeiden. Es sind die drei F: Fasnacht, FCB, Flughafen. Doch wenn ein Kumpel aus der Stadt – er wählt rot-grün, fährt Velo und wettert gegen die Auswüchse des Kapitalismus – ins Dozieren gerät, wie wichtig der Euro-Airport für das wirtschaftliche Gedeihen der Regio Basiliensis ist, dann ist etwas faul. Fakt ist: Es gibt kaum eine umweltschädlichere Tätigkeit als das Fliegen. Ein Flug Zürich-New York verursacht pro Person in etwa gleich viel CO2 wie ein Jahr lang Auto fahren. Es wird zudem zehn Mal mehr des Treibhausgases ausgestossen als bei einer kilometermässig gleich langen Zugreise. Der eine Flug nach New York ist für die Umwelt also gleich schädlich wie hundert Zugreisen ins zehn Mal näher gelegene Paris.

Angesichts dieser Zahlen ist die unkritische Haltung im rot-grünen Basel gegenüber dem Flughafen geradezu unverständlich. Wenn ich zu einem Anlass in der Stadt ausnahmsweise mal mit dem Auto vorfahre, so ernte ich bei meinen Bekannten Nasenrümpfen: «Hättest Du nicht per öV kommen können?» Umgekehrt sind bei denselben Bekannten mehrere Easyjet-Kurztrips pro Jahr nach Amsterdam, Barcelona, Berlin, London nicht der Rede wert. Das kann nur heissen: Es geht diesen Auto-Hassern nicht um die Rettung des Weltklimas, sondern nur um die Maximierung ihrer eigenen Lebensqualität.

Die Verkehrsdebatte ist voller Egoismus und Bigotterie. Wohltuend erscheint da die pragmatische Haltung vieler Bewohner vom Lande. Geleitet von Bescheidenheit und gesundem Mittelmass kommt der Landmensch gar nicht auf die Idee, mehrere Male pro Jahr in den Urlaub zu fliegen. Umgekehrt ist er ideologisch nicht derart verbohrt, dass er einen London-Flug als Todsünde verurteilen würde. Wer nicht alle alltäglichen Pflichten und Bedürfnisse mit einer zehnminütigen Velofahrt verrichten kann, der weiss: Eine sinnvolle Verkehrspolitik kombiniert Velo, Auto, öV und Flugzeug miteinander. Der Flughafen und das Fliegen sind vielleicht nicht so gut, wie dies manche wünschen. Und das Autofahren vielleicht nicht so schlecht, wie dies manche meinen.

Meistgesehen

Artboard 1