Baselbiet

Gemässigter SVPler Daniel Jurt kandidiert für die SVP International

Bis vor kurzem in Stockholm, nun wieder im Liestaler Stedtli: Daniel Jurt.

Bis vor kurzem in Stockholm, nun wieder im Liestaler Stedtli: Daniel Jurt.

Der Berufsoffizier Daniel Jurt kandidiert auf der internationalen Liste. Er lebte lange Zeit im Ausland, in Schweden führte er Verhandlungen um die Gripen-Kampfflieger. Er zeigt auf, wie wichtig internationale Beziehungen für die Schweiz sind.

«This is Lieutenant Colonel Daniel Jurt. Please leave a message and I call you back.» Als Regionaljournalist stösst man selten auf einen Telefonbeantworter mit englischer Ansage. Der ersten Überraschung weicht rasch die logische Erkenntnis: Der Gesuchte kandidiert bei den Nationalratswahlen vom 18. Oktober ja für die SVP International, auf der Liste der Auslandschweizer oder jener, die länger im Ausland gelebt haben.

Bei Gripen-Verhandlungen dabei

Daniel Jurt ist seit 23 Jahren Berufsoffizier, lange in der Infanterie, seit Kurzem in der Luftwaffe. Im Juni ist er mit seiner Familie aus Stockholm zurückgekehrt. Der Liestaler hat in den letzten vier Jahren die Schweizer Armee in Schweden, Norwegen und Finnland vertreten. Verteidigungsattaché in Schweden? Richtig, es geht um den Gripen.

Jurt war an vorderster Front bei den Verhandlungen um den Kauf eines neuen Kampffliegers dabei. Über den gescheiterten Drei-Milliarden-Deal könnte er ein Buch schreiben. Doch das darf und will er nicht, ausserdem ist das eine andere Geschichte. Etwas will der Luftwaffen-Oberstleutnant dann doch loswerden: «Dass das Volk Nein gesagt hat, ist sehr schade.» Die Schweiz benötige ein neues Kampfflugzeug. Davon ist Jurt felsenfest überzeugt.

Im Zentrum des Gesprächs steht aber eine andere Frage: Wie passen SVP und International zusammen? Für Jurt ist dies kein Widerspruch. Als langjähriger «Diplomat in Armeediensten» betont er die Bedeutung internationaler Kontakte für die Schweiz. Jurt ist keiner jener SVPler, die auf alles eindreschen, was aus dem Ausland im Allgemeinen und der EU im Besonderen kommt. «Ich bin kein Freund der Abschottung», stellt er klar. Für ihn sind Globalisierung und freier Handel positiv besetzte Begriffe.

Europa als Friedensprojekt

Das macht ihn noch lange nicht zum Befürworter eines Schweizer EU-Beitritts. Vor allem glaubt Jurt nicht daran, dass von Griechenland bis in die Finnmark einheitliche politische Lösungen sinnvoll seien. Das Konzept eines Europa der Regionen behagt dem überzeugten Föderalisten eher. Allerdings anerkennt Jurt die europäische Idee als Friedensprojekt: «Die EU und ihre Vorgängerorganisationen haben grosse Verdienste daran, dass es zumindest im Herzen Europas in den letzten Jahrzehnten zu keinen kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen ist.» Nicht umsonst habe die EU 2012 den Friedensnobelpreis erhalten, sagt Jurt.

Wie haben die Jahre im Ausland seinen Blick auf die Schweiz geprägt? In den späten 1990er-Jahren war Jurt für die friedenssichernde Mission Swisscoy im Kosovo im Einsatz. Vor seiner Armeezeit war der gelernte Landwirt in den 80er-Jahren für eine NGO in Afghanistan und Pakistan tätig. «Wer länger im Ausland gelebt hat, der kann einen Benchmark ziehen.» Im Gegensatz zu anderen Auslandschweizern, die aufgrund solcher Vergleiche zu Super-Patrioten mutieren, spricht Daniel Jurt zwar ebenfalls mit Stolz, aber ohne ideologische Erregung von seiner Heimat.

Das Bild der Schweiz sei auch in Skandinavien weiterhin extrem gut. «Unser Land wird positiv wahrgenommen als Hort der Demokratie, der Menschenrechte und einer gewissen Egalität, als Staat mit mehreren Sprachen und Kulturen.» Nach dem Ja des Schweizer Volks zur Masseneinwanderungs-Initiative habe er gegenüber schwedischen Bekannten allerdings einen grossen Erklärungsbedarf gespürt. Zumindest das Verständnis sei zurückgekehrt, als er erklärt habe, wie gross die Zuwanderung just im vergangenen Jahrzehnt gewesen sei. «Der Schweiz kann man sicher nicht vorwerfen, dass wir ein isolationistisches Land seien. Im Gegenteil: Die Schweiz ist eines der multikulturellsten Länder der Erde.»

Staatstragendes Milieu

Neben der Auslanderfahrung mag die Herkunft seine Art des Politisierens erklären: Jurt stammt aus Bolligen bei Bern, aus zutiefst bürgerlichem – sein Vater politisierte bei der FDP –, aber eben auch staatstragendem Milieu. Dazu passt weder Poltern noch Polemisieren, und schon gar nicht ein Denken, das in absoluten Kategorien verläuft. Aufschlussreich ist ein Blick auf Jurts Smartvote-Spinne. Das rechtskonservative Profil ist weniger stark ausgeprägt als bei anderen SVP-Politikern. Bei Sicherheitsfragen sowie in der Wirtschaftspolitik liegt Jurt voll auf der Parteilinie, bei Fragen zu Sozialstaat und Umweltschutz weicht er schon mal davon ab. Zudem ist seine Haltung bei der Einwanderung weit weniger restriktiv.

Wer meistert die Flüchtlingskrise besser, Deutschland oder Ungarn? Das deutliche Statement von Daniel Jurt: «Man kann die Stacheldrähte noch so hochziehen. All diese Abwehrmassnahmen bringen nichts.» Die Perspektiven in Ländern wie Syrien seien hoffnungslos, die Flüchtlinge kämen so oder so. Jurt zitiert einen italienischen Marineoffizier, der gesagt habe: Es sei günstiger, Schiffe zu organisieren, die die Flüchtlinge auf der anderen Seite des Mittelmeeres abholen, als diese mit Polizei und Marine abzuwehren. Umgekehrt hält Jurt den «Flüchtlings-Hype» für unehrlich: Jahrelang hätten in Europa sowohl Politiker als auch die Zivilgesellschaft geflissentlich weggeschaut. Aus seiner Sicht hätten die europäischen Staaten gemeinsam mit den USA auf eine Flugverbotszone drängen sollen. Allerdings verstehe er, dass die Staaten des Westens nach den zwiespältigen Erfahrungen in Afghanistan vorsichtig seien, ein weiteres Land befrieden zu wollen. Dieses Abwägen passt zum Charakter und Credo von Daniel Jurt. Verschiedene Positionen sorgfältig gegeneinander abzuwägen bedeutet nicht, keine Haltung einzunehmen. Damit befindet sich Jurt in der SVP heute indes in der Minderheit.

Als Kandidat auf einer Unterliste hat Jurt keine Chance, in den Nationalrat gewählt zu werden. Nach seiner Rückkehr ins Baselbiet will er sich aber politisch wieder stärker engagieren und 2016 bei den Liestaler Einwohnerratswahlen antreten. Die Vorzeichen für einen Wahlerfolg stehen dann viel besser. Jurt war bereits 2012 ins Stadtparlament gewählt worden, musste damals aber absagen. Wegen seines Einsatzes in Schweden.

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