Erster Weltkrieg

General Wille in Laufen: Neues Buch schliesst eine Lücke in der Geschichtsschreibung

Der Jura im Krieg – ein neues Buch zeichnet ein umfassendes Bild der Kriegsjahre. Die Historiker und ehemaligen Nachrichtenoffiziere Hervé de Weck und Bernard Roten haben ein eindrückliches Resultat in Form eines Standardwerks hervorgebracht.

Wie erging es dem Berner Jura im Ersten Weltkrieg? Wie erging es somit dem Laufental, das von 1815 bis 1993 einer der sieben Berner Jurabezirke war? Zum ersten Mal erfährt der Leser Umfassendes darüber im soeben erschienenen, 375-seitigen französischsprachigen Buch «Jura et Jura bernois pendant la Première Guerre mondiale». Die Historiker und ehemaligen Nachrichtenoffiziere Hervé de Weck und Bernard Roten haben in rund zweijähriger Recherchierarbeit ein eindrückliches Resultat in Form eines Standardwerks hervorgebracht.

Tausende Soldaten an Grenze

Das Chessiloch mit dem pittoresken Wappenfels bei Grellingen, das Hôtel de la Gare in Courgenay, Heimat der «Petite Gilberte», und der Beobachtungsposten auf dem Remel oberhalb von Kleinlützel zeigen heute noch sichtbare Spuren aus der Zeit des Ersten Weltkrieges. Was aber den meisten Geschichtsinteressierten bisher eher vorenthalten wurde, waren militärstrategische Grafiken, das alltägliche Leben der Soldaten in den Dörfern, ihr Zusammenleben mit der Bevölkerung und auch noch zahlreiche fotografische Dokumente, die das Buch reich illustrieren und bisher nur in Archiven gelagert oder selten veröffentlicht worden sind. Was das damalige Garnisonsstädtchen Laufen anbelangt, erscheinen unter anderem die folgenden Sujets: der Besuch des Generals Wille im Automobil, die Präsenz von Soldaten aus der Südschweiz oder der Leichenzug eines Laufentaler Soldaten durch die Hauptstrasse. 1918 grassierte die Spanische Grippe und es erkrankten 34 Laufentaler tödlich. Die Soldatendenkmäler in Liesberg und Laufen und weitere im benachbarten Jura erinnern heute noch an das traurige Kapitel.

Militärstrategisch galt es, in der Nordwestschweiz mit Zehntausenden Soldaten an der Grenze Präsenz zu markieren und den Einfall von Truppen der Franzosen oder der Deutschen zwischen La Chaux-de-Fonds und Basel mit allen Mitteln zu verhindern. Die Autoren kommen auch weiter auf die «neutrale» Schweiz zu sprechen, die sich in der schwierigen Zeit zu arrangieren wusste, um das Land und seine Bevölkerung ausserhalb des Konflikts zu halten. Die Schweiz importierte und exportierte weiter von und nach Frankreich und Deutschland.

Man war gegenseitig aufeinander angewiesen: Importiert wurde Getreide aus dem Westen, Kohle aus dem Norden. Als Gegenleistung stellten zum Beispiel die Metallwerke Dornach AG ihre gewöhnliche Produktion auf Sparflamme und forcierten dafür die Herstellung von Patronenhülsen für Deutschland. Andererseits stellten mehrere jurassische Uhrenfabriken Präzisions-Zündmesser für Artilleriegeschosse her, die den Weg nach Frankreich nahmen.
Beizen-Boom im Laufental

De Weck und Rotens Werk mit insgesamt fünfzehn Kapiteln liefert ein umfassendes Bild der Kriegsjahre sowie der Zeit kurz danach mit den grossen sozialen Spannungen: Militärische, politische, ökonomische sowie soziokulturelle Aspekte, zum Teil auch in Anekdotenform, wechseln einander ab. Mit welchen Eindrücken wurden wohl die Schweizer Soldaten aus entfernteren Kantonen mit anderen Sprachen, anderen Dialekten und Sitten in der ländlichen Nordwestschweiz konfrontiert? Sie trafen auf eine andere, in vielen Dingen zurückgebliebene, vergessene andere Schweiz. Die hygienischen Verhältnisse waren teils bedenklich. Die Einheimischen im Jura, insbesondere ein Dorfpfarrer, staunten nicht schlecht, als der Hydrant als Dusche für eine Gruppe Soldaten in Unterwäsche mitten im Dorf herhalten musste.

Auf der anderen Seite sorgten Defilees, Militärkonzerte oder Theateraufführungen und nicht alltägliche Begegnungen für Abwechslung. In Laufen müsse zwischen 1914 und 1918 einiges los gewesen sein, meint der Laufner Autor Bernard Roten, verantwortlich für die Laufentaler Kapitel. Die Restaurations- und Handwerkerbetriebe sowie die Läden bekamen es positiv zu spüren.

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«Jura et Jura bernois pendant la Première Guerre mondiale» Von Hervé de Weck/Bernard Roten. Editions D+P SA Delémont. Société jurassienne des officiers (SJO), 2017. In den Buchhandlungen und beim Verlag erhältlich.

* Der Autor ist Sekundarlehrer in Laufen, Publizist und sitzt für die SP im Landrat.

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