Ochsentour

Gespräch beim Ochsenbrunnen

Türsturz der Schlachterei des Ochsen. Ochsenkopf, frontal, aus dem Stein gemeisselt, ohne Leib, Jahrzahl mit Geblüt. Nicht im Bild: Schlachterbeil, das zugehauen hat.

Türsturz der Schlachterei des Ochsen. Ochsenkopf, frontal, aus dem Stein gemeisselt, ohne Leib, Jahrzahl mit Geblüt. Nicht im Bild: Schlachterbeil, das zugehauen hat.

Simon Morgenthaler (Brunnentourist, kunstinteressiert) lebt und ochst in Basel. Für «Schweiz am Wochenende» geht er auf eine literarisch-kulinarische Ochsentour in der Region. Manchmal führt er mit sich Gespräche, die fast aus dem Leben sein könnten.

Wo die Fondation sei, frage ich einen Mann, der in Riehen beim Brunnen vor dem Polizeiposten steht. Was ich denn dort wolle, fragt er zurück. – Die Sammlung anschauen, die Rothkos insbesondere. – Rosskopf habe es keinen dort, er komme gerade vom Beyeler, keine Rossköpfe, nein.

Er habe ja eigentlich den Ochsen gesucht, sagt er, als Bub sei er einmal hier gewesen, bei diesem Brunnen sei der Gasthof gestanden, da wo jetzt der Posten und dieses Haus stehe. Er wisse noch genau, wie sein Bappe dem einen Schlawiner das Rohr vermüselt habe. Den Bappe hätten sie dann mitgenommen. Dort über dem Eingang der Polizei sei noch das letzte Resteli vom Ochsen, ein Türsturz, 1840, Ochsenkopf und Schlachterbeil. Dem Bappe hätten die auch fast den Kopf abgehauen.

Ob er mir sagen könne, wo die Fondation sei. – Ja, den Beyelers ihre, er sei ja auch hin, weil die Leute alle dorthin trotteln, wie die Ochsen zur Schlachtbank, und das habe ihn halt auch interessiert. Im ersten Raum sei ihm schon ein Helgeli vom Klee aufgefallen, an Sablées habe er denken müssen. Die dürren Manoggel im nächsten Raum hätten wohl nie so eins gesehen. Aber auf einmal sei er vor einem Hodler gestanden. Da sei eine tote Frau gelegen, lange habe er das Bild angeschaut. Aber warum der Hodler die auf eine Crèmeschnitte gelegt hat, habe er jedoch nicht begriffen, man lege doch keine Tote auf eine Crèmeschnitte, und frisch sei die auch nicht mehr gewesen. Er habe trotzdem Hunger bekommen.

In die Äpfel auf den Stillleben hätte er allerdings nicht reingebissen, die einen von weitem gut, von nah verschrumpelt, die anderen viel zu glatt, das sei nicht mehr natürlich. Er habe nur noch raus gewollt. Aber die Crèmeschnitten hätten ihn nicht losgelassen: Im einen Raum habe es gar verunglückte gehabt, ungleich geschichtet und die Farben völlig falsch, auch das Hochformat schlecht gewählt. Nur das eine Bild mit dem Bisquit habe funktioniert. Aber wenn man es sich genauer angeschaut habe, sei es im Grind wie bei einem Haschbruder geworden. Die halbgeschmolzenen Landschafts-Glacéetorten beim Ausgang hätten ihm den Rest gegeben. Raus sei er, mit einem Hunger wie die Scheinheiligen vor dem Abendmahl! Einen Schluck Wasser habe er hier trinken wollen.

Damals, sagt er, als der Bappe dann gar nie mehr zurückkam, habe die Mamme auch etwas Süsses vom Beck geholt, Totenbeinli. Ich solle ruhig in die Fondation gehen. Und ich solle an ihn denken, wenn ich die Rothkos sehe, es sei immer alles eine Frage des Appetits.

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