Er ist zurzeit nicht zu beneiden. Als Leiter des Konkursamtes Baselland hat Reto Tschudin die Aufgabe gefasst, das Konkursverfahren der Prattler Chemiefirma Rohner AG durchzuführen. Seit Ende Juni ist der SVP-Landrat somit faktisch der Geschäftsführer des gescheiterten Traditionsunternehmens. Eine Herkulesaufgabe: Rohner hatte seit Jahren Liquiditätsengpässe und ist hoch verschuldet. Zuletzt kam noch eine Busse von knapp 50'000 Franken dazu, da die Chemiefirma von der Staatsanwaltschaft Baselland für die Explosion von 2016 verantwortlich gemacht wird, wie die bz vergangenen Mittwoch publik machte. Doch die Schulden gehen in die Millionen, wie Tschudin nun erstmals offenlegt. Und die wenigsten dürften je beglichen werden.

Herr Tschudin, was macht das Konkursverfahren der Rohner AG speziell?

Reto Tschudin: Für mich persönlich ist dies das grösste Konkursverfahren, das ich je hatte. Die Grösse des Unternehmens ist es auch vor allem, die es von anderen unterscheidet. Glücklicherweise haben wir selten Betriebe mit so vielen Mitarbeitenden im Konkurs. Zudem war die Rohner AG ein Chemieunternehmen, was natürlich bezüglich der Sicherheit andere Anforderungen stellt als etwa bei einer Bäckerei.

Was haben Sie schon getan, was steht noch an?

Das Konkursamt hat nach der Eröffnung des Konkurses Ende Juni umgehend damit begonnen, die Areal- und Werksicherheit zu gewährleisten. Dazu wurden nur Stunden nach der Konkurseröffnung Verträge mit der Securitas und mit rund 25 Mitarbeitenden abgeschlossen. Diese überwachen die Anlagen vor Ort und warten sie, wo nötig. Aufgrund der sich abbildenden tiefen Vermögenssituation der Konkursmasse und einer ersten Einschätzung des Inventarbestandes beantragte das Konkursamt beim Gericht die Anordnung des summarischen Verfahrens (Abwicklung durch das Konkursamt, ohne die Gläubiger einzubeziehen, Anm. d. Red.). Dieses wurde am 6. August verfügt und dem Konkursamt am 12. August bekannt gegeben. Nun erfolgen die Publikation des Schuldenrufes und das Anschreiben der bekannten Gläubiger.

Was umfasst die Konkursmasse der Rohner AG alles?

Diese Frage kann zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschliessend beantwortet werden. Wir haben ein externes und für entsprechende Anlagen spezialisiertes Unternehmen mit dem Erstellen des Inventarverzeichnisses beauftragt. Das Verwaltungsgebäude wurde vom Konkursamt selber inventarisiert. Dieses schlägt aber wohl im grossen Ganzen nicht sonderlich zu Buche.

Wie hoch sind die Forderungen, die sich im Rahmen des Konkursverfahrens angehäuft haben?

Bisher gingen bei uns rund 5,2 Millionen Franken an Forderungen von Dritten und zirka 7,5 Millionen Franken an Lohnforderungen ein. Letztere wurden allerdings aufgrund der grossen Anzahl Mitarbeitenden – es sind über 150 – noch nicht vollständig erfasst.

Wie viele Gläubiger gibt es?

Neben den Lohnforderungen gingen bisher 33 Forderungen ein. Der Schuldenruf erfolgt wie erwähnt allerdings erst.

Bei wem hat Rohner denn alles Schulden?

Natürlich bei der Vermieterin Hiag AG, bei den Mitarbeitern und dann bei Dritten. Das können beispielsweise Lieferanten oder Infrastrukturversorger sein (bekannt ist, dass Rohner etwa bei der Abwasser-Reinigungsanlage ARA Rhein hohe Schulden hat, Anm. d. Red.).

Was ist der höchste eingeforderte Einzelbetrag und von wem stammt er?

Es gibt einige sehr hohe Forderungen. Zum heutigen Zeitpunkt ist der Kollokationsplan (das Verzeichnis der Forderungen, Anm. d. Red.) aber noch nicht erstellt und die Forderungen somit weder anerkannt noch rechtskräftig.

Eine Forderung, die sicherlich umfangreich sein und wohl auch rechtskräftig wird, ist jene der Vermieterin Hiag AG. Die Höhe hängt aber von der Dauer des Verfahrens ab. Je eher wir die Gebäude freigeben, desto kleiner wird die Forderung der Vermieterin.

Wie stehen die Chancen, dass die Gläubiger ihr Geld je bekommen?

Die Chancen sind abhängig vom Verkaufserlös der Anlagen und Maschinen. Dieser ist aktuell Teil laufender Verhandlungen, weshalb ich hierzu nicht mehr sagen kann. Insgesamt zeichnet sich aber ab, dass die Dividenden in der 2. und 3. Klasse gegen Null tendieren. Ausser den Arbeitnehmern und der Vermieterin werden wohl keine Gläubiger Geld erhalten. Für die Arbeitnehmer erwarten wir hingegen eine Dividende. Allerdings kann ich noch nicht sagen, wie hoch diese ausfallen wird.

Kann Ex-CEO Daniel Pedrett noch in irgendeiner Form belangt werden?

Diese Frage kann ich Ihnen aktuell nicht beantworten. Generell gilt: Das Konkursamt prüft in jedem Konkursfall die Rechtmässigkeit der vor dem Konkurs getätigten Handlungen aller involvierten Personen und erstattet im Verdachtsfalle einer strafbaren Handlung Anzeige bei der Staatsanwaltschaft.

Noch sind 25 Mitarbeiter auf dem Areal tätig. Wann wird es komplett stillgelegt?

Diese Personen wurden bewusst vom Konkursamt angestellt, um die Sicherheit zu gewährleisten und einzelne administrative Aufgaben zu erledigen. Die Anzahl wird nun Schritt für Schritt reduziert. Ein komplettes Stilllegen der Anlagen des Chemiebetriebs ist aber gemäss unserem heutigen – und mehrfach bestätigten – Wissensstand nicht möglich.

Wie lange wird das Konkursverfahren noch dauern?

Ziel der Konkursverwaltung ist es, sehr zeitnah eine Nachfolgelösung zu finden oder die werthaltigen Anlagen zu veräussern. Diese Arbeiten laufen auf Hochtouren. Die administrative Abwicklung des Verfahrens wird danach sicherlich noch gut ein Jahr in Anspruch nehmen – vielleicht auch mehr.