«In der Schule wurde die Integration meines behinderten Sohnes mit folgender Frage gestoppt: ‹Kann das Kind kein Deutsch?›», erzählt Sabina Dollinger, Leiterin Geschäftsstelle Vereinigung Cerebral Basel. Dies sei der Moment gewesen, sagt Dollinger, als sie zum ersten Mal die Wahrnehmung der Gesellschaft über Kinder mit einer Behinderung schockiert zur Kenntnis genommen habe. Aufgrund ihrer Tätigkeit hat Dollinger auch beruflich mit beeinträchtigten Menschen zu tun und macht dabei ähnliche Erfahrungen. Nun setzt sie sich mit ihren Mit-Initianten für eine kantonale Behindertengleichstellung ein. «Wir möchten diese in beiden Kantonen lancieren, weil wir dieselben Anliegen und Bedürfnisse haben», erklärt Francesco Bertoli, Präsident des Behindertenforums Basel.

Mit dieser kantonalen Verfassungsinitiative wollen die Fürsprecher an der Zukunft bauen. Die Forderungen der Initiative lauten: Recht auf gleichen Zugang zu allen Lebensbereichen, wirtschaftliche Zumutbarkeit und die Beseitigung des Nachteils-Ausgleichs. «Wir wollen wissen, was der Mensch mit einer Behinderung braucht und setzen dies als Ziel, sie in ihrer Lebensgestaltung auch mit einzubeziehen», so Dollinger.

Die Kantone seien in vielen Lebensbereichen nicht oder nur beschränkt ans Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) des Bundes gebunden. Deshalb sollen Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen von Behinderten in der kantonalen Gesetzgebung verankert werden.

Gebärdensprache fördern

Da es Behinderungen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen und daher verschiedene Anforderungen an die Lebensumstände gibt, kann Nachteils-Ausgleich im Alltag vieles bedeuten. Für Rollstuhlfahrende und Gehbehinderte bedeutet dies zum Beispiel ebenerdige Zugänge zu Gebäuden, abgesenkte Trottoirs oder auch geeignete Rampen im öffentlichen Raum und zu Gebäuden. Für Blinde und Sehbehinderte können geeignete Lichtsignalanlagen oder genügend Haltemöglichkeiten ihren Nachteil mindern. Auch Probleme und Anliegen von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen, kognitiven Einschränkungen oder geistiger Behinderung sollen gemäss Dollinger keineswegs vergessen werden. Nicht zuletzt geht es auch um die Bedürfnisse von hörbehinderten und gehörlosen Menschen. «Rätoromanisch wird auch gefördert, was für die Gebärdesprache ebenso gelten soll», sagt die Dolmetscherin für Marina Ribeau, Visuellpädagogin und Verlagsleiterin, die gehörlos ist. Daher fordert die Verfassungsinitiative das Recht auf gleichen Zugang zu allen Lebensbereichen.

Wirtschaftliche Zumutbarkeit

Nun kostet Versorgung Geld. Das Volksbegehren lasse die «Bäume der Anliegen und Bedürfnisse» indes nicht einfach in den Himmel wachsen, halten die Initianten fest. Vielmehr hänge der Rechtsanspruch von der wirtschaftlichen Zumutbarkeit ab. «Bei der Kostenbetrachtung darf jedoch nicht vergessen werden, dass von Fortschritten und Erleichterungen weit mehr Menschen profitieren als die Behinderten selbst», sagt Pius Odermatt, Präsident Schweizerischer Blindenverband. So hätten betagte Menschen oder Eltern mit Kindern im Bereich der öffentlichen Infrastruktur und Mobilität ebenfalls ihren Nutzen.

Das Behindertenforum der Region Basel trägt diese Initiative und sieht in der Gleichstellung eine Generationenaufgabe. «Wir möchten Druck auf die Kantone ausüben und hoffen, dass sie sich nun über Änderungen Gedanken machen», sagt Bertoli.