Urheberrecht

Guggen spielen Gassenhauer – und müssen nach der Fasnacht dafür blechen

Auch beim Guggenkonzert Waldenburg wurden urheberrechtlich geschützte Lieder gespielt.

Auch beim Guggenkonzert Waldenburg wurden urheberrechtlich geschützte Lieder gespielt.

Nach der Fasnacht flattert vielen Guggen eine Rechnung ins Haus. Denn viele Lieder sind geschützt und kosten eine Lizenz. Die Fasnacht kann so teuer werden.

Die Fasnacht kennt ihre eigenen Gesetze. Vieles, was im Alltag gilt, setzt sie ausser Kraft. Ein Gesetz gilt jedoch auch in der Fasnachtszeit. Und es muss strikt eingehalten werden: das Urheberrecht.

Eine grosse Zahl der Lieder, die an der Fasnacht gespielt werden, sind geschützt – wenn nicht sogar die Mehrheit. Betroffen sind vor allem Guggenmusiken, denn sie covern Lieder, deren Urheber noch leben oder selten länger als 70 Jahre tot sind: Dies ist in der Schweiz die Schutzfrist für musikalische Werke. Spielt also eine Gugge «Rivers of Babylon», so muss sie für den Disco-Knaller von Boney M. Entschädigungen entrichten. Und zwar an die Suisa, die Schweizer Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik in Zürich.

Auf der Strasse ist’s gratis

Die Entwarnung vorab: Das «Gässle» ist vom Urheberrecht ausgenommen. Auf der Strasse spielen ist also kostenlos, ebenso spontane Platzkonzerte. Danach wird’s jedoch kompliziert. Das zeigt ein Blick auf die Fasnachts-Rubrik, die die Suisa auf ihrer Website aufgeschaltet hat.

Bereits in einem Graubereich befindet sich ein Wirt, der eine Gugge in seinem Lokal auftreten lässt – ist eine Gastwirtschaft doch ein Raum, in dem Geld verdient wird, also ein kommerzieller Anlass. Da die Lizenzen für Beizen-Konzerte wohl nur wenige Rappen eintragen würden, und man zudem mit nicht geringem Widerstand rechnen müsste, sind die Restaurant-Konzerte im Suisa-Regelwerk zur Fasnacht nicht einmal erwähnt.

Nicht mit sich diskutieren lässt die Suisa dagegen bei Maskenbällen und organisierten Guggenkonzerten. Hier kommen dieselben Tarife zum Einsatz, die auch Veranstalter von Konzerten und Unterhaltungsanlässen beachten müssen. Die Lizenzen sind das Ergebnis einer komplexen Mischrechnung. In diese fliessen unter anderem Einnahmen, Kosten, Eintritthöhe, Besucherzahl ein, und die Zahl der gespielten geschützten Songs.

Bezahlen muss der Organisator einen bestimmten Betrag in jedem Fall, unabhängig davon, ob er einen Gewinn erwirtschaftet oder nicht. Song-Lizenzen sind als Fix-Kosten wie Strom oder Saal-Mieten mit einzukalkulieren.

Rasch einmal ein paar Hunderter

Wer falsch abrechnet, muss das Doppelte bezahlen, ebenso diejenigen, die «erwischt» werden, also wenn die Suisa Wind kriegt von einer Veranstaltung, die nicht angemeldet wurde.

Sogar Veranstaltungen, die freien Eintritt gewähren, sind nicht befreit. So fallen auch beim für die Besucher kostenlosen Guggenkonzert Waldenburg, dessen jüngste Ausgabe am Dienstag stattfand, Abgaben an. Massgebend ist beim Beispiel Waldenburg der sogenannte «gemeinsame Tarif K». Die Abgaben bewegen sich im einstelligen Prozentbereich der Gesamt-Ticketeinnahmen, können somit rasch mehrere Hundert Franken betragen. Als Minimal-Betrag müssen auf jeden Fall 40 Franken pro Konzert abgeliefert werden, exklusive Mehrwertsteuer.

Organisator des Guggenkonzertes Waldenburg sind die «Los Ventilos» aus Oberdorf. Der OK-Chef Yves Bill schweigt sich über die Beträge aus, den die Gugge in den nächsten Wochen nach Zürich überweisen wird. Er bezeichnet die Entschädigungen jedoch als fraglich.

Guggen sind ein Hobby

«Wer in einer Guggenmusik mitspielt, macht dies als Hobby. Auch mit einem Anlass wie unserem in Waldenburg wird die Gugge nicht reich, wir verlangen ja auch keinen Eintritt fürs Konzert. Deshalb finde ich, dass solche Veranstaltungen im Rahmen der Fasnacht von den Suisa-Abgaben befreit werden sollten.»

In den kommenden Tagen wird in vielen Gemeinden die Fasnacht mit Kehrausbällen verabschiedet. Auch dort werden Suisa-Entschädigungen fällig – sowohl für die Musik «ab Konserve», aber auch für die live aufgeführten Stücke.

Die Abgaben scheinen kein Gegenstand zu sein, über den die Organisatoren gerne Auskunft erteilen. So bleiben drei Anfragen der bz unbeantwortet. Als Einziger reagiert hat der Ringer-Club Therwil, Veranstalter des Därwiler Kehrausballs, der am Samstag über die Bühne ging. Laut dem OK-Chef ist der Ringer-Club nicht direkt involviert. Er gehört dem Satus Sportverband an, dieser hat einen Gesamtvertrag abgeschlossen. Dies bestätigt die Suisa.

Einen Gesamtvertrag in dieser Art könnten die einzelnen Fasnachts-Komitees der Region auch abschliessen. Dann wären alle Veranstaltungen, die unter den Namen des jeweiligen Komitees abgehalten werden, mit einer Pauschale abgedeckt.

In Luzern gibt es ein derartiges Vertragswerk. Die Dachorganisation der Luzerner Fasnacht, die «Vereinigte», hat einen Gesamtvertrag mit der Suisa abgeschlossen. Nur wenn eine Gugge einen eigenen Anlass organisiert, muss sie sich selber um die Rechte kümmern.

In Basel ist ein Gesamtvertrag derzeit offensichtlich keine Option. Eine Anfrage beim Basler Fasnachts-Comité zeigt, dass sich die Suisa nicht auf dem Radar befinden – die Gruppierungen würden sich schon selber um die Lizenzen kümmern, heisst es.

Diese verlassen sich hoffentlich nicht auf die Losung, dass die Fasnacht ihre eigenen Gesetze kennt – und die Songs in dieser Zeit nichts kosten. Dann hätten sie die Rechnung ohne die Suisa gemacht.

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