Freilichttheater

Gym Oberwil macht aus Theater grosses Kino

Konfliktreiche Beziehung: Juana (Josefine Lurtz) und Elisa (Salome Müller) (v.l.), zwei Schülerinnen der Blindenschule.

Konfliktreiche Beziehung: Juana (Josefine Lurtz) und Elisa (Salome Müller) (v.l.), zwei Schülerinnen der Blindenschule.

«Ich will sehen!» beweist, wie Jugendliche über sich selbst hinauswachsen. Die monatelange Arbeit im Freifach Theater am Gymnasium Oberwil und die unzähligen Stunden Freizeit haben sich gelohnt.

Mittwochabend, Freilichttheater. Noch scheint die Sonne über die hügelige weite Landschaft. Linkerhand erhebt sich eine fast endlose Leiter, in der Mitte bildet die Terrasse des Musikpavillons die Bühne, rechts baumelt zwischen Bäumen eine Schaukel. Vögel zwitschern. Je später es wird, desto mehr Sterne werden sichtbar.

Ja, Sehen ist das Thema dieses Abends. «Ich will sehen!» ist die Kombination zweier starker Stücke zu einem neuen. Die Theatermacher haben «Romeo und Julia» von Shakespeare und «In der brennenden Finsternis» des spanischen Autors Buero Vallejo verbunden. Das ist ein dramaturgisches Mittel, das nicht ungewöhnlich und legitim ist, wenn sich das Gefühl von Plausibilität einstellt. Warum die Kombination?

Hannes Veraguth, Deutschlehrer und Regisseur, betont, dass die Schüler selbst ein Stück entwickeln wollten. «Es hatte auch praktische Gründe, denn möglichst viele sollten eine Rolle bekommen. Die Antwort auf die Frage, weshalb Shakespeare und Vallejo ineinandergefügt wurden, wird der Theaterabend selbst geben», so Veraguth.

Erkennenwollen als Leitmotiv

Was die Stücke verbindet, sind die Motive von Sehnsucht und Sehen. Ignazio, der neue Schüler an der Blindenschule, «will sehen». Er ist voller Sehnsucht, will die optimistischen Phrasen, die mantrahaft im Unterricht repetiert werden, nicht akzeptieren. Die Schüler lesen den Prolog von «Romeo und Julia», womit die zweite, märchenhafte Ebene eingeführt wird, die immer mehr die Handlung von Vallejos Drama durchdringt.

Auch bei Shakespeare geht es ums Sehen: die Liebe auf den ersten Blick. Das Sehen setzt die verhängnisvolle Handlung in Gang. Zu sehen gibt es auch für die Zuschauer viel. Oft wissen sie nicht, auf welche Seite sie ihre Blicke lenken sollen. Das ist wie Kino auf Grossleinwand. Mit dem Sinken der Sonne sinkt die Hoffnung auf einen harmonischen Ausgang.

Schon in der Pause hat sich ein älterer Besucher sein Urteil gebildet: «Die Mischung der beiden Stücke ist ziemlich genial. Die Schulsituation auf der Bühne spiegelt die Realität. Auf beiden Seiten gibt es eine Erstarrung, einerseits im gekünstelten Optimismus, andererseits im Hass der beiden Familien bei Shakespeare.» Auch Gymnasiastin Hannah findet den Stückemix plausibel und sagt: «Das Shakespeare-Stück wird ja an der Blindenschule gelesen.» Patrick Bänteli, Lehrer am Gym Oberwil, meint: «Die Stimmung ist genial und die Schauspieler sind sensationell, obwohl sie die Technik manchmal im Stich lässt.»

Nach dem Stück sagt Gymnasiastin Stephanie: «Die beiden tragischen Enden passen gut zusammen. Es war eine gute Interpretation, genauso stellte ich mir Vallejos Drama, das ich schon kannte, vor.» Und Kollegin Noëmi gibt, wohl stellvertretend für viele, die Antwort auf die offen gehaltene Frage: «Zuerst dachte ich, die Stücke passten nicht zusammen; die Aufführung hat mich aber vom Gegenteil überzeugt.»

Die monatelange Arbeit im Freifach Theater und die unzähligen Stunden Freizeit haben sich gelohnt. «Ich fand es interessant, unter Anleitung von zwei Theater-Coaches Emotionen zu durchleben, die ich normalerweise nicht kenne», so Vinzenz Thoma (Romeo). Lea Stübe (Lady Capulet) erklärt: «Ich habe gelernt, ohne Angst zu spielen und Selbstvertrauen zu gewinnen.» «Am meisten Spass machte mir das Kennenlernen von neuen Leuten aus anderen Klassen», sagt Malin Hunziker (Julia), «ich begann meine Rolle zu verstehen und mich in sie einzufühlen.» Für einmal ist Theater grosses Kino. Absolut lohnenswert.

«Ich will sehen!», Gymnasium Oberwil, Freitag, 26. Juni, und Samstag, 27. Juni, jeweils 20.30 Uhr. Bei nassem Wetter in der Aula.

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