Und dann kam er doch noch, der angekündigte Star des Abends. Im dunklen Anzug stand er plötzlich auf der Sissacher Fluh. Florian Schneider, der Sänger und Schauspieler, der dem Baselbiet eine Unabhängigkeits-Hymne arrangiert hat.

Es ist das Rotstablied, in dem er besingt, man möge ihm nach seinem Ableben doch bitte den «Rotstab vo Lieschtel und vo Baselland» in seine kalte Hand legen. Und genau diese Hymne sollte er zum Besten geben an diesem Samstagabend auf der Sissacher Fluh, beim Höhenfeuer gegen die Kantonsfusion.

Er hat aber keine Lust zu singen. Es ist kurz nach 22 Uhr, als er eintrifft. Noch lodert das Feuer – es ist eines von 39 im ganzen Kanton. Höllenheiss ist es und bläst fleissig Glut in den nachtschwarzen Himmel. Aber die einzigen Gäste, die beim Feuer die Stellung halten, hätten gegen eine Wiedervereinigung der beiden Basel gar nichts einzuwenden.

Von Gereiztheit keine Spur

Es sind gut ein Dutzend Mitglieder des Komitees «Jugend für ein Basel». Ihre weissen T-Shirts mit dem Schriftzug «Ein Basel» leuchten gegen das Rot der Flammen an. Sie sind gekommen, um zu schauen, wie sie denn so feiern, die Fusionsgegner, und verwickeln im Verlaufe des Abends den einen oder anderen in angeregte Diskussionen.

Sie haben ihr Erscheinen bei den Organisatoren angekündigt. Von Gereiztheit oder Giftigkeit keine Spur. Nur einmal wird ein älterer Herr mit Rotstab-Dächlikappe eine junge Fusionistin anraunen: «Habt ihr denn eigentlich kein eigenes Fest, wo ihr hingehen könnt?»

Auch Florian Schneider nehmen die «Ein Basler» sofort in Beschlag. Er solle doch einfach für sie singen vor dem gemütlichen Feuer. Doch er winkt ab. Vielleicht, weil Fusionsbefürworter nicht zu seiner Zielgruppe gehören – vielleicht auch, weil Singen vor fast leeren Rängen einfach nicht so viel Spass macht. Er selber jedenfalls redet etwas von «die Leute sind viel zu zerstreut auf dem Gelände», «das bringt so nichts», und man müsse «etwas warten».

Dann eilt er zur Aussichtsplattform. Er wolle zuerst, sagt er noch, bevor er im Dunkeln entschwindet, lieber die anderen Höhenfeuer erspähen. Gut möglich, dass er einen der vier Orte sehen kann, an denen er an diesem Abend schon einen Auftritt hatte: Brislach, Münchenstein, Gelterkinden, Rothenfluh.

Eher für Kanton Nordwestschweiz

Rund zwei Stunden vor Schneiders Ankunft ist der Platz vor dem Scheiterhaufen noch zum Bersten voll. Gut 80 zumeist ältere Gäste stehen dicht gedrängt, als Nationalrätin Daniela Schneeberger aus Thürnen ihre Rede hält, die im Kern lautet: Sie sei für mehr Partnerschaft, für mehr Zusammenarbeit, für mehr Kooperation, nicht nur zwischen den beiden Basel, sondern zwischen allen Kantonen der Nordwestschweiz – aber die Fusion mit Basel-Stadt lehne sie ab.

Kurz darauf wird das Baselbieter Lied gesungen. Mit zwei zusätzlichen Strophen gegen die Fusion. Danach entzünden einige Gäste Fackeln und stecken sie in den Scheiterhaufen. Das Feuer will zuerst nicht so recht lodern. Die Flammen züngeln zuerst nur an der Spitze des etwa sechs Meter hohen Haufens. Doch dann arbeiten sie sich rasch von oben nach unten, bis auch der untere Teil sich fügt.

Höchster Basler erlaubt sich einen Scherz

Nicht nur die Jugend für «Ein Basel» wagt sich in die Höhle des Löwen, sondern auch einer aus dem Ort, der an diesem Abend in den Gesprächen und Reden nicht besonders gut weggekommen wird: Christian Egeler, Präsident des Basler Grossen Rats – und damit höchster Basler.

Er wird von einem Herrn gefragt, woher er denn das Glas Weisswein her habe. Es stellt sich heraus, dass es sich um den Vater von Daniela Schneeberger handelt: Robert Schneeberger, alt Landrat und dessen Präsident 1994/95. Bald sind die beiden miteinander im Gespräch und Schneeberger schwärmt über die gegenseitigen Besuche der Vertreter der beiden Kantonsparlamente.

Egeler wird gefragt, weshalb er denn her gekommen sei, eine offizielle Einladung habe er ja kaum erhalten. «Bei den Trennungswirren 1833 entzündeten einige Basel-treue Gemeinden Höhenfeuer, damit ihnen die Stadt zu Hilfe komme. Genau deshalb bin ich hier.» Sagts und legt ein breites Grinsen auf. Niemand nimmt ihm den Spruch übel.

Tanz ums Feuer

Plötzlich tanzt eine Gruppe Menschen vor dem Feuer herum, gefilmt von einem Kameramann. Auf ihren bunten Shirts steht «Sissach isch happy». Ob das etwas mit der Fusionsabstimmung zu tun habe, werden sie gefragt. Sie verneinen. Es sei eine Aktion von tanzbegeisterten Sissachern, sie würden einen Videoclip drehen und hätten die schöne Szenerie ausnutzen wollen.

In der Zwischenzeit haben die Fusionsbefürworter, die für sich den Ausdruck Fusions-Prüfer vorziehen, ein zweites Feuer entfacht: Bei der Grillstelle wollen sie Teig bräteln. Doch auch dieses Feuer hat Startschwierigkeiten. Der Teig bleibt weiss und weich und lampt zwischen den Grill-Stäben hindurch.

Den Bus verpasst

Spätestens um 22.30 Uhr haben sich die «Ein Basler» wieder auf den Heimweg gemacht - per Autostopp: Der letzte Bus ist schon längst weg.