Hannes Schweizer, welchen Begriff haben Sie gezogen?

Hannes Schweizer: Aussenseiter.

Waren Sie schon mal in dieser Rolle?

Ja, ich fühlte mich öfters als Aussenseiter.

Wann?

Das begann schon in der Jugend. Wir konnten während der Freizeit nur wenig mit unseren Gspänli zusammen sein, weil wir als Bauernkinder oft zu Hause auf dem Hof mithelfen mussten. Meine Kollegen zog es auch nicht zu mir, denn sie wussten: Wenn sie Hannes besuchen, müssen sie arbeiten. Meine Gspänli erhielten Taschengeld, was bei uns nicht der Fall war. Wir bekamen vielleicht zwei Franken, wenn wir vier Wochen Kirschen gepflückt hatten. Da fühlte ich mich in der Aussenseiterrolle.

Und später in der Politik?

Auch. Mit 20 Jahren wollte ich die Welt verändern aufgrund meiner Erfahrungen als Jugendlicher. Mein früherer Klassenlehrer machte mir klar, wenn ich mich in der Schule nicht vermehrt anstrenge, bleibe mir nichts anderes übrig, als Bauer zu lernen. Das bewog mich dazu, gegen Vorurteile anzukämpfen und politisch aktiv zu werden.

Ich trat der SP bei, weil ich im Staatskundeunterricht gelernt hatte, dass die SP die Partei sei, die sich für soziale Gerechtigkeit einsetzt. In meiner Jugend habe ich genau das Gegenteil wahrgenommen. Deshalb war ich überzeugt: Die SP ist für mich die ideale Partei. Mein Vater war SVP-Mitglied und konnte nicht glauben, was ich tat. Heute würde in einem solchen Fall wahrscheinlich die Kesb eingeschaltet.

Sind Sie immer noch in der richtigen Partei?

Sicher, auch wenn ich als Landwirt in der SP in den Siebzigerjahren natürlich auch ein Aussenseiter war. Später war ich immer wieder politischer Aussenseiter, aber nicht in der Partei. In Titterten wurde ich 1988 Gemeindepräsident mit einem damaligen SVP-Wähleranteil von 80 Prozent. Aber ich konnte schnell zeigen, dass ich Politik für die Allgemeinheit betreibe und nicht nach den Ideen, die ich als 20-Jähriger hatte. Ich versuchte, mich immer aus dieser Rolle herauszukämpfen, was mir eigentlich stets gelang.

In all meinen Entwicklungen und Veränderungen, die ich im Leben vorgenommen habe, bin ich aus einer Aussenseiterrolle gestartet. Wir stellten unseren Hof schon früh auf biologischen Landbau um. Damals nahm man Biobauern als Aussteiger wahr mit gestrickten Jacken. Heute ist das eine gängige Produktionsform. Die Aussenseiterrollen haben mich gestärkt.

Während Ihrer 16-jährigen Amtszeit als Landrat eckten Sie schon auch in der eigenen Partei an.

Das ist so. Ich wehrte mich immer dagegen, dass sich nur die SVP Volkspartei nennen darf. Ich gehöre einer linken Volkspartei an und bin ein Patriot. Trotz teils unterschiedlicher Positionen hatte ich nie Probleme mit der Fraktion oder mit der Partei. Wir können in der SP differenzieren, was politisch tragbar ist. Die rote Linie habe ich nie überschritten.

Morgen endet Ihre Tätigkeit als Landratspräsident und Landrat. Was beeindruckte Sie im vergangenen Jahr am meisten?

Ich besuchte etwa 160 Anlässe. Ich bin wahnsinnig beeindruckt, wie viele Institutionen und Organisationen es gibt und Leute, die sich ehrenamtlich für unsere Gesellschaft engagieren. Am eindrücklichsten war für mich der Weihnachts-Abendverkauf für Behinderte in Basel. Das berührte mich sehr. Viele Hilfskräfte sorgten dafür, dass für einmal Behinderte im Mittelpunkt standen. Stolz machte mich zudem, dass ich als höchster Baselbieter drei Bundesratsmitglieder begrüssen durfte.

Worauf können Sie künftig gut verzichten?

Auf die Debatten. Der Kantonspolitik werde ich nicht nachtrauern. Ich stelle fest, dass es unheimlich schwierig ist, Kompromisse zu schmieden. Die Polarisierung nimmt ständig zu. Ich weiss nicht, wie auf diese Art grosse anstehende Probleme gelöst werden sollen. Hingegen werde ich die Parlamentarier vermissen. Ich freue mich, wenn ich künftig die eine oder den anderen antreffe.

Haben Sie als Landratspräsident auf die Diskussionskultur im Parlament Einfluss nehmen können?

Überhaupt nicht. Und das war ab und zu frustrierend. Ich verzweifelte jeweils beinahe, wenn ich auf den Monitor schaute und konstatieren musste, dass noch 20 Parlamentsmitglieder auf der Rednerliste standen. Dann fragte ich mich immer: Was erzählt wohl der 18. oder 19. noch? Ich versuchte mit Blickkontakt zu signalisieren, die eine oder der andere möge sich doch von dieser Liste streichen, weil sich vermutlich alles wiederholt. Ein Beispiel: Beim Klimanotstand kann einfach jeder mitreden und sieht die Chance, sich einmal zu Wort zu melden. Ich will das nicht infrage stellen, aber solche politische Debatten werden mir nicht fehlen.

Nun steht Ihnen wieder mehr Freizeit zur Verfügung. Wie nutzen Sie sie?

Das erste Mal im Leben habe ich keine Verpflichtungen mehr, ausser private. Ich möchte jetzt alles nachholen, was ich nicht mehr unternehmen konnte: Fussball, Berg- und Skitouren. Darauf musste ich im vergangenen Winter gänzlich verzichten. Bei schönem Wetter hatte ich immer Termine wahrzunehmen.

Sie werden nicht in ein Loch fallen.

Das ist fast unmöglich. Im Fussballclub Oberdorf bin ich Platzwart. Das ist für mich eine tolle Beschäftigung. Es ist befriedigend, wenn man eine gepflegte Anlage vorweisen kann. Ich spiele noch Fussball, was für mich wichtig ist. So kann ich mein soziales Netzwerk pflegen – je älter, je wichtiger. Unser Training besteht nur noch aus je einer Minute DUL-X einreiben und Einlaufen, dann spielen und danach im Klubhaus über Gott und die Welt reden.

Auch haben sich die Themen geändert. Früher diskutierten wir über vergebene Torchancen nach dem letzten Match, heute rätseln wir darüber, wie es wohl sei, wenn man das Hüftgelenk operiert habe und ob man dann noch «schutten» kann. Und da wir diese Woche zum neunten Mal Grosseltern geworden sind, kann ich meine Frau beim Hütedienst vermehrt unterstützen.

Nächsten Februar sind Gesamterneuerungswahlen für Gemeinderäte. Falls es in Ihrem Wohnort Oberdorf zu einer Vakanz käme, würden Sie kandidieren?

Momentan habe ich genug von der Politik. Aber sag niemals nie. Sollte es dazu kommen, dass der Rat nicht mehr vollständig besetzt werden kann, und ich spüre, dass ich ohne Politik nicht mehr leben kann, wäre eine Kandidatur eine Option. Aber den Jungen würde ich niemals im Weg stehen.

Sie könnten mit Ihrer politischen Erfahrung – Sie waren auch 15 Jahre Gemeindepräsident von Titterten – viel Wissen in diese Behörde bringen.

Bestimmt. Und ich habe während der 16 Landratsjahre gemerkt, dass ich der Exekutivpolitiker bin. Es war mir am wohlsten in der Rolle als Präsident der Bau- und Planungskommission. In diesem Amt konnte ich die Diskussionen viel besser steuern.