Unrealistische Erwartungen

Ein weiterer Skandal an der Skandalschule Therwil? Auf jeden Fall braust derzeit ein zweiter medialer Empörungssturm über die gebeutelte Schulleitung: Sie hat nicht nur zwei muslimische Schüler vom Handschlag mit ihrer Lehrerin dispensiert, sondern diesen Deal zuvor auch noch mit einer Vertreterin des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) ausgehandelt. Einer Organisation mit fundamentalem Beigeschmack also, die vom Staatsschutz überwacht wird. Das ist aus heutiger Sicht sicher nicht zur Nachahmung empfohlen.

Doch man versetze sich vor einer vorschnellen Aburteilung mal in die Lage der Schulleitung: Es steht ein klärendes Gespräch mit einer Familie an, die wiederholt aufgefallen ist. Vonseiten der Schule nehmen der Rektor, der Konrektor und die Fachlehrer teil. Auf der anderen Seite die Eltern, die von Gesetzes wegen einen «Beistand» mitnehmen dürfen, was eine faire Regelung ist. Dann der entscheidende Moment: Die Eltern marschieren in Begleitung einer Vertreterin des IZRS ein. Innert Sekunden muss der Schulleiter reagieren. Schon nur den IZRS spontan richtig verorten zu können innerhalb all der muslimischen Organisationen, die es in der Schweiz gibt, ist eine Herausforderung. Da kann man nicht googeln, wie es später alle Kritiker in Ruhe tun können.

Dann gilt es abzuwägen – wir stehen immer noch innerhalb der entscheidenden Sekunden –, ob man es wegen einer unbekannten IZRS-Frau zum Eklat kommen und das Gespräch platzen lassen will. Und dies, obwohl niemand im Vorfeld Begleitvorgaben gemacht hat. Der Schulleiter handelte pragmatisch und liess sich auf ein Gespräch in offenbar anständigem Rahmen ein. Das ist nachvollziehbar und hat positive Folgen: Kein Schweizer Schulleiter wird künftig Schulregeln mit einem IZRS-Vertreter aushandeln.

«Ich denke nicht, dass wir da klein beigegeben haben»: Jürg Lauener, Rektor der Sekundarschule Therwil

«Ich denke nicht, dass wir da klein beigegeben haben»: Jürg Lauener, Rektor der Sekundarschule Therwil

(Tele Züri, 4.4.2016)

Wie naiv kann man bloss sein?

Der salafistische Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) wird vom Staatsschutz überwacht, gegen einzelne Exponenten laufen Strafverfahren, andere kokettieren mit Kontakten zu Kriegsverbrechern. Der Basler Kriegsreporter Kurt Pelda fordert ein Verbot des IZRS. Dass eine Vertreterin dieser Organisation an einem Elterngespräch der Therwiler Sekundarschule teilnehmen durfte, ist vor diesem Hintergrund unverständlich.

Wussten die Lehrer nicht, mit wem sie sich da an einen Tisch setzten oder sahen sie geflissentlich darüber hinweg? Beides war hoffentlich nicht der Fall. Mag sein, dass die Lehrer überrumpelt wurden, dass die Eltern der beiden syrischen Brüder eine Vertreterin des IZRS mitbrachten. Doch hätten sich der anwesende Rektor, der Konrektor und die Lehrer zurückziehen und nach Beratung mitteilen müssen, dass man nicht mit Extremisten über die Handschlag-Dispens diskutieren möchte.
Fehler wurden bereits im Vorfeld begangen: Dass zu Elterngesprächen überhaupt Aussenstehende eingeladen werden, ist sehr aussergewöhnlich. Die syrische Familie ist der Schulleitung laut eigenen Angaben «seit Jahren wegen extremen religiösen Auffassungen» bekannt. Entsprechend vorbereitet hätte sie in das Elterngespräch gehen und Bedingungen stellen müssen. Etwa, dass der Name der aussenstehenden Beraterin im Vorfeld bekannt zu geben sei.

Hätten die Lehrer einen Vertreter einer bekannten rechtsextremen Organisation als Berater eines aufmüpfigen Schweizer Sekundarschülers akzeptiert? Kaum. Dass die Lehrer im Fall der beiden syrischen Brüder anders urteilten, zeigt, wie naiv man an der Therwiler Sekundarschule in die Sache gerutscht ist. Dem Urteilsvermögen der Schulleitung und der teilnehmenden Lehrer stellt das Treffen mit dem radikalen IZRS jedenfalls ein schlechtes Zeugnis aus.