Rutschmadame

Her mit neuen Feindbildern!

Martina Rutschmann
Ein Wespenstich auf der Terrasse – Koch ist Schuld, er behauptete, frische Luft sei wichtig. Jetzt ist er weg - Zeit für neue Feindbilder.

Ein Wespenstich auf der Terrasse – Koch ist Schuld, er behauptete, frische Luft sei wichtig. Jetzt ist er weg - Zeit für neue Feindbilder.

Wurde auch Zeit! Drei Monate waren Koch und Berset die Alleinschuldigen. Ist was angebrannt in der Küche – Berset, er zwang uns an den Herd. Ein Wespenstich auf der Terrasse – Koch, er behauptete, frische Luft sei wichtig. Und jetzt? Der eine ganz abgetaucht, der andere wieder im Klassenverband der Bundesräte. Neue Opfer müssen her, bevor es Streit gibt. Die Lösung liegt auf der Hand: Machen wir uns gegenseitig zu Schuldigen. Die Auswahl ist gross, wenn wir zu dreissigst am Rhein littern oder uns der Pfarrer das Blaue vom Himmel verspricht. Wir könnten uns zum Beispiel die neugewonnene Normalität vorwerfen. Aha, Du nimmst Dir keine fünf Tage mehr Zeit für einen Sauerteig, sondern kaufst Dein Brot im Laden. Und wie war das mit den Brettspielen? Familienabende hast Du gepriesen, die Grossmutter per Facetime zugeschaltet. Jetzt lässt Du die Kids wieder am iPad ver-game-eln und kochst sieben Gänge für Freunde, während die Grossmutter allein wie eh und je vor der Glotze sitzt. Aber worüber mit Freunden sprechen, welches gemeinsame Feindbild zerfetzen? Mach den Freund zum Feind: Du hast immer noch Kurzarbeit, während ich mich abrackere, um das alles (Haus, Garten, Lastenvelo) aus eigenem Sack berappen zu können?

Besonders reizvoll ist es, Fremde zu beschimpfen. Was, Sie kaufen eine XL-Packung Klopapier, Sie egoistisches Schwein? Und warum so viel Pasta, reichen Ihnen Schweizer Kartoffeln nicht? Sie treiben die Bauern in den Abgrund! Ausserdem lohnt sich ein Blick auf Facebook. Die Chancen stehen gut, all die Leute, die dort wochenlang Spatzen gepostet haben, im Zolli anzutreffen: «Schau, Emma, dieser Elefant kommt aus Afrika. Und der Tiger lebt sonst in Asien.» Vergessen ist der Spatz, die Normalität ist zurück. Sie besteht aus der Welt im Kleinen und nicht mehr aus der kleinen Welt. Und hört bitte auf mit Entschleunigung und «weniger ist mehr». Der Alltag ist zurück, da geht alles schnell, mehr ist besser als weniger und der Nächste bist Du Dir wieder selbst. Oder wie ist Normalität zu verstehen? Und jetzt ab ins Büro. Dort warten viele schlecht gekleidete klugscheisserische Opfer – und die Aufmerksamkeit ist auch Dir wieder gewiss.

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Martina Rutschmann

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