Oberwil

Herrenfasnacht im Schnäggedorf: Lokale Sujets werden kaum ausgespielt

Es gibt Fasnachts-Enthusiasten, die zuerst nach Therwil gehen (dort fängt der Umzug um 14 Uhr an), um dann nach Oberwil zu kommen, wo 30 Minuten später zwischen dem Kreisel beim Coop und dem Schwanenplatz der Ausnahmezustand herrscht. Denn Oberwil ist jener Strassenumzug, der am meisten Leute anzieht. Gerade im Ortskern herrschte eine «Druggedde» wie am Basler Morgestraich – ein Durch- und Vorbeikommen war nur möglich, wenn man die Schleichwege hinter den Gebäuden kennt.

Oberwil ist mit seinen 11400 Einwohnern die grösste Gemeinde im Leimental – wir klammern jetzt mal Binningen aus. Das «Schnäggedorf» hat seinen ländlichen Charakter mit den Sundgauer Riegelhäusern teils konservieren können. Aber Oberwil ist eine Agglomerationsgemeinde vor der Grossstadt – und wer gestern nach lokalen Sujets suchte, wurde nicht fündig.

Am Dienstag wird die Katze aus dem Sack gelassen

Der Klimawandel und vor allem der Brexit (wir entdeckten viele Aktivfasnächtler, die anscheinend eine tiefe Affinität zu Grossbritannien haben) waren Themen, die man auf den Wagen lesen konnte. Immerhin erinnerte man sich daran, dass der Oberwiler Landrat Pascal Ryf letzten August einen Vorstoss zu einer S-Bahn im Leimental gemacht hatte. Dass die Langmattstrasse an der Urne abgelehnt worden war, wurde am Umzug nur marginal erwähnt, obwohl es von kantonaler Bedeutung war.

Es ist allerdings zu sagen, dass die Katze erst am Dienstag aus dem Sack gelassen wird. Dann nämlich werden in praktisch allen Oberwiler Beizen die Schnitzelbänke vorgetragen – und nicht nur Insider wissen, dass es darunter einige Exponenten hat, die in Basel zur Crème de la Crème gehören. Ob dann Lokales zur Sprache kommt, ist wahrscheinlich.

Der langjährige Fasnachtskenner, alt Gemeindepräsident Rudolf Mohler, meinte jedenfalls: «Es hat sehr viel Publikum, aber weniger Wagen. Und es ist schon so, dass im Wandel der Zeit natürlich die Dorforiginale und -grössen seltener werden; an den Stammtischen wird nicht mehr politisiert und intrigiert», so Mohler, der einst jedes Jahr – oft auch an der Vorfasnachtsveranstaltung Schnäggefürzli – zum Sujet wurde.

Von Philadelphia nach Oberwil

An der Hauptstrasse 43 vor «Carbone», einem italienischen Spezialitätenladen, entdeckten wir Fulvio Ranni. Ein italienischer Cantautore, der seit Jahrzehnten in Philadelphia lebt. Und extra nach Oberwil, «per il grande Carnevale», gekommen war. Als der zweistündige Umzug beendet war, verwandelte sich der Vorplatz in pure «Italianità».

Es wurde getanzt, mitgesungen, getrunken und gegessen. Mit seiner Key-Guitarre geniesst Ranni, ein Entertainer der Spitzenklasse, auch in den USA einen guten Ruf. Der Mix aus traditioneller Fasnacht und Schränzen und Fägen war jedenfalls beeindruckend und zog alle in den Bann.

Ja, in Oberwil findet die grösste Fasnacht im Leimental statt. Sie ist keine Bauern- und Dorffasnacht mehr wie in Ettingen oder Therwil, Nostalgiker und Traditionalisten mögen das Lokale vermissen. Aber was das fünfköpfige Fasnachtskomitee um Präsident Lukas Bretscher auf die Beine gestellt hat, ist grandios; im Vorstand sind allerdings zwei Posten vakant, auch dies mag signifikant für die «Verstädterung» von Oberwil sein.

Wie seit jeher wird der Sonntagabend lang – oder die Nacht kurz in den Beizen und in der Wehrlinhalle. Und heute Montag ist ab 14 Uhr Kinderfasnacht, bevor der Dienstag ganz den Schnitzelbänklern gehört. Und dort dürfte der «Schnägge»-Kolorit doch zum Ausdruck kommen.

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