Arlesheim

Hier heiratet das ganze Baselbiet — Hochzeitsflut sorgt für Ärger

Hochzeitshotspot Arlesheim: Auf dem Dorfplatz wird das ganze Jahr gefeiert, auch im Dezember.

Hochzeitshotspot Arlesheim: Auf dem Dorfplatz wird das ganze Jahr gefeiert, auch im Dezember.

In Arlesheim sorgt die Hochzeitsflut für Ärger. Politiker fordern nun die Wiedereröffnung eines zweiten Trauzimmers im Oberbaselbiet.

Freitags und samstags herrscht im Arlesheimer Dorfkern Hochbetrieb: Im Viertelstundentakt fahren die Hochzeitsgesellschaften in den Heiratsmonaten Mai, Juni und September am Dorfplatz vor. Auch am vergangenen Freitag, dem 13. Dezember – obwohl wahrlich kein hübsches Heiratsdatum – herrschte am Zivilstandsamt Hochbetrieb. Das Dom-Dorf ist der Heiratshotspot im Baselbiet: 2018 wurden von 1100 zivilen Trauungen im Kanton 1020 (93 Prozent) hier abgehalten. Grund ist weniger die weitherum bekannte Barockkirche, in der viele kirchliche Trauungen stattfinden, als vielmehr die Tatsache, dass der Kanton Baselland das Zivilstandswesen im Rahmen des Sparprojekts Focus 2014 in Arlesheim zentralisiert hat.

Zwar stehen den Heiratswilligen auch die Schlösser Wildenstein, Ebenrain, Bottmingen und Binningen sowie Trauzimmer in Liestal, Laufen, Pratteln und Waldenburg zur Verfügung. Dies allerdings nicht zu den gleichen Bedingungen wie in Arlesheim: Hier kommt ein Paar mit 275 Franken für Ehevorbereitung, Trauung und Familienausweis davon. Nehmen die Mitarbeitenden des Zivilstandsamts eine Trauung auswärts vor, so müssen sie laut Verordnung des Bundes eine separate Gebühr verrechnen. Bei einer Schlosstrauung muss ein Paar allenfalls zusätzlich eine Lokalmiete berappen. Mit anderen Worten: Heiraten in Arlesheim ist schlicht am günstigsten.

Gewerbler klagen über Umsatzeinbussen

Gemeindepräsident Markus Eigenmann (FDP) bringt die Gemütslage vieler Arlesheimer so auf den Punkt: «Wir sind ja glücklich und stolz, dass unser Dorf so attraktiv ist. Doch mittlerweile sind es schlicht zu viele Hochzeiten.» Die Verkehrsbelastung durch die vielen Hochzeitskonvois habe das Mass des Erträglichen überschritten, findet Eigenmann. An gewissen Tagen ist es für Kunden der Arlesheimer Geschäfte praktisch unmöglich, einen Parkplatz zu finden; alle Plätze im Dorfkern seien belegt, sagt Barbara Jenzer, Geschäftsleiterin der gleichnamigen Metzgerei. «Wir haben Rückmeldungen von Kunden erhalten, die freitags nicht mehr bei uns einkaufen.» Wie der Metzgerei gehe es zahlreichen Geschäften, sagt sie.

«Der Zustand ist nicht mehr tragbar», findet auch Philipp Hägeli, Präsident des Arlesheimer Gewerbe- und Industrievereins. Das Problem hat sich verschärft, auch weil die Hochzeitsgesellschaften immer grösser werden. War früher die zivile Trauung für die meisten Paare ein reiner Verwaltungsakt vor der kirchlichen Hochzeit, so feiern im Zuge der Säkularisierung viele Paare gleich vor dem Zivilstandsamt. Mit Spalier stehen, Reis werfen, Luftballons steigen lassen. Manche führen vor Ort auch den Hochzeitsapéro und das Essen durch.

Davon profitiert auch das Gewerbe, findet Zivilstandsamtsleiterin Angela Weber. Sie erhält zum Beispiel die Blumensträusse für die Brautpaare von einem lokalen Floristen angeliefert. Hinzu komme, dass mit dem Projekt Focus ja fast die gesamte Zivilrechtsabteilung in Arlesheim zentralisiert worden sei; die Verpflegung und der sonstige Konsum der Mitarbeitenden bringe dem lokalen Gewerbe einiges, argumentiert Weber. «Viele Branchen haben von den Hochzeiten nichts. Unter dem Strich ist der Schaden grösser als der Nutzen», sagt hingegen Philipp Hägeli. Diese Meinung teilt Barbara Jenzer: Die Umsatzeinbussen in der Metzgerei seien substanziell. Umgekehrt zählt das Restaurant Ochsen, das ebenfalls den Jenzers gehört, einige Hochzeitsapéros und -essen. Allerdings nicht sehr viele. «Ein Brautpaar aus dem Oberbaselbiet will verständlicherweise nicht neben dem Zivilstandsamt das Essen durchführen», erklärt sie. Zudem würden viele Gesellschaften Getränke und Snacks für den Apéro selber mitbringen.

Die Probleme sind den Verantwortlichen bekannt: Um den Dorfplatz zu entlasten, ist Anfang 2019 200 Meter entfernt an der Kirchgasse im ehemaligen Statthalteramt ein zweites Trauzimmer eingerichtet worden. Vor allem Samstagstrauungen würden hier durchgeführt, sagt Amtsleiterin Weber. An der unbefriedigenden Situation punkto Parkplätze habe sich dadurch nichts geändert, sagt Gemeindepräsident Eigenmann.

Oberbaselbieter Paare könnten profitieren

«Muss denn wirklich der ganze Kanton bei uns in Arlesheim heiraten?», fragt er und fordert die Wiedereröffnung eines zweiten Trauzimmers im oberen Kantonsteil. «Davon würden auch die vielen Hochzeitspaare aus dem Oberbaselbiet profitieren», fügt er an.

Ob der Kanton darauf einsteigt, ist fraglich, wurde doch das Sparprojekt Focus vom Volk 2012 deutlich gutgeheissen und erst 2014 umgesetzt. Der Arlesheimer FDP-Landrat Balz Stückelberger betont in seinem Vorstoss zur Hochzeitsflut denn auch, dass man die Zentralisierung nicht «rückgängig machen», sondern lediglich «optimieren» möchte.

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