Portrait

Hier ist die Zeit stehen geblieben: «Guschti-Hans» arbeitet mit 100-jährigen Maschinen

Der Ziefner Hans Schlumpf wirkt in einem einmaligen, ein Jahrhundert alten Reich. Der 95-Jährige arbeitet in einer Werkstatt mit Maschinen, die älter sind als er – und alle laufen noch. Er hat viel zu erzählen.

Das Katzental entlang der Hinteren Frenke ist ein besonderer Teil von Ziefen – wie ein kleines Dorf im Dorf. Dort befindet sich die Werkstatt von Hans Schlumpf, die sein Vater vor fast 100 Jahren, genau im Dezember 1921, in Betrieb genommen hat. Der Vater konnte damals das unbewohnte Gebäude erwerben, riss es bis zu den Grundmauern nieder und richtete diese Werkstatt samt Maschinen ein. Diese sind noch heute funktionstüchtig: Hobelmaschine, Bandsäge, Langlochbohrmaschine, Drehbank, Kehlmaschine. Ja, hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Alte Werkzeuge an den Wänden, überall Material zum Schreinern – alles mit einer dicken Staubschicht belegt, von oben hängen Spinnweben in den Raum.

Der 95-jährige «Guschti-Hans», so Schlumpfs Dorfname, schreitet in eine Ecke, dreht den Schalter um und bringt die Transmission zum Laufen. Diese treibt mit Rädern und Riemen und lautem Rattern die Maschinen an. Früher war an der Decke ein 1,5-Pferd-Motor angebracht; der Strom wurde nicht mit einem Zähler gemessen, sondern man bezahlte ihn pro Pferdestärke. «Deshalb wurden schwache Motoren verwendet, um Kosten zu sparen. Dafür reichte es nur für eine Maschine», erzählt der rüstige Rentner.

Hans Schlumpf hat einzelne Maschinen ein bisschen aufgemotzt, vor ein paar Jahrzehnten auch einen fast fünfmal stärkeren Elektromotor installiert, damit er mehrere Geräte für die Holzbearbeitung gleichzeitig laufen lassen kann. Bei der Hobelmaschine kann er unten dicke Bretter durchlaufen lassen und oben abfügen. Die Drehbank verfügt über drei verschiedene Stufen. In die Kehlmaschine kann er verschiedene Messer einspannen und damit Nuten ins Holz fräsen, abrunden oder sonstige Vertiefungen anbringen.

Hans Schlumpf wirft die Transmission an – einen Werktag ohne Werkstatt: «Das könnte ich mir nicht vorstellen», sagt der 95-Jährige im Interview.

Hans Schlumpf wirft die Transmission an – einen Werktag ohne Werkstatt: «Das könnte ich mir nicht vorstellen», sagt der 95-Jährige im Interview.

Schon als kleiner Knabe mit Vaters Werkstatt vertraut

Die Bohr- und die Schleifmaschine, die in der aufgelösten unteren Werkstatt bis Ende der 1980er-Jahre für Metallarbeiten zum Einsatz gelangt sind, braucht Hans Schlumpf nur noch für seine Holzsachen. Auch ein Amboss steht in der uralten Werkstätte. Darauf wurden früher Metallreifen für Holzspeichenräder geschmiedet, von denen Schlumpf hunderte gedrechselt und zusammengesetzt hat.

Schon als kleiner Knabe war er mit Vaters Werkstatt vertraut. «Hinten hatten wir ein Rittiseil, mit dem wir hin- und herschaukelten. Hier wurden wir gehütet, vorne arbeitete der Vater», gibt er Einblick in seine Kinderjahre. Später durfte klein Hans selber Stelzen und andere Objekte basteln sowie mit Ziehmesser und Hobel hantieren. Er stellte zudem Armbrüste her. «Ich war in der Werkstatt immer willkommen, aber an die Maschinen durfte ich nicht alleine.» Zu jener Zeit gab es noch keine Sicherheitsvorrichtungen wie heute. Unfälle hatte Schlumpf aber nur ganz selten. Einmal habe er sich mit der Kehlmaschine am Finger verletzt, «aber das war nicht schlimm».

«Guschti-Hans» nennt man Schlumpf, weil sein Grossvater August hiess; ein Bauer und Posamenter, der einen Webstuhl im Haus hatte. Hans Schlumpfs Vater trug ebenfalls den Vornamen Hans, ihn rief man im Dorf schon «Guschti-Hans». Dieser lernte Wagner in Liestal. Nach der Walz, die ihn ins Elsass, nach Solothurn und in den Kanton Zürich geführt hatte, kam er nach Hause und machte sich selbstständig. Bevor er die Werkstatt baute, die heute Hans Schlumpfs «Heimat» ist, war er ein paar Meter weiter oben im Katzental tätig.

«Ich wollte zwar etwas anderes lernen, aber die Wagnerei war da»

Auch der im Mai 1924 geborene Hans junior absolvierte eine Wagnerlehre, jedoch in Pratteln. Immer mit dem Velo von Ziefen nach Liestal und mit dem Zug weiter nach Pratteln. «Ich wollte zwar etwas anderes lernen, aber die Wagnerei war da und der Weltkrieg zu Ende», erinnert sich Hans Schlumpf. Die Bauern investierten wieder in ihre Fuhrparks und gaben Wagen und Schnecken in Auftrag. Vater und Sohn Schlumpf hatten derart viel zu tun, dass dem Burschen gar nichts anderes übrig blieb, als gleich nach Abschluss der Lehre daheim Hand anzulegen. «Mein Vater hat mir schon früh klargemacht, dass ich den Betrieb weiterführen soll.» Schlumpf junior rückte 1944 in die RS nach Bière ein und wurde danach noch für zwei Wochen in den Aktivdienst eingezogen.

Hans Schlumpf arbeitete bis 1968 mit dem Vater zusammen, als dieser starb. Kurz darauf eröffnete er weiter unten im Katzental eine grössere Werkstatt, in der er allmählich auch Wagen mit Metallkonstruktionen produzierte. Während zweier Jahrzehnte hatte er einen Schmied angestellt. Das Duo belieferte Bauern, Heuhändler und Industrie aus der Region mit Anhängern. Es reparierte auch Landmaschinen, jedoch ohne Motorantrieb.

Wie viele Wagen hat Schlumpf in all seinen Jahren gebaut? «20 weniger als 1000», meint Hans Schlumpf trocken – und fügt stolz an: «Ich führte in einem Heft jeden ausgelieferten Anhänger auf und für wen er bestimmt war.» Er zeigt auch das Auftragsbuch seines Vaters – ein Stück fürs Museum – mit unzähligen Einträgen in fein säuberlicher Schrift. Die ersten stammen von 1914.

Er habe sich mehr oder weniger gut durchgeschlagen und nicht gross Kasse gemacht, berichtet der Mann aus dem Katzental. Er hatte gute Kunden, aber auch schlechte, die ihn ausnutzten. «Bestellten diese etwas, musste ich schauen, dass ich zum Geld kam. Ich musste sogar Leute betreiben. Das war unerfreulich», blickt er zurück.

65-jährig gab Schlumpf 1989 seinen Betrieb auf. Danach transportierte er während eines Vierteljahrhunderts Demetermilch. Er verfügte über einen eigenen Kühlwagen. Als Migros und Coop Biomilch einführten, war Demetermilch immer weniger gefragt. Die Verkäufe in den Läden brachen ein. «Dann fiel das ganz weg», bedauert der Hochbetagte.

Nun fährt er noch zweimal pro Woche Eier und Backwaren von Produzenten zu Läden nach Basel. «Ich verdiene zwar wenig dabei, aber ich habe den Plausch und bleibe fit», gewinnt er dieser Tätigkeit Positives ab. Selbst im hektischen Stadtverkehr fühlt sich der 95-Jährige pudelwohl. Er sei immer im Auto unterwegs gewesen. Erst kürzlich fuhr er nach Luzern und traf im Verkehrshaus einen Kollegen, der in Thailand wohnt und gerade in der Schweiz gewesen ist.

Thailand, Kalifornien, Brasilien, Tansania

Hans Schlumpf hat aber nicht nur die Region Basel und die Schweiz, sondern auch die Welt gesehen. Er fliegt zum Beispiel regelmässig nach Thailand. Dort leben zwei seiner Söhne, die ausgewandert sind. Einmal verbrachte er drei Monate am Stück im südostasiatischen Land. «Das war zu lang, auch wenn mir das Klima behagt und es mir dort gefällt. Aber meine Heimat ist hier», sagt Schlumpf bestimmt und drückt seinen Zeigefinger auf die Werkbank. Der alte Ziefner bereiste ebenfalls schon Kalifornien, Brasilien und Tansania. Im Januar hebt er erneut ab für einen weiteren Aufenthalt im Fernen Osten.

Schon ein paar Mal wurde ihm von seinen Söhnen in Thailand beliebt gemacht, doch auch hierhin zu ziehen. Einer habe ziemlich viel Land um sein Anwesen und hätte ihm ein Häuschen gebaut. Dort könnte er mit seiner AHV gut leben. «Aber was will ich in Thailand tun, ohne Werkstatt. Ohne sie kann ich nicht sein, die muss ich noch haben», betont er. Zudem könne er die Sprache nicht und deshalb nicht mit Leuten reden.

Der Verwitwete ist Vater dreier Söhne und zweier Töchter. Er hat sieben Grosskinder und neun Urgrosskinder. Für die Jüngsten fertigt er in seiner Werkstatt hölzerne Schaukelschwäne als Weihnachtsgeschenke an. Hier verbringt er stets von Montag bis Freitag, manchmal auch samstags, jeweils ein, zwei Stunden. «In der Werkstatt ist es mir wohl, hier bin ich glücklich», erzählt er mit glänzenden Augen. Auch Leiterwagen stellt er noch her, aber keine Holzspeichenräder mehr wie einst, weil sie nicht mehr gebraucht werden.

Zurück zum Katzental in Ziefen. Was macht es so speziell? «Man versteht sich mit den Leuten, wir sind wie eine grosse Familie», klärt Hans Schlumpf auf. Alle hier seien in fortgeschrittenem Alter. Der 95-Jährige ist der Älteste im Dorf, viele sind weggestorben, auch im Katzental. Das bereite ihm hin und wieder Mühe, meint er ein wenig melancholisch, und zitiert aus einem alten Lied: «Die alten Strassen noch, die alten Häuser noch, die alten Freunde aber sind nicht mehr.»

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