Wie viel kostet die Beseitigung von illegal entsorgtem Abfall in der Schweiz? Die Schüler der Klasse 4P der Oberwiler Sekundarschule raten. 100'000 Franken? 10 Millionen? 100 Millionen oder gar eine Milliarde? Die 16-Jährigen staunen nicht schlecht, als ihnen die Umweltpädagogin Barbara Schumacher die Zahl nennt: 200 Millionen Franken – für die Schüler eine unvorstellbar hohe Summe. Schon bevor sie in die Anti-Littering-Stunde kamen, war ihnen klar: Abfall nicht ordnungsgemäss zu entsorgen, ist keine gute Sache. Und auch Vandalismus und unnötiger Lärm sind verwerflich. Doch die konkreten Folgen von Littering bringen sie zum Nachdenken: Ein Zigarettenstummel vergiftet einen Kubikmeter Erde; Kühe müssen notgeschlachtet werden, wenn sie Aludosen fressen; Vögel füllen ihren Magen mit Abfall und verhungern.

Die Schüler, von denen die meisten ins Gymnasium wechseln werden, stellen in den zweieinhalb Stunden kreative Überlegungen an rund um Recycling, Vandalismus und Ordnung im öffentlichen Raum. Zum Beispiel erklärt ein Junge, warum man littern sollte : «Wenn wir Lebensmittelverpackungen ins Gebüsch schmeissen, wissen die Menschen in tausend Jahren, was wir heute gegessen haben.» Alle lachen. Und was brennend interessiert: Darf man Kaugummi im Robidog-Behälter entsorgen?

Im Werkhof zeigt ihnen der langjährige Mitarbeiter Markus Dill, welchen Aufwand die Gemeinde treibt, um den öffentlichen Raum sauber zu halten. «Wenn Ihr ein Strassenschild umbiegt, flicken wir es hier», sagt er vor der Schweissanlage. Wofür die schwarzen Gummihosen an der Wand sind, wissen die Schüler nicht: «Falls wieder mal ein Velo im Birsig landet.» Vorgeführt kriegen sie die Weihnachtskugel, die Dill aus einer alten Bowling-Kugel hergestellt hat – als Ersatz für eine Kugel aus Glas vor der Gemeindeversammlung, die manche Jugendliche ständig zerstörten.

Kanton kürzte Kurse weg

Vor den Containern mit im Wald aufgesammeltem Elektronikschrott erklärt Dill, dass die Gemeinde jährlich 30 000 Franken für das Einsammeln von Abfall ausgibt. Ein Mädchen will wissen, wer das zahlt. «Der Steuerzahler natürlich», so die simple Antwort. Dill weiss aber auch: Seit fünf Jahren gibt es in Oberwil die Anti-Littering-Workshops, und seither ist der illegale Abfall um 20 Prozent gesunken. Auch wenn bei weitem nicht nur Jugendliche Abfall liegen lassen, so führt die Gemeinde den Rückgang auf die Anti-Littering-Workshops zurück. Diese führt Schumacher seit vier Jahren im Auftrag der Gemeinde durch. Vorher finanzierte der Kanton den Abfallunterricht, doch der Posten wurde weggespart. Seither kennen manche, aber nicht alle Gemeinden solche Kurse, auf verschiedenen Schulstufen. In Oberwil ist man so überzeugt von der positiven Wirkung der Workshops, dass man sogar die Schüler der Sekundarschule einbezieht, die eigentlich dem Kanton gehört.

Neben Schumacher sind Mitarbeiter des Werkhofs und der Kantonspolizei in den Workshop einbezogen. Sie alle haben bei der 4P den Vorteil, dass sich die Schüler auf die Oberwiler Schulabschlussfeier freuen. An diesem traditionellen Anlass gab es in vergangenen Jahren immer wieder Probleme mit Abfall und Vandalismus. Eine Zeit lang stand sogar zur Diskussion, die Feier ganz zu verbieten. Das wissen die Jugendlichen der 4P sehr gut. «Es wäre doch schade, wenn es nur wegen dem Abfall keine Abschlussparty mehr gäbe», lautet ihre Befürchtung. Darum nehmen sie es ernst, wenn ihnen Schumacher eines mitgibt: Bei grösseren Anlässen wie Partys sollen sich die Jugendlichen organisieren. «Nehmt Abfallsäcke mit», lautet eine ihrer Empfehlung.

Das trug im letzten Jahr Früchte. An der Abschlussfeier 2014 blieb kaum mehr Abfall liegen. Peter Schelker, seit zwölf Jahren beim Jugenddienst der Kantonspolizei, erklärt: Bisher sei es an Abschlussfeiern das Ziel gewesen, möglichst noch mehr Mist zu bauen als die Jugendlichen im Jahr davor. «Jetzt sind wir auf dem besten Weg dazu, diesen Trend zu kehren.» Auch er sieht einen Grund dafür in den Workshops. Dort erzählt er den Schülern, was das Gesetz ihnen im öffentlichen Raum vorschreibt – und was er selber auf Streife durchs Leimental erlebt hat. «Es gibt Jungs, die lassen Abfall liegen, weil sie einem Mädchen imponieren wollen», berichtet er.

Die 4P staunt und stellt knifflige Fragen, etwa: «Wie kann ein Richter bei Vandalismus beweisen, dass mutwillig gehandelt wurde?» Schelker findet darauf prägende Antworten: «Wenn Du Dich für eine Beschädigung entschuldigst, war es sicher kein Vandalismus.» Vor allem von der Höhe der Bussen für Littering sind die Schüler beeindruckt, auch wenn Schelker Entwarnung gibt: «Zahlen müssen meist Eure Eltern.»

Bei Bedarf holt man Bewilligung

Das Feiern wollen sich die Jugendlichen sowieso nicht verderben lassen. Wenn Schelker erklärt, dass sie nach zehn Uhr die Nachtruhe einhalten müssen, leuchtet das zwar allen ein. Doch fragt man die Klasse nach zweieinhalb Stunden Anti-Littering-Workshop, was sie Neues gelernt hat, heisst es unisono: «Dass man für Lärm an Partys Ausnahmebewilligungen holen kann.» Wenigstens wissen sie jetzt: Bei der nächsten Fête am Waldrand dürfen sie weiterhin ihren Kaugummi im Robidog-Behälter entsorgen. Das ist nämlich erlaubt.