Die nächste Bushaltestelle ist zu Fuss eine knappe Dreiviertelstunde von hier oben entfernt. Hat man es über die schmale Bergstrasse und die satten Wiesen bis ins Tal geschafft, muss man womöglich noch warten. Nur alle zwei Stunden fährt ein Postauto in Richtung Zwingen, wo es einen Zuganschluss in die Stadt Basel gibt.

Der Chratten liegt nicht zufälligerweise weit abgelegen oberhalb von Beinwil. In idyllischer Umgebung können sich seit dem Jahr 1972 Drogensüchtige behandeln lassen. Damit ist die Therapieeinrichtung im Schwarzbubenland die älteste derartige Institution in der Schweiz. In der Vergangenheit haben die Verantwortlichen das Konzept immer wieder angepasst. Der Grundgedanke – mitten in der Natur, fern von Versuchungen wieder auf die Beine zu kommen – ist jedoch stets der gleiche geblieben.

Den Kopf frei bekommen

Seit wenigen Monaten existiert im Chratten, der zur Basler Stiftung Sucht gehört, ein neues Angebot. Personen, die woanders eine Therapie absolvieren oder sich in einer ambulanten Behandlung befinden und dabei eine Krise durchleben, können in Beinwil für eine bis sechs Wochen eine Auszeit nehmen. «Wir sprechen Menschen mit suchtbedingten, sozialen oder psychischen Problemen an», sagt Eric Vuille, der die Einrichtung seit 14 Jahren leitet. Den Klientinnen und Klienten sei es möglich, durchzuatmen, zur Ruhe zu kommen und sich neu zu orientieren. Derzeit sind zwei der insgesamt vier Betten belegt, bezahlt wird der Aufenthalt im ländlichen Thierstein meist durch die Sozialhilfe. 

Mit den Drogensüchtigen, die im Gebäude nebenan eine längere Suchttherapie machen, kommen die Auszeit-Klienten meist nur bei der Medikamentenabgabe in Kontakt. «Es ist nicht Sinn und Zweck der Auszeit, die Klienten für eine Suchttherapie abzuwerben», stellt Vuille klar. Bei der Auszeit gehe es einzig und allein darum, aus dem gewohnten Umfeld herauszukommen und für kurze Zeit den Kopf frei zu bekommen. Nach ihrer Zeit in Beinwil kehren die Personen wieder in ihr altes Leben zurück.

Ein festes Tagesprogramm gibt es – einmal abgesehen von den drei täglichen Mahlzeiten – für die Auszeit-Klienten im Chratten nicht. «Zuallererst geht es bei uns um Erholung. Die Menschen sollen wieder zu Kräften kommen», sagt die Sozialpädagogin Andrea Parker. Anschliessend biete man an, gemeinsam mit ihnen die Zukunft zu planen. Oftmals seien private Angelegenheiten wie etwa das Bezahlen der Krankenkasse während der Therapie zu kurz gekommen. «Wir haben für die Klientinnen und Klienten ein offenes Ohr, drängen uns ihnen aber nicht auf.»

Im Chratten duzen sich alle

Sie zeichne und lese momentan sehr viel, erzählt eine Auszeit-Klientin, welche seit zwei Wochen im Chratten wohnt. Zudem verlasse sie hin und wieder die Einrichtung und mache einen Spaziergang in der Natur. «Vor allem aber schlafe ich seit langer Zeit wieder gut. Das ist Gold wert.» Wegen Problemen mit ihrem Ehemann hatte die 49-Jährige kürzlich wieder angefangen zu trinken. «Ich wusste, dass es schlimmer werden würde, weshalb ich mich in die Psychiatrie Liestal einweisen liess.» Mittlerweile sei sie trocken, aber noch nicht bereit, schon wieder in ihrem Haus zu leben.

Besonders gut gefalle ihr, dass sie ihren Hund mitnehmen konnte. «Es schafft auch Vertrauen, dass sich hier alle duzen. Das ist nicht überall so», sagt sie. Sie habe vor, künftig zusammen mit ihrem Mann zur Eheberatung zu gehen. Es sei schade, dass sie den Chratten bald wieder verlassen müsse.

Auch wenn sie nicht mehr da ist, wird Chratten-Leiter Eric Vuille ihr Schicksal weiterverfolgen. Aufgrund seiner Erfahrung sei ihm bewusst, «dass ich keine Klienten retten kann». Dennoch sei es eine Genugtuung zu wissen, dass sie in Beinwil während einigen Wochen eine gute Zeit hatten.