Allschwil

Historische Wahl in Allschwil: Erstmals seit 1992 geht der Kampf ums Präsidium los

Nicole Nüssli (FDP) wird von Links herausgefordert: Christoph Morat soll für die SP das Gemeindepräsidium erobern, das zuletzt von 1992 bis 2004 mit Ruth Greiner in SP-Händen war.

Nicole Nüssli (FDP) wird von Links herausgefordert: Christoph Morat soll für die SP das Gemeindepräsidium erobern, das zuletzt von 1992 bis 2004 mit Ruth Greiner in SP-Händen war.

Zum ersten Mal seit fast 30 Jahren sind am 28. Juni in Allschwil wieder Kampfwahlen ums Gemeindepräsidium. Die beiden Kandidierenden schenken sich im Interview mit der bz nichts. Völlig einig sind sie sich nur in einem Punkt: Die Gegenseite ist nicht fair.

Nicole Nüssli, Christoph Morat, der Wahlkampf ist pointiert in Allschwil, teilweise auch gehässig – sind Sie beide froh, wegen Corona etwas Abstand zueinander halten zu können?

Nicole Nüssli: Wahlkampf ist Wahlkampf. Die Bevölkerung will wissen, wo wir stehen.

Christoph Morat: Es ist kein normaler Wahlkampf. Wir haben eine Kampfwahl ums Allschwiler Gemeindepräsidium zum ersten Mal seit fast 30 Jahren. Ich sagte zu Beginn meiner Kandidatur, dass ich mir einen fairen Wahlkampf wünsche. Den habe ich nicht in allen Teilen erhalten. Ich erinnere an die Anschwärzungen wegen Amtsgeheimnisverletzung. Die Voruntersuchung hat mich aber vollständig rehabilitiert.

Nicole Nüssli: Es ist Quatsch, die Thematik der Amtsgeheimnisverletzung als Wahlkampf unserer Seite zu formulieren. Im Gegenteil: Das war Wahlkampf der Gegenseite. Man entschied, mit einer Information an die Öffentlichkeit zu gehen, ohne zuvor das Gremium zu fragen. Die von Herrn Morat hochgepriesene Kollegialität wurde klar verletzt.

Herr Morat, Sie haben im Mai in einem Leserbrief für ein Allschwiler Coronahilfspaket geworben. Das Vorhaben sei finanzierbar, da die Rechnung 2019 gut ausgefallen sei. Die war aber noch nicht verabschiedet. Deshalb liess der Gemeinderat untersuchen, ob das Amtsgeheimnis verletzt worden ist. Warum taten Sie diese Aussage mit der Rechnung?

Christoph Morat: Ich habe geschrieben, wir sollten dem Gewerbe und Privatpersonen helfen. Und ich schrieb fast wörtlich: «Wir könnten uns das leisten.» Die Idee ist auch umgesetzt worden. Wegen eines Nebensatzes wurde etwas konstruiert, um mich als Gegenkandidat anzuschwärzen, in der Hoffnung, dass etwas hängenbleibt. Es handelt sich klar um einen Einschüchterungsversuch. Das Kurzgutachten hat bestätigt, dass ich nichts Falsches gemacht habe.

Nicole Nüssli, eine Parteikollegin, eine FDP-Einwohnerrätin, hat auf die mögliche Amtsgeheimnisverletzung Christoph Morats mit einer offiziellen Anfrage an den Gemeinderat reagiert. Das löste die Abklärung aus. Was sagen Sie zum Vorwurf des Wahlkampfes?

Nicole Nüssli: Das ist reine Unterstellung und totaler Quatsch. Die Fragestellerin ist Mitglied der Geschäftsprüfungskommission. Als die Anfrage vorlag, mussten wir als Gemeinderat reagieren. Sonst wären wir eine Bananenrepublik.

Christoph Morat: Ich beobachte eine Abkehr von der gutschweizerischen Art, Politik zu betreiben – nämlich, dass man die eigenen Vorzüge in den Vordergrund stellt. Hier wurde, wie bei anderen Gelegenheiten, auf den Mann gespielt: auf mich. Solche Methoden kennen wir bislang nur aus dem Ausland.

Nicole Nüssli: Es ist auch nicht opportun, das Kollegialitätsprinzip zu verletzen und mit Aussagen an die Öffentlichkeit zu treten, die man eigentlich zuvor im Kollegium hätte absprechen sollen.

Christoph Morat, Sie haben gesagt, Sie würden die Kommunikation verbessern, wenn Sie Gemeindepräsident würden. Was liegt im Argen?

Christoph Morat: Der Gemeinderat ist häufig eine Dunkelkammer. Ich würde Gemeinderatsbeschlüsse offensiver kommunizieren.

Nicole Nüssli: Kommunikation ist Teil der Arbeit des Gesamtgemeinderats. Ich habe den Eindruck, wir haben das bislang ziemlich gut gemacht. Es wird nichts unter den Tisch gewischt. Ich erhalte die Rückmeldung, dass wir das hervorragend machen …

Christoph Morat: … und ich höre genau das Gegenteil. Leute fragen mich: Weshalb wird nicht klar kommuniziert, was der Gemeinderat beschliesst? Weshalb werden Dinge unter dem Deckel gehalten?

Allschwil wächst, die Finanzen sind im Lot. Christoph Morat, was kann man da noch besser machen?

Christoph Morat: Allschwil ist im Wandel. Im Bachgrabengebiet geht die Post ab, dort entstehen zwischen 2000 und 3000 Arbeitsplätze. Die Arbeitskräfte sind teilweise Zuzüger, aber auch Pendler. Wir müssen also versuchen, trotz des Wachstums wohnlich und lebenswert zu bleiben. Und wir müssen aufpassen, dass der Mehrverkehr sich nicht durch die Quartiere zwängt. Deshalb machen wir die Baslerstrasse und den Hegenheimermattweg fit. Ebenso hoffen wir, dass der Zubringer Bachgraben wie versprochen kommt.

Nicole Nüssli, warum sollten die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger auf den bisherigen Kurs setzen?

Nicole Nüssli: Allschwil ist eine prosperierende Gemeinde. Wir konnten trotz grossen Investitionen den Steuerfuss halten. Und wir werden uns weiter entwickeln. Was mir ganz wichtig ist: Die Verwaltung noch effizienter gestalten. Ich setze mich aber auch dafür ein, dass man den Verkehr aus den Wohnquartieren fernhält. Damit man die Wohnlichkeit erhalten kann, ist zudem die Freiraumentwicklung wichtig. Aktuell wird das Projekt Wegmattenpark umgesetzt. Dann muss aber auch das Zusammenspiel mit dem Gewerbe funktionieren. Es muss auch seinen Platz haben.

Sie beide tönen ähnlich in den Zielen, ausser bei der Wirtschaft. Ist Nicole Nüssli als Kandidatin der Bürgerlichen, also FDP, SVP, CVP und GLP, zu wirtschaftsfreundlich, Christoph Morat?

Christoph Morat: Die SP ist mindestens so gewerbefreundlich wie die bürgerlichen Parteien. Auch wir wollen, dass die Menschen Arbeit haben. Ob man Links oder Rechts ist, sollte gar nicht so entscheidend sein als Gemeindepräsident. Das ist eben ein Teil des Wandels, den ich anstrebe: Die Links-Rechts-Gräben im Gemeinderat überwinden. Das ist etwas, was ich im Berufsleben gelernt habe: Verhandeln, alle Beteiligten an einen Tisch bringen. Da habe ich einiges zu bieten.

Nicole Nüssli: Ich bin seit 1992 als selbstständige Rechtsanwältin tätig. Von daher habe ich grosse Erfahrung, wie man mit Leuten umgeht, wie man sie ins Boot holt und wie man gewinnbringend verhandelt.

Christoph Morat, Nicole Nüssli beklagte sich darüber, sie habe von Ihrer Kandidatur aus der Zeitung erfahren müssen. Warum haben Sie ihr nicht persönlich gesagt, dass Sie antreten?

Christoph Morat: Ich kenne kein ungeschriebenes Gesetz, dass ich meine Kandidatur vorgängig bei einem Gespräch mit ihr hätte bekanntgeben müssen – schon gar nicht bei einem urdemokratischen Vorgang wie einer Gesamterneuerungswahl. Wir haben einen Monat vor Meldeschluss meine Kandidatur bekanntgegeben. Das reicht, um sich darauf einzustellen.

Nicole Nüssli: Ich habe mich nicht beklagt, dass dieses Vorgehen gewählt worden ist. Ich bin auch nicht brüskiert. Aber es ist ein Fakt: Christoph konnte mir nicht in die Augen schauen und mir sagen, dass er kandidiert. Und das zeugt von Schwäche.

Wir drehen den Spiess um. Zuerst Sie, Nicole Nüssli, wo ist Christoph Morat stark?

Nicole Nüssli: Das ist eine schwierige Frage (überlegt). Ich bin bisher davon ausgegangen, wir wären im Gemeinderat ein gutes Team, wir würden aufeinander zugehen. Das wären alles Punkte, die ich an Christoph schätzen würde. Im Moment erlebe ich ihn aber anders. Und darum ist es für mich schwierig, eine Antwort zu geben.

Christoph Morat, worin ist Nicole Nüssli besonders gut?

Christoph Morat: Frau Nüssli hat nun nichts gesagt. Ich kann zu Protokoll geben, dass ich immer Respekt vor Menschen habe, die sich engagieren. Nicole engagiert sich seit 20 Jahren im Gemeinderat, seit sieben Jahren im Präsidium. Es ist nicht immer alles so rund gelaufen, wie sie es gerne darstellt. Jetzt wurde im Wahlkampf auf den Mann gespielt. Das und ihre letzten Worte zeugen nicht gerade von Souveränität und Gelassenheit, wie man es sich von einer Gemeindepräsidentin wünschen könnte. Ich bin überzeugt, dass mir das als Präsident besser gelänge.

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