Am 21. Januar 2018 um 12.08 Uhr wurden in Wintersingen auf dem «Cheesiplatz» Tatsachen geschaffen. Was politisch nicht recht funktioniert, gelang der Vorfasnacht: Stadt und Land fusioniert – zumindest die Guggen.

Anderthalb Stunden zuvor: Auf der einen Seite vom Platz vor dem ehemaligen Milchlokal stehen neonfarbene Räbäschränzer aus Wintersingen, auf der anderen Seite waldgrüne Stachelbeeri aus Basel. Dazwischen eine Pufferzone aus leeren Bänken und Tischen. Auf die Frage nach einer musikalischen Fusion winken je auf ihrer Seite Sandra Gerber, Majorin der Basler Stachelbeeri, und Daniel Buser, Präsident der Wintersinger Fasnachtsgesellschaft Räblües, ab. «Das ist nicht so einfach», heisst es bei beiden, doch den Kontakt werde man sicher suchen.

Das Drummeli Ausfabe 2017

«Es ist das Beste, was man machen kann. Zueinander hingehen und sich kulturell austauschen. Dafür ist die Fasnacht ein guter Anknüpfungspunkt», ist auch die Baselbieter Nationalrätin Maya Graf überzeugt. Sie wollte sich den Anlass nicht entgehen lassen und kam von Sissach über den Hügel nach Wintersingen.

Sogar zwei Rahmenstücke gab es

11:13 Uhr: Die Pufferzone füllt sich mit Männern, Frauen, Kindern. Der eine oder die andere holt noch eine Flasche des eigens gebrauten Drummeli-Biers. Bald sind zirka 250 Menschen auf dem Platz. Ein Teil schränzt, ein Teil hört zu. Je 30 bis 35 Musikerinnen und Musiker pro Gugge gestalten im Wechsel mit drei Mitgliedern des Drummeli-Ensembles das Programm. Andrea Bettini gibt den Moderator. Zweimal kündigt er an, es gebe etwas zum «ersten Mal in der Geschichte der Menschheit»: Das Drummeli sei auf dem Lande und es gebe ein exklusives Rahmenstück, aufgeführt nur in Liestal und hier, in Wintersingen. Rula Badeen und Skelt! spielen vor dem grossen, pinken «Drummeli-auf-dem-Lande»-Banner. Ein Stück über die Unmöglichkeit, die Linien der BVB auf Anhieb zu verstehen und als Besucher in der Stadt ans Ziel zu kommen, später eines über die öffentliche Metzgete in Sissach. Allein da gibt es Abzüge in der Note – das Stück ist vorbei, kaum dass es angefangen hat; der Stimmung tut es keinen Abbruch.

Freilufttheater statt Theaterbühne, was ist der grösste Unterschied für die Schauspieler? «Die Akkustik ist natürlich anders. Ich musste mit der Stimme recht Gas geben. Aber die Stimmung ist irgendwie lockerer», sagt Rula Badeen. Skelt! ergänzt: «Das Drummeli auf dem Land ist sehr nahe am Fasnachtsgedanken, der Fasnacht als Strassenfest. Das ist toll.» Die Stimmung auf dem Platz ist feucht fröhlich und um kurz vor 12 Uhr nähern sich die Guggen zaghaft an. Während die eine spielt, winkt und wippt die andere im Takt und um 12:08 Uhr ist die Sensation perfekt, es kommt zur «Guggenfusion». Andrea Bettini verkündet: «Meine Damen und Herren, das war nicht vorgesehen. Hier findet statt, was politisch nicht gelingt, gelebte Kantonsfusion.» Das war halt Freestyle, richtige Guggenmusik, kommentieren Mitglieder beider Guggen später.

Sie spielen und singen gemeinsam, das Publikum applaudiert und jubelt. Drummeli auf dem Lande in Wintersingen in einem Wort? «Lustig, mol öppis nöis, cool, famos, konstruktiv, Fusion, e super Sach, lässig, einzigartig.» Die Gäste lassen keinen Zweifel, Drummeli auf dem Lande, das kommt an. Sarah Biotti und Christian Schlumpf gehört das Milchlokal mit dem Cheesiplatz. In Kooperation mit der Fasnachtsgesellschaft Räblües Wintersingen und dem Drummeli-Team haben sie den Anlass organisiert und bereuen es nicht. Auch André Schaad, Drummeli-Verantwortlicher des Fasnachtscomité ist zufrieden: «Ein Wort? Tönt vielleicht blöd, aber es war: geil.»