Bubendorf

Hochgefährliche Anti-Krebs-Wirkstoffe made in Bubendorf

CEO Mark Griffith in den Produktionsräumen für «normale» Wirkstoffe. Die «Hipos» werden dagegen in Räumen produziert, die nur Fachpersonal zugänglich sind.Junkov

CEO Mark Griffith in den Produktionsräumen für «normale» Wirkstoffe. Die «Hipos» werden dagegen in Räumen produziert, die nur Fachpersonal zugänglich sind.Junkov

Nach einer Delle zu Beginn des Jahrzehnts ist der Pharma-Dienstleister Carbogen Amcis AG wieder auf Kurs. Sie haben eine interessante Strategie entwickelt, wie sie als Firma trotz kleinen Produktionsmengen im Rennen bleiben.

Ein harter Schnitt, fast jeder sechste Mitarbeiter musste gehen: Vor gut vier Jahren entliess Carbogen Amcis 60 von damals 350 Personen. Mittlerweile hat sich die Tochter der indischen Dishman-Gruppe gut erholt und wieder 397 Mitarbeiter in der Schweiz: 219 am Hauptsitz in Bubendorf, 48 in Hunzenschwil (AG), 120 in Aarau und 10 in Vionnaz (VS) und weitere 157 im Ausland: 46 in Manchester (UK), 26 in Riom (F), 68 in Schanghai und 17 im Verkauf (USA und Europa). Es wurden also mehr Leute in der Schweiz eingestellt, als 2001 das Unternehmen verlassen mussten. «Auch Umsatz und Ertrag haben sich erholt», berichtet CEO Mark Griffith.

Die Umsatz-Einbrüche um rund 30 Prozent, auf die Carbogen Amcis 2011 reagierte, hatten mehrere Ursachen: Die Firma stellt einerseits Wirkstoffe für Pharmafirmen her und bietet andererseits Forschungs-Dienstleistungen für die Entwicklung neuer Medikamente an.

Doch erstens wird die Produktion von Pharma-Wirkstoffen zunehmend nach Indien und China verlagert, also gingen Aufträge verloren. Zweitens wurden als Folge der Finanzkrise von 2008 in den USA die Investoren übervorsichtig. Risikokapital wurde knapp, den Pharma-Startups ging als Carbogen-Amcis-Kunden das Geld aus. Nicht zuletzt brach der Dollarkurs ein und verteuerte auf den Hauptmärkten die Carbogen-Amcis-Produkte um fast ein Drittel.

Je giftiger desto rentabler

«Wir mussten die Strategie in der Wirkstoff-Produktion dringend umstellen», blickt CEO Mark Griffith, zurück. «Produzierte Amcis Carbogen bis dahin Wirkstoffe, die man in grossen Mengen braucht, die aber nur eine kleine Marge erlauben, so stellten wir nun um auf Substanzen, von denen es nur wenig braucht. Bei diesen ist die Marge höher.»

Also spezialisierte sich Carbogen Amcis auf hoch wirksame Substanzen, sogenannte Hipos (englisch: high potentials). Diese Chemikalien wirken bereits in kleinsten Mengen im Bereich von wenigen Millionstelgramm. Diese kommen vor allem bei der Krebs-Chemotherapie zum Einsatz. Da reichen teilweise 5 Kilo, um den weltweiten Jahresbedarf zu decken.

Aufgabe der Hipos ist es, die Krebszellen zu zerstören. Wie die oft heftigen Nebenwirkungen einer solchen Chemotherapie zeigen, sind Hipos hoch giftig. Entsprechend anspruchsvoll sind die Sicherheitsvorkehrungen bei der Produktion in Bubendorf.

Auf Youtube zeigt Carbogen Amcis, wie die Mitarbeiter in Reinräumen arbeiten, die durch ein System von Schleusen erreichbar sind. Obschon sie Schutzanzüge tragen, arbeiten sie in Handschuhboxen: abgeschlossene Kästen, in deren Glas luftdicht montierte Handschuhe das Arbeiten im Inneren ermöglichen. Zur «guten Herstellungspraxis» (englisch: GMP) gehört, dass alle Produktionsschritte minutiös dokumentiert werden.

Internationale Fachkräfte nötig

Eine derart sensible Produktion sowie die Forschung, die Carbogen Amcis im Auftrag ihrer Kunden betreibt, erfordert spezialisierte Fachkräfte. Diese rekrutiert Carbogen Amcis rund um den Globus, da die Schweiz nicht genug Chemiker ausbildet.

«Zudem ist es von Vorteil, wenn für Verhandlungen beispielsweise mit einem japanischen Kunden ein Japaner im Team ist, der die Kultur und die Kommunikationsweise des Gegenübers kennt», stellt Griffith fest.

Entsprechend sieht er mit einer gewissen Sorge der Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative der SVP entgegen: «Die Geldbeutel der ‹Big Pharma› sind gross genug, die kontingentierten Experten an sich zu binden. Die Mittleren und Kleineren werden aber unter Druck kommen», meint Griffith.

Dem Standort Bubendorf treu

Zu diesen Mittleren gehört Carbogen Amcis: Amcis entstand in den 80er-Jahren als Ableger der CIS Pharma in Bubendorf, Carbogen als Spin-off der Universität Zürich. Im Jahr 2000 wurden sie an die Monsanto-Tochter Solutia verkauft. Diese reichte das Unternehmen 2006 an die indische Dishman-Gruppe weiter.

Durch die Integration je eines Produktionswerks in Manchester (UK) und Bavla (Indien) sowie eines Labors in Riom (F) kann Carbogen Amcis heute die ganze Entwicklungskette eines Medikaments von der Frühphase über die Konfektionierung von Medikamenten für die klinische Phase (Erforschung am Menschen) bis hin zum Hochfahren der Produktionsmengen auf ein industrielles Niveau anbieten. Dazu gehört neben den eigenen Forschungs- und Produktionseinrichtungen auch die langjährige Erfahrung mit Zulassungsverfahren.

Der Hauptsitz von Carbogen Amcis ist Bubendorf, wo in enger Nachbarschaft von CIS Pharma auch die Wirkstoffproduktion konzentriert ist. Das Motiv, trotz Frankenstärke in der Schweiz zu bleiben ist die Einbettung in den Nordwestschweizer Life Sciences Cluster.

CARBOGEN AMCIS

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