2017 ist kein Kirschenjahr: Wegen dem späten Frost fällt die Erntemenge bedeutend geringer aus als gewöhnlich. Nicht so auf dem Hof Halde in Arisdorf. Hier hängen die Äste voll mit den schönen Früchten. In der hohen Lage oberhalb des Dorfs konnte der Frost wenig Schaden anrichten und auch mit der Trockenheit kamen die robusten Hochstammbäume gut zurecht.

Trotzdem hält sich die Freude bei Regula und Beat Flubacher in Grenzen. Dieses Jahr hat der Schweizer Obstverband nämlich die Abnahmegrösse für Tafelkirschen von 21 auf 22 Millimeter erhöht. Gerade die traditionellen Baselbieter Hochstamm-Kirschensorten wie die «Schauenburger» sind unter diesen Rahmenbedingungen immer weniger konkurrenzfähig.

Hochstämmer verschwinden

Der Aufwand beim Aussortieren hat stark zugenommen: Jede einzelne Kirsche muss mit einem Lochraster geprüft werden. Fällt sie durch das 22er-Loch durch, dann ist sie nicht für den Verkauf bei den Grossverteilern geeignet. «Wir sind zu dritt am Günne und zu viert am Verlesen», erzählt Regula Flubacher. Das lohne sich für die Bauern nicht mehr, sodass immer mehr Produzenten ihre Hochstämmer fällen würden.

«Es ist unfair uns gegenüber», findet Beat Flubacher. Eine Hochstammkirsche sei ein Naturprodukt, das ganz ohne künstliche Bewässerung entstehe. Ein Hochstammbaum ziehe das Wasser aus eigener Kraft aus dem Boden, während für Niederstamm-Anlagen tausende Liter Wasser verbraucht würden. Die Hochstammkirschen seien kleiner, weil für die einzelne Frucht weniger Wasser zur Verfügung stehe.

«Eigentlich ist es ein Skandal», fährt Beat Flubacher fort. Gerade in einem trockenen Jahr, in dem man wenig Kirschen habe, würden die Hochstammproduzenten durch die neue Grössenvorschrift noch mehr benachteiligt. Dafür würden Kirschen mit grossem Durchmesser aus der Türkei importiert: «An ihnen hängen sicher drei Liter Erdöl dran, wenn man den Transport einberechnet.» Zu beachten sei auch, dass ein Hochstammbaum mehr CO2 umwandle als ein Anlagenbaum und dass das typische Baselbieter Landschaftbild immer mehr verschwinde, je mehr die Hochstämmer zurück gingen.

Obstbauern zweiter Klasse?

Der Beweggrund für die neue Abnahmegrösse steht für Beat Flubacher fest: «Im Obstverband sind die Produzenten, die Anlagen haben.» Aus Angst, dass man die eigenen Anlagen nicht füllen könne, versuche man es mit «Ellbögeln», um sich gegen die Konkurrenten durchzusetzen. «Wir Hochstammproduzenten sind Obstbauern zweiter Klasse», stellt Beat Flubacher verärgert fest. Er hat aber auch Verständnis für junge Bauern, die nicht 15 Jahre warten können, bis ein Hochstammbaum Früchte trägt, wenn eine Anlage schon nach fünf Jahren den vollen Ertrag bringt.

Hansruedi Wirz, Obstbauer aus Reigoldswil und Vorstandsmitglied des Schweizer Obstverbandes, verteidigt die neue Abnahmegrösse. Es handle sich um ein Qualitätskriterium, das zusammen mit den Händlern festgelegt worden sei. Eine Anhebung sei notwendig gewesen, um das Klassierungssystem weiterhin etabliert zu halten. «Eine 21-Millimeter-Kirsche ist einfach eine sehr kleine Frucht», gibt Hansruedi Wirz zu bedenken.

Nischen als Chance

Die Alternative zur Anhebung auf 22 Millimeter wäre gewesen, Gefahr zu laufen, generell nichts mehr verkaufen zu können. «Das wäre noch schlimmer gewesen», betont Wirz. Durch die Massnahme falle zwar etwas heraus, aber dafür könne man die Qualität am Markt halten.
Vorerst stehen die Hochstammbäume beim Hof Halde noch. Einige können als Konservenkirschen verwertet werden, aber das ist nicht bei allen Sorten möglich.

Tafelkirschen, die nicht die benötigte Grösse erreichen, wandern «ins Fass», also in die Brennerei. Eine weitere Nische sind Dörrkirschen, entweder zum sofort essen oder als Zugabe im «Müesli». Beat Flubacher sieht hier eine Chance, denn die Kirsche sei vom Vitamin- und Mineralstoffgehalt her eine der gesündesten Früchte.

Elsbeth, seine Mutter, hilft beim Verlesen der Kirschen mit. Auch sie ist enttäuscht über die Vorschriften des Obstverbandes. Der Grossverteiler verkaufe das Pfund für 7.50 Franken, und der Produzent, der die ganze Arbeit habe, bekomme 3.80 Franken – fürs Kilo. Nicht nur das Verlesen sei aufwändig, sondern auch die Baumpflege vom Schneiden übers Äste einsammeln bis zum Spritzen, das wegen der Kirschessigfliege noch mehr Zeit in Anspruch nehme.

Elsbeth Flubacher ist überzeugt, dass die Konsumenten auch die kleineren Hochstammkirschen kaufen würden, wenn man sie im Laden speziell kennzeichnen würde, vielleicht mit einem Bild eines Hochstammbaumes nebendran. Der Direktverkauf «ab Hof» laufe jedenfalls gut. Auch Konservenkirschen zum Einmachen könnten auf dem Hof bezogen werden – zum tiefen Preis von vier Franken –, was besonders die älteren Leute schätzen würden.