Kürzlich hat Christoph Jenzer eine Einladung erhalten, die ihn zum Schmunzeln brachte. Er solle sich doch bitte am Montagabend, 19. September, nach Zürich begeben, ins «Kaufleuten», zwecks einer Preisverleihung. «Falls Sie mit dem öffentlichen Verkehr anreisen», schloss das Schreiben, «brauchen Sie für das Tragen des Pokals eventuell eine Hilfsperson.»

Jenzer wird den Pokal nicht alleine schleppen, wenn er am Montag mit dem Zug zurück nach Hause fährt. Frau und Kinder begleiten ihn, ebenso einige Mitarbeiter – darunter derjenige, dem Jenzer den Pokal zu verdanken hat: Beat Wüthrich, 26-jährig, Fleischfachmann-Lehrling im dritten Lehrjahr. Er war es, der seinen Chef als Lehrmeister des Jahres in der Kategorie Fleischfachmann nominiert hatte. Das war Anfang Jahr. Aus den mehreren Dutzend Kandidaten kam dann ein Trio in die Endauswahl, bei allen drei nahmen die Jurymitglieder einen Augenschein. Was sie in Arlesheim bei der Jenzer Fleisch und Feinkost AG antrafen, das schien ihnen zu gefallen. Jenzer ist einer von landesweit vier Lehrmeistern des Jahres, verliehen wird die Auszeichnung in vier Berufen.

«Der Preis ist mir eigentlich etwas peinlich», sagt der 49-jährige Metzgermeister. Nicht der Wettbewerb an sich, («eine prima Sache»), aber es sei doch so, dass sich alle zusammen den Titel gemeinsam erarbeitet hätten. «Sehen Sie, wir haben sieben Lehrlinge, und ich kann nicht alle betreuen. Im Alltag sind also alle 70 Angestellten Lehrmeister, alle geben ihr Wissen weiter, unterstützen sich gegenseitig. Ich vertrete das Geschäft, bin nur der Aussenminister.»

Wissen weitergeben – diesen Begriff erwähnt Jenzer immer wieder im Gespräch. Er sitzt in seiner Arbeitsnische, die im ersten Stock des Hauptgeschäfts in Arlesheim untergebracht ist, eine Etage über dem Laden, eine Etage unter Jenzers Wohnung. In seinem Büro, vermutet Jenzer, habe es wohl keinen Platz für den Pokal: «Ich weiss noch nicht, wo der hinkommt.»

Metzgereien hätten Zukunft, ist Jenzer überzeugt, aber es fehle der Nachwuchs, und das habe auch mit dem schlechten Image des Metzgerberufs zu tun. «Jede Woche geht in der Schweiz eine Metzgerei zu, doch das müsste nicht sein. Die Nachfrage ist da, die Konsumenten wollen Fleisch aus artgerechter Haltung – Fleisch, von dem sie wissen, woher es kommt.» Aber gerade Familienbetriebe fänden keine Nachfolger mehr, müssten deswegen dichtmachen.

Keiner macht mehr Meister

Die Jenzer AG hat sich als Ausbildungsbetrieb einen Namen gemacht, landesweit. Lehrling Beat Wüthrich etwa stammt aus dem bernischen Münchenbuchsee. Um die Lehre bei Jenzer absolvieren zu können, schlief er unter der Woche im Domdorf. Jenzer übernahm den Posten als Geschäftsführer 1999 von seinem Vater. Alleine seit damals haben 40 junge Menschen die Lehre als Fleischfachmann oder -frau abgeschlossen. Und: Kein anderer Betrieb in der Schweiz bilde mehr Meister aus.

Das Imageproblem haben auch andere festgestellt. Der Wettbewerb zum Lehrmeister des Jahres soll helfen, dieses zu beheben. Seit 2011 wird er durchgeführt. Dahinter stehen der Nahrungsmittelkonzern Bischofszell und die Branchenzeitschrift «Gastrojournal».

Klassisches Handwerk sei auch in der modernen Lebensmittelindustrie gefragt, heisst es in der Ausschreibung, ebenso «ausserordentlich gut ausgebildeter Nachwuchs». Der Lehrmeister des Jahres wird auch in den Kategorien Restaurationsfachmann, Bäcker-Konditor-Confiseur und Koch verliehen. Erfreulich für die Region: Die beste Lehrmeisterin 2016 im Bereich Restauration kommt aus Basel. Es ist Miriam de Melo vom Gasthof zum Sternen.

Fünfte Generation steht bereit

Um den eigenen Fortbestand muss man sich bei der Jenzer AG keine Sorgen machen. Christoph Jenzers Sohn absolviert ebenfalls eine Lehre als Fleischfachmann – im väterlichen Betrieb notabene. Die Chancen stehen also gut, dass das Geschäft den Sprung von der vierten zur fünften Generation meistern wird. Es wurde 1898 an der Ermitagestrasse 16 gegründet, wo sich bis heute das Hauptgeschäft befindet. Filialen betreibt das Unternehmen in Reinach und Muttenz, hinzu kommt ein Partnergeschäft in Riehen; einige Spezialitäten werden in der ganzen Schweiz verkauft.

Der Pokal ist nicht das Einzige, was Christoph Jenzer übermorgen überreicht wird: Der Preis ist mit 10 000 Franken dotiert. Auch das Preisgeld komme dem Personal zugute, verspricht der Patron. So gebe es ein grosses Fest. Und mit Lehrling Wüthrich, sagt Jenzer, wolle er speziell anstossen: Bei einem feinen Nachtessen, «natürlich mit einem guten Stück Fleisch».