Landratspräsidium

Hollinger fordert als oberste Baselbieterin mehr Savoir-vivre

Marianne Hollinger ist neue Präsidentin des Baselbieter Landrats. Das Kantonsparlament wählte die FDP-Landrätin aus Aesch zu seiner Präsidentin für das Amtsjahr 2013/2014. Neuer Regierungspräsident ist Bildungsdirektor Urs Wüthrich (SP).

Am liebsten hätte Marianne Hollinger alle dabei – Freund und Feind – wenn sie heute Abend in ihrem Wohnort Aesch auf ihr neues Amt anstösst. «Wir haben genug Platz, jeder ist eingeladen, für jeden gibt es was zu essen.»

Heute wählte sie der Baselbieter Landrat zur Präsidentin – das ist für eine Vizepräsidentin zwar nichts als Formsache. Dass Hollinger in besonderer Feierlaune ist, hat aber weniger mit der heutigen Wahl zur obersten Baselbieterin zu tun. Viel mehr hat sie nun endlich die Möglichkeit, die «schwierige Zeit» für immer vergessen zu machen. Denn bis heute bringen viele die letztjährige Schlammschlacht ums Gemeindepräsidium und leidige Dorfpossen wie den Heckenstreit mit der 59-Jährigen in Verbindung. Als Landratspräsidentin wird sie nicht Gefahr laufen, ähnlichen Angriffen wie auf ihr Amt als Gemeindepräsidentin ausgesetzt zu sein – sofern sie ihr Temperament im Griff hat.

Ihre Landratskollegen sehen in ihr eine unzweifelhaft kompetente Nachfolgerin Jürg Degens (SP), der sich im Verlauf seines Amtsjahrs Respekt verschaffte. «Wenn Marianne Hollinger die Ratsleitung auf gleich hohem Niveau weiterführt, bin ich zufrieden», sagt der Grünen-Landrat Jürg Wiedemann. Hollingers Herausforderung wird, ihre Zunge zu zügeln. «Sie hat einen schnippischeren Ton und ist sicher ein bisschen ungeduldiger als Jürg Degen», so Wiedemann. Und auch der FDP-Fraktionschef Rolf Richterich weiss um den Stilwechsel: «Marianne Hollinger ist extrovertierter und emotionaler als Degen.» Wiedemann mahnt die Aescherin, die er im Grunde als «sehr korrekt» einschätzt, zur Zurückhaltung. «In diesem Jahr muss sie aufpassen, dass sie sich politisch zurücknimmt.»

Kein Karriere-Sprungbrett

Hollinger selbst ist mit den neuen Spielregeln schon vertraut. «Nun kommt das Jahr der Neutralität und nicht der politischen Meinungsäusserung», sagte sie gestern im Treffen mit der bz. Bei politischen Fragen – etwa zur Kantonsfusion – wiegelt sie ab. «Ich finde, da gehört meine Meinung schon jetzt nicht mehr hin.»

Für Hollinger ist das Landratspräsidium zweifelsohne das Karrierehighlight. Seit 2006 politisiert die ausgebildete Kauffrau im Landrat, in Aesch steht sie schon in der dritten Amtsperiode an der Spitze des Gemeinderats. Das politische Interesse eignete sie sich bereits in der Kinderstube an. Hollingers Vater politisierte für die Freisinnigen, und sie selbst zweifelte nie daran, dass sie in die FDP gehört, wo sich die zweifache Mutter genauso zu Hause fühlt wie in ihrem Aesch. «Ich habe Vertrauen in die Selbstverantwortung und in den Markt.»

Freiburg als Gastkanton

Während Hollinger den Freisinnigen stets treu blieb, ging sie ihrer Gemeinde einmal kurz fremd, als sie zwei Jahre in Lausanne in einem Reisebüro arbeitete. Und weil man, «egal wo man auf der Welt hinreist, immer etwas mitnehmen kann», packte sie auch etwas aus der Welschschweiz in ihren Rucksack. «Die Romands beherrschen das Savoir-vivre besser als wir. Das fehlt nicht nur den Baselbietern, sondern allen Deutschschweizern.» Als höchste Baselbieterin will sie ihren Kanton an den Röstigraben zurückführen und Freiburg als Gastkanton besuchen.

Lockerheit will sich Marianne Hollinger auch im kommenden Jahr auf die Fahne schreiben. «Ich will versuchen, die Politik sympathisch zu machen. Das ist sie ja eigentlich – auch wenn man nicht immer einverstanden ist.» Dabei kommt ihr zugute, dass ihr kein Ehrgeiz im Weg steht. «Ich bin nur einmal Landratspräsidentin, habe keine Karriereambitionen und muss mich daher nicht profilieren.» Insofern ist vielleicht gut, dass Hollinger erst mit 59 Jahren zur obersten Baselbieterin gewählt wird. Vor zehn Jahren, räumt sie ein, hätte sie das Amt womöglich noch als Karriere-Sprungbrett gesehen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1