Polo Hofer

«Ich bin froh, dass ich nicht nur Musik gemacht habe»

Die Berner Rocklegende Polo Hofer möchte sich auch mit 70 den Genuss von Cannabis nicht verbieten lassen. Er glaubt, dass Gras zu einer Entschleunigung führt, die der heutigen Welt generell auch guttäte.

Die Berner Rocklegende Polo Hofer möchte sich auch mit 70 den Genuss von Cannabis nicht verbieten lassen. Er glaubt, dass Gras zu einer Entschleunigung führt, die der heutigen Welt generell auch guttäte.

Der Schweizer Mundartrocker Polo Hofer befindet sich mit seiner Band auf Abschiedstournee – müde fühlt er sich aber noch längst nicht. Kommendes Wochenende macht er Halt auf dem Gestadeckplatz: Das alljährliche Liestal Air steht an.

Herr Hofer, sind Sie traurig?

Polo Hofer: Nein, wieso sollte ich?

Sie befinden sich schliesslich auf Abschiedstournee.

Das hat rein gar nichts mit Traurigkeit zutun. Das ganze Jahr läuft ja schon meine Abschiedstournee und wenn die vorbei ist, dann mache ich was anderes.

Seit den 1970er Jahren stehen Sie auf den Bühnen in der Schweiz. Welche Bühne ist Ihre liebste?

(überlegt) Hm, es gibt natürlich schon speziell gute Clubs. Keine Frage. Das sind Clubs bei denen die Atmosphäre und die Technik stimmen. Da wären zum Beispiel die Mühle Hunziken oder der Stadtkeller in Luzern, das sind auch Orte, zu denen wir, die Band und ich, immer wieder hingehen und spielen. Einen besonderen Bezug haben.

«Alperose» wurde 2006 vom Schweizer Fernsehpublikum zum grössten Schweizer Hit aller Zeiten gewählt. Was bedeutet dieser Song für Sie? Können Sie ihn selber überhaupt noch hören?

Diesen Song habe ich jetzt bestimmt schon tausendmal gesungen oder noch mehr. Und das Beste: Er ist mir noch immer nicht verleidet, überhaupt nicht!

Das Thema Heimat zieht sich wie ein roter Faden durch Ihre Texte. Insbesondere das Hin- und hergerissen sein zwischen Fernweh und Heimweh. Woher kommt das?

Ja, also ganz so stimmt das jetzt nicht wie Sie sagen. Meine Texte sind nicht so stark heimatbezogen wie etwa Plüsch mit ‹Ich ha Heimweh nach de Bärge, nachem Schoggi». Das stimmt also so nicht. Ich habe keine spezifischen Heimatlieder. Aber natürlich ist Fern- und Heimweh immer wieder ein Thema von uns Bernern, das kann man wohl als Eskapismus bezeichnen.

Dieses Wochenende spielen Sie am Liestal Air. Ein paar Worte zu Basel?

In Liestal war ich natürlich schon mehrmals oder überhaupt in Baselland. Und ja, zu Basel. Mit Basel hatte ich in letzter Zeit nie viel zu tun. Früher in den 80er-Jahren war das noch anders, damals als es noch das Atlantis gegeben hat. Da war ich oft, sehr oft, in Basel.

Ist das Publikum mit Ihnen gealtert?

Also es ist natürlich schon so, dass ich die Lieder für viele in meinem Alter gemacht habe. Die sind mit mir gealtert. Aber es gibt in jedem Konzert auch immer wieder Leute, die das erste Mal auf einem Polo-Konzert waren. Das ist gut. Es freut mich auch, dass die ganze Tournee ausverkauft ist.

Sie waren vor allem auf den Bühnen in der Schweiz unterwegs. Nun gegen das Ende Ihrer Karriere hin, finden Sie es schade, dass Sie nie auf den grossen Bühnen dieser Welt unterwegs waren?

Nein überhaupt nicht und das geht ja auch gar nicht mit Mundart. Man muss sehen, welche Schweizer oder gar Europäische Band hat es je in den englischsprachigen Markt geschafft? Praktisch keine. Die Bands haben einfach keine Chance und das nicht allein wegen der Sprache. Es gibt hunderte von Schweizer Bands, die englisch singen, doch sie greifen einfach nicht. Aber wie immer: Ausnahmen bestätigen die Regeln, wie Gotthard. Aber eigentlich muss man Muttersprache Englisch haben, sonst läuft das nicht.

Sie sind ein 68er. Eine Generation, die viele Ideale hatte. Heute sucht man so eine wegweisende Generation vergebens. Woran liegts?

Das stimmt, die heutige Generation ist anders. Wir waren die Kinder der Kriegsgeneration, wir waren Nachkriegskinder. Wir haben Strukturen, die unsere Eltern in den 50er-Jahren initiierten, abgelehnt. Die ganze Hippie-Welle hat dann völlig neue Philosophien und Ansichten hervorgebracht und neben all dem gehöre ich zu der Generation, die den Computer entwickelt hat – nicht zuletzt unter Einfluss von LSD. Damals änderte sich auch die ganze Einstellung zur Gesellschaft radikal. Die heutige Jugend aber ist die Generation der Technik und des Internets. Ich dagegen bin ein Neandertaler.

Legendär wurden Sie auch als Verfechter des Cannabiskonsums. Nervt es Sie, auf die Rolle des «Kiffers der Nation» reduziert zu werden?

Ich finde das überhaupt keine Reduktion, das ist witzig. Ich bin nach wie vor der gleichen Meinung, dass Cannabis legalisiert werden sollte. Und das sieht man ja auch der heutigen Jugend an: Es wird eher mehr gekifft als früher. Die bürgerliche Denkweise meint vielleicht, dass Cannabis zu weniger Leistung führt, aber das ist doch überhaupt nicht so. Ja, Gras führt vielleicht zu einer Entschleunigung, die täte der Gesellschaft aber gut.

Also kiffen Sie auch weiterhin?

Ja, natürlich. Ich werde mir diesen Genuss nicht verbieten lassen.

Wollten Sie je ein Vorbild sein? Ich kann mich erinnern, dass ich Ihre Songtexte in der Schule analysierte.

(lacht) Das ist gut. Es gibt sogar akademische Arbeiten über meine Texte. Doch das alles kann man nicht planen. Ich hätte es auch nie erwartet. Nie! Es ist jedoch ein Zeichen, dass ein paar von meinen Liedern volkstümlich geworden sind.

In jungen Jahren forderten Sie einen Stimmrechtsentzug für über 70-Jährige. Jetzt sind Sie 70, gingen Sie stimmen?

Ja, aber das ist abhängig von der Sachlage. Wenn es Dinge gibt, die mich betreffen, gehe ich abstimmen. Ich möchte dazu noch sagen: Ich forderte damals im gleichen Atemzug, dass über 75-jährige nicht mehr Autofahren dürfen. Das sage ich noch heute.

Gibt etwas in Ihrer Karriere, dass Sie im Nachhinein anders gemacht hätten?

Nein eigentlich nicht, ich vertraute immer meinem Bauchgefühl. Das eine hat immer das andere ergeben. Und ich bin froh, dass ich nicht nur Musik gemacht habe. Ich malte, zeichnete und schrieb für Zeitungen. Veröffentlichte Gedichtbände und spielte in drei Spielfilmen eine Hauptrolle. Meine Karriere war sehr abwechslungsreich und darüber war ich froh. Es war ein abenteuerliches Leben –bis heute. Freiheit und Unabhängigkeit war für mich immer enorm wichtig, das ich machen kann, was ich möchte. Ich musste so nie Angst haben, ich werde arbeitslos. Denn ich war mein eigener Arbeitgeber und -nehmer.

Also hatten Sie nie das Gefühl etwas ändern zu müssen.

Nein überhaupt nicht. Es ist so: Meine Bemühungen gesund zu leben, bringen mich noch um. Ich habe nicht das Gefühl, in meinem Leben etwas ändern zu müssen. Ich habe meine Dosis im Griff.

Was machen Sie in der Zukunft?

Ich habe zahlreiche Anfragen, langweilig wird mir nicht. Ich werde Bilderausstellungen, Gastauftritte haben und auch das Fernsehen steht bei mir vor der Türe. Ich werde nicht von der Bildoberfläche verschwinden, es ist auch nächstes Jahr noch möglich, dass Leute mich auf der Bühne sehen. Aber allgemein ist es schwierig mit so Prognosen, insbesondere wenn es die Zukunft betrifft. In fünf Jahren werde ich dann aber wohl wirklich vom Markt sein.

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