Bevor wir losfahren, will uns Anton Lauber die Aussicht zeigen. Er schreitet im Halbdunkel die Strasse hoch, bis sie in einen Feldweg übergeht. Hier, am höchsten Punkt des Hügels, endet die Schweiz und mit ihr Strassenbeleuchtung. Der Blick schweift hinüber ins Elsass, zum Euro-Airport. Neben dem taghell erleuchteten Empfangsgebäude funkeln am Horizont auch der Messe- und der Roche-Turm im Lichterteppich.

«Wir wohnen direkt unter der Flugschneise des Flughafens», sagt Lauber und zeigt auf die Hauptpiste. «Ab sechs Uhr starten die ersten Flieger. Aber daran habe ich mich gewöhnt. Ich habe einen guten Schlaf.»

Kein Regisseur hätte Lauber besser in Szene setzen können. Der Subtext, die Botschaft zwischen den Zeilen: der Regierungsrat und sein Dorf, in dem er aufgewachsen ist, wo man ihn als «Toni» kennt. Der Regierungsrat mit Weitblick. Aber auch: Der Regierungsrat, der weiss, wie es ist, unter einer Flugschneise zu wohnen.

Mit Bienenfleiss von Amt zu Amt

Gestellt ist die Szene nicht. Der 57-Jährige wohnt mit seiner Frau tatsächlich nur dreissig Meter von der Grenze zu Frankreich entfernt, am Judengässli, am nördlichsten Rand von Allschwil, der Gemeinde, in der er 1992 seine politische Karriere begann. Als Einwohnerrat zunächst, dann der Seitenwechsel in den Gemeinderat samt Präsidium.

2013 schaffte Lauber die Ersatzwahl in den Regierungsrat für den verstorbenen Parteikollegen Peter Zwick. An den Gesamterneuerungswahlen zwei Jahre später gelang dem Amtsjüngsten die Wiederwahl glänzend. Er erzielte das beste Resultat, mit Abstand.

In der Politik hat es für Lauber bisher nur eine Richtung gegeben: bergauf. Nicht mit grossen Sprüngen, eher behäbig, unauffällig, von einem Amt zum nächsten, mit Bienenfleiss, einem Organisationsgeschick und einem breiten Lächeln, das auch dann nicht stockt, wenn er rote Zahlen präsentiert. Muss sich der promovierte Jurist und Rechtsanwalt gar nicht mehr gross anstrengen für seine Wiederwahl?

Schlingerkurs der Partei

Mittlerweile hat Lauber am Steuer seines Volvos Platz genommen. Es ist kurz nach sieben Uhr («Fahre normalerweise früher los»), der C70 durchquert den Allschwiler Ortskern, am Seitenfenster huschen die Sundgauer Riegelhäuser vorbei. «Ich bin zum Arbeiten im Regierungsrat», sagt Lauber. «Ich gehe davon aus, dass die Wählerschaft das erkannt hat. Aber man soll eine Wiederwahl nie auf die leichte Schulter nehmen. Das wäre nicht gut.»

Nicht ganz einfach ist das Verhältnis von Laubers Partei zu den anderen Bürgerlichen. Die Baselbieter CVP schlingert seit Jahren zwischen Rechts und Mitte. Man könnte schimpfen: Die Partei weiss selber nicht, wer sie sein will. Eine konservativ-bürgerliche Kraft? Oder eine Mittepartei mit sozialer und grüner Ader? Bei Parteipräsidentin Brigitte Müller-Kaderli ist eines klar: Mit der SVP hat sie es nicht so. Auch nicht mit Thomas de Courten, dem neu antretenden Kandidaten der Partei.

Das hat Folgen für Lauber. Die CVP hat beim Regierungswahlkampf die Büza, die Bürgerliche Zusammenarbeit, ausgesetzt. Am Parteitag stimmte die Basis gegen ein Vierer-Ticket mit FDP und SVP. Das heisst: Für die Wahlen am 31. März 2019 werden neben Lauber lediglich Monica Gschwind (FDP) und Thomas Weber (SVP) portiert – nicht jedoch de Courten.

Lauber politisiert in der CVP am rechten Rand. Der Allschwiler hat einen Ausweg gefunden, im Komitee der Bürgerlichen unterzukommen. Er und die CVP behalfen sich mit einem Bubentrickli. Die Kampagne des «Bürgerlichen Teams» (Motto: «Baselbiet gestalten») erhält von den Parteien pro Kandidierenden je 40'000 Franken. Bei Lauber stammte das Geld nicht direkt von der CVP, sondern aus seiner eigenen Kasse. Genauer gesagt: von seinen Mandatsabgaben an die Partei. So können beide das Gesicht wahren, die Parteileitung und ihr Regierungsrat.

Kein Freund des Kalauers

Der Volvo fährt die Baslerstrasse entlang. Im Hintergrund das Bachgraben-Gebiet mit dem Actelion-Hauptsitz. Allschwil prosperiert, 2013 knackte die Gemeinde die 20'000-Einwohner-Marke. Der Aufstieg von Actelion fiel ebenfalls in die Ära, in der Lauber Allschwils Geschicke leitete. Neun Jahre amtete er als Gemeindepräsident, von 2004 bis 2013, galt als «König von Allschwil». Wohl nicht zuletzt, weil der Jurist, der es in der Armee bis zum Oberst gebracht hat, zum Dozieren neigt.

Ein Facebook-Post aus der Hängematte, mit Smileys, wie bei seinem Grünen Regierungskollegen Isaac Reber? Kaum denkbar beim stets seriös auftretenden Lauber. Obwohl – Humor beweist er im direkten Umgang sehr wohl.

Morgartenring, wir fahren in den Stadtkanton. Der sticht seit einem Jahrzehnt Baselland finanziell aus. Noch in den 1990er-Jahren war es umgekehrt: Damals musste die Stadt an allen Ecken und Enden sparen. Seit 2005 jedoch präsentiert Basel-Stadt nur noch positive Abschlüsse. Kurz darauf rutschte dafür Baselland in die roten Zahlen. Seit 2009 plagten den Landkanton Verluste. Bei seinem Amtsantritt 2013 übernahm Toni Lauber die Finanzdirektion.

Für ihn war also gleich als erstes angesagt, was bei den Wählerinnen und Wählern nicht gut ankommt: Sparen. Umso erstaunlicher ist die Popularität des eisernen Schatzkanzlers aus Allschwil. Er geniesst Respekt und Unterstützung bis weit in linke Kreise.

Endlich schwarze Zahlen

Laubers Sparmassnahmen – oder «Strategiemassnahmen», wie er sie nennt – tragen Früchte. 2017 erzielte Baselland wieder einen positiven Abschluss, 64 Millionen Franken Überschuss. Für 2018 sind immerhin knapp acht Millionen Plus budgetiert. «Ja, man kann sagen: Wir sind gut unterwegs!» Mehr lässt sich Lauber nicht entlocken.

Missionsstrasse, Spalentor, Bahnhof SBB, Nauenstrasse, A 2. Der Verkehr ist dicht, aber er fliesst. Beim Schänzli bleiben die befürchteten Staus aus. Lauber nimmt die Abzweigung auf die A 22. Nur noch wenige Minuten bis Liestal.

7.46 Uhr. Finanz- und Kirchendirektion Baselland, Rheinstrasse 33b. Laubers Volvo verschwindet in der Tiefgarage. Vor dem Gebäude ein letztes Foto. Mit einer grandiosen Aussicht punkten kann Lauber hier nicht. Es zieht ihn ins Büro. «Um neun ist die erste Sitzung», sagt er.

Ein Händedruck, ein letztes Lächeln – schon ist Lauber verschwunden. Er ist schliesslich zum Arbeiten in Liestal.