Portrait

«Ich vergolde nichts»: Besuch bei Landmaschinen-Sammler Georg Jäggin in Hölstein

Georg Jäggin erklomm den Gotthardpass auf dem Rücken eines bebenden Traktors. Seine Sammlung alter Landmaschinen – und vor allem der legendären Grunder-Maschinen aus Binningen – in Hölstein ist einzigartig. Ein Besuch.

Eigentlich war er Gärtner. Kein «Landschäftler» und kein «Bäumeler», wie Georg Jäggin sagt, sondern ein «Häfeler»: Der Hölsteiner hat Topfpflanzen gezüchtet, Kakteen, Tomaten, Zierblumen. Doch nach und nach wichen die Pflanzen aus Jäggins Gewächshäusern. «Nun ist alles weg!», sagt seine Frau und schiebt lachend hinterher, dass er ja recht habe – mit seinen 86 Jahren.

Die Gärtnerei hat sich Jäggin nicht ausgesucht; er übernahm sie vom Vater, das sei halt damals so gewesen. Ebenso wenig hat er sich seine Leidenschaft für alte Landmaschinen ausgesucht; sie hat ihn einfach übermannt. Sie begann spätestens mit seinem Vater, der die erste Mähmaschine Hölsteins betrieb. Später, während seiner Lehre «um 1950 herum», pendelte er nach Langenthal. Während Wochen beobachtete er auf seinem Arbeitsweg, wie der Caterpillar-Trax einer Gärtnerei Schraube für Schraube zusammengebaut wurde. Um Georg Jäggin war es geschehen.

«Ich fuhr alles, was fahrbar ist»

Die Armee, in der er «Motorwägeler» war, schliff seine Leidenschaft weiter zurecht. Er fuhr die zurückgelassenen Jeeps der US Army, die die Schweizer Armee nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankreich aufkaufte. Er sagt lakonisch: «Ich fuhr alles, was fahrbar ist.» So wurde aus dem Motorbegeisterten ein Sammler – und aus Georg Jäggin «Grunder Schorsch». So lautet sein Spitzname, unter dem er mittlerweile bekannter ist als unter seinem Zivilnamen. Wollen auch wir ihn so nennen.

Die Einzelstücke lagert er im Gewächshaus

Zwar sammelt Schorsch auch Landmaschinen der Marken Bungartz, Simar oder Hummel. Doch seine wahre Passion gilt Grunder. 1917 gegründet, stellte die Firma in Binningen bis 1950 Traktoren, Motormäher, Bodenfräsen und etwa Kartoffelschleudergraber her.

Jäggin hat über 20 dieser Maschinen. Heute sind sie es, die seine Gewächshäuser bevölkern. Von einem Museum spricht er aber nicht, auch wenn er durchaus Wert darauf legt, Raritäten zu haben, Einzelstücke, die es sonst kaum irgendwo zu bestaunen gibt. Gleichwohl wolle er sich seinen Maschinen widmen, nicht Gästetoiletten und Kassenhäuschen.

Gebrauchs-, keine Ausstellmodelle

«All die Auflagen», verwirft er die Hände: «Ich vergolde nichts!» Was er damit meint: Seine Maschinen sind Gebrauchsgegenstände, keine Vitrinenmodelle. Besucher empfängt er trotzdem in seinen heiligen Hallen. Wer Interesse hat – und das Glück, dass der Schorsch gerade zugegen ist –, den führt er gerne herum, zeigt eine seltene Mähmaschine namens «Bure-König», einen raren Einradmäher oder den Hummel DT 54 von 1955 mit seinen zehn Pferdestärken, den sein Vater damals orderte, ausgeliefert mit der Waldenburgerbahn. Schorsch erinnert sich, wie der Anruf vom Bahnhof in Hölstein kam, man habe hier einen Traktor zur Abholung bereit.

Grunder Schorsch kümmert sich gut um seine Fahrzeuge, er schmiert und bürstet, schraubt, ölt und pflegt. Gerade restauriert er eine handbetriebene Feuerwehr-Löschpumpe von 1830, die er vor der Zerstörung bewahrte. Jedes Stück in seiner Sammlung ist mit dem Datum des letzten Einsatzes versehen.

Beim ersten Versuch knattert der Motor

Nur der Holder A20, ein knickgelenkter Rebentraktor von 1963, nicht. Das ist Schorschs Fahrzeug für den täglichen Gebrauch. Auf seinem bebenden Rücken erklomm er 1999 erstmals den Gotthardpass, darauf ist er dann schon ein bisschen stolz.

Ansonsten spricht Grunder Schorsch viel lieber über seine Sammlung als über sich. Wer etwas wissen wolle, solle seine Homepage besuchen, dort stünde alles Relevante. Dann dreht er die Kurbel jenes Traktors, den er vor 65 Jahren am Bahnhof in Hölstein abgeholt hat, und startet den Motor. Der springt beim ersten Versuch an und knattert rhythmisch los, arbeitsam wie am ersten Tag. Grunder Schorsch strahlt.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1