Regierungratswahlen

«Ich werde mich nicht verbiegen» – auf dem Weg nach Liestal mit Kathrin Schweizer

Kathrin Schweizer will in den Baselbieter Regierungsrat. Kurz vor der heissen Phase des Wahlkampfs haben wir die SP-Regierungskandidatin getroffen. Auf dem Weg nach Liestal erzählt sie übers Velofahren, das Rampenlicht und die Stärke der Agglo.

Kathrin Schweizer ist in einer ruhigen Ecke von Muttenz zu Hause. Aus den Reiheneinfamilienhäusern aus der Mitte des 20. Jahrhunderts dringt – es ist 6.40 Uhr – nur wenig Licht auf die Strasse. Im verkehrsberuhigten Quartier unweit der Genossenschafts-Mustersiedlung Freidorf sind kaum Autos unterwegs.

Das Wohnumfeld der SP-Regierungskandidatin versprüht weder urbane Vitalität noch ländliches Kirschbaum-Idyll, sondern ist Agglo im besten Sinne. Das Joggeli ist nur einen Fünfminuten-Marsch entfernt, ebenso Schulen, Einkaufsmöglichkeiten und der Hardwald, das nächstgelegene Naherholungsgebiet.

Schweizer hat nie woanders gelebt als in Muttenz. Auch, als sie vor Jahren an der Uni Basel – «in der Fremde», wie sie ironisch anfügt – Biologie studierte, wechselte sie den Wohnort nicht. «Hier fühle ich mich zu Hause», sagt sie, will das aber nicht an Gemeinde- oder Kantonsgrenzen festmachen. Letztlich sei die Region Basel ihre Heimat. «Abgrenzungsdiskussionen finde ich anstrengend.» Leider würden die politischen Diskussionen in der Stadt und auf dem Land oft von denen geprägt, die genau das tun: sich abgrenzen.

Schweizer sagt Ja zum Rheintunnel

Auf der Strasse liegt ein Schaum Schnee, das Thermometer zeigt Minus-Grade an. Trotzdem ist Schweizer an diesem Morgen mit dem Velo unterwegs – ihre frühere Tätigkeit als Geschäftsführerin von Pro Velo verpflichtet. «Kälte macht mir nichts aus. Ich steige auch bei minus zehn Grad aufs Rad», sagt Schweizer. Fällt der Regen aber horizontal, so nimmt sie den Bus.

Eine Hardcore-Velofahrerin will sie nicht sein. «Für mich ist das Velo ein Verkehrsmittel, um von A nach B zu gelangen.» Für grössere Distanzen nutzt sie die Bahn – so auch, um nach Liestal an die Landratssitzung zu fahren. Seit 2007 politisiert die 49-Jährige im Baselbieter Parlament, von 2011 bis 2015 amtete sie zudem als Fraktionschefin der SP. Nun will Schweizer in die Regierung – sie wäre die erste linke Frau in diesem Amt.

Auf ihrem Weg zum Muttenzer Bahnhof fährt Schweizer durch die dicht befahrene Hofackerstrasse, vorbei an Industriebauten und an den Schulen, die dieses Gebiet immer stärker prägen. Obwohl Schweizer selber kaum mit dem Auto unterwegs ist, ist sie nicht partout gegen neue Strassen: «Ich begrüsse den Rheintunnel als Entlastung des Hochleistungsstrassennetzes um Basel. Auch soll der Kanton den Zubringer ins Bachgraben-Gebiet vorantreiben.»

Doch wehrt sich Schweizer gegen die Autoverbände und bürgerlichen Politiker, die mit Panikmache den Bau neuer, überteuerter Strassen fordern. «Nehmen wir die Sanierung des Schänzlitunnels: Da taten einige im Vorfeld so, als würde der Verkehr auf der A18 zusammenbrechen.» Nun zeige sich: Die vom Bundesamt für Strassen initiierte Verkehrsführung funktioniere bestens, es komme kaum zu mehr Staus als während des ordentlichen Betriebs.

Am Bahnhof herrscht wuselige Betriebsamkeit. Nun wird die Diskussion so richtig politisch: Sie könne nicht verstehen, weshalb der Muttenzer Bahnhof nicht parallel zum Neubau der Fachhochschule ausgebaut worden sei. «Es ist alles zu klein: Die Unterführungen zu den Geleisen sind zu schmal, zudem wäre hier ein Bushof nötig.» In solchen Fragen kann Schweizer aus dem Vollen schöpfen: Seit 2010 ist sie im Basler Bau- und Verkehrsdepartement als Verkehrsplanerin tätig.

Dass der Billett-Schalter abgeschafft werden soll und Muttenz zum Provinz-Bahnhof degradiert würde, stösst bei ihr auf Unverständnis. Es gehe um weit mehr als um den Billett-Verkauf, nämlich darum, dass die SBB als Dienstleister vor Ort seien. «Viele meiner Bekannten gehen mit dem öV in die Skiferien. Das geht aber nur, wenn sie nahe an ihrem Wohnort Gepäck und Skis aufgeben können.» Sie fordert, dass der Bund den SBB Vorgaben zum Service an den Bahnhöfen macht.

«Das Wichtigste ist, authentisch zu bleiben»

Wir besteigen die S-Bahn Richtung Liestal – das Foto-Shooting beim Einsteigen hat neugierige Blicke der Pendler auf Schweizer gezogen. Im Gegensatz zu den bisherigen Magistraten ist sie es sich noch nicht gewohnt, täglich im Rampenlicht zu stehen. Schweizer ist seit 2015 Muttenzer Gemeinderätin und wird im Dorf von einigen erkannt. Vor den Nationalratswahlen 2015, zu denen sie auf der Siebnerliste der SP antrat, war ihr Konterfei auf Plakaten zu sehen.

Regierungswahlen seien dann schon eine andere Schuhnummer, räumt sie ein. Bald gehts im Baselbiet mit dem Wahlkampf richtig los: In zehn Tagen werden an Plätzen, Bahnhöfen und Kantonsstrassen Hunderte Schweizer-Plakate hängen.

Wie geht die SP-Kandidatin mit dem Prominenten-Status um? «Das Wichtigste ist, authentisch zu bleiben.» Natürlich überlege sie sich mit ihrem Team, wie sie im Wahlkampf auftreten wolle. «Wir haben das aber bewusst nicht zur Perfektion getrieben. Ich möchte und werde mich nicht verbiegen.»

Wäre Kathrin Schweizer als Regierungsrätin noch dieselbe wie heute? Sie hält inne, überlegt. Sie verfüge über einen festen Werte-Kompass. «Aber klar, das Amt würde mich verändern.»

Als Regierungsrätin könne sie das Amt beeinflussen, umgekehrt würde dieses auch sie prägen. Dennoch will sie nach der allfälligen Wahl nah bei den Leuten bleiben. «Die Gefahr ist da, vor lauter Sitzungen und wichtigen Dossiers den Draht zur Bevölkerung zu verlieren.» Sie habe ein paar gute Freundinnen und Freunde, die ihr zur Seite stehen.

Nicht mehr «nur» Basler Vororte

Wir kommen in Liestal an. Baustellen prägen das Erscheinungsbild des Kantonshauptorts. Schweizer schlägt eine Brücke zu ihrem Wohnort Muttenz, wo sich derzeit ebenfalls viele Zeichen des Aufbruchs finden. Nicht weit weg von ihrem Haus entstehen in der Hagnau sechs Wohnhochhäuser für bis zu 1000 neuen Einwohnern, samt Quartierladen, Bowling-Center und Sportbar. «Auch ein Kino ist dort geplant, künftig werde ich mit meinem Partner zu Fuss einen Film anschauen können.»

Die aktuelle Entwicklung in Muttenz begrüsst Schweizer. Wesentliche Impulse würden heute nicht vom Kanton, sondern von den Gemeinden ausgehen. Zum Schluss sagt sie: «Die grossen Agglo-Gemeinden sind nicht mehr einfach Vororte Basels, sondern verfolgen eine eigene Entwicklung.»

Schweizer verweist nur zu gerne auf die neue Stärke der Agglo. Diese könnte dazu beitragen, die Muttenzer Gemeinderätin am 31. März ins Regierungsgebäude nach Liestal zu tragen.

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