Erinnerungen

«Ich wollte zeigen, was eine Diktatur in der Seele eines Kindes anrichten kann»

Der Vater kam ins KZ, die zwei Söhne und ihre Mutter waren auf sich alleine gestellt. In «Lieber Vati! Wie ist das Wetter bei Dir?» arbeitet Michael Kogon die Kriegsjahre auf. Nicole Nars-Zimmer

Der Vater kam ins KZ, die zwei Söhne und ihre Mutter waren auf sich alleine gestellt. In «Lieber Vati! Wie ist das Wetter bei Dir?» arbeitet Michael Kogon die Kriegsjahre auf. Nicole Nars-Zimmer

Wie ist es, wenn der Vater im KZ sitzt? Michael Kogon, der ältere Sohn des Publizisten Eugen Kogon, hat die Geschichte seiner Familie niedergeschrieben. Heute sei Gleichgültigkeit eine Gefahr, sagt er im Interview.

Herr Kogon, Sie haben ein über 500 Seiten starkes Buch über Ihren Vater und Ihre Jugendzeit geschrieben. Warum haben Sie diese Arbeit im fortgeschrittenen Alter auf sich genommen?

Michael Kogon: Ich wollte meinen Vater in die Gegenwart holen, meiner Mutter ein Denkmal setzen, über den Alltag einer verfolgten Familie in der Diktatur berichten und zeigen, was eine Diktatur in der Seele eines Kindes anrichten kann.

Sie haben die Ambivalenz der Gefühle in einer Diktatur am eigenen Leib erlebt. Was würden Sie den Bürgern raten, damit Empörung und Besonnenheit sich die Waage halten?

Als sechzehnjähriger Flak-Helfer schoss ich mit meiner Kanone an den alliierten Bombern vorbei – aber nur knapp, um nicht entdeckt zu werden. Empörung muss zielgerichtet sein. Aber das Ziel erreicht man am besten mit besonnenem Handeln.

Was hat die Diktatur in Ihrer Seele angerichtet?

Sie hat mich existenziell verängstigt und meine Fähigkeit zur Empathie beeinträchtigt. Nach der Verhaftung meines Vaters wurde ich in ein Kloster gesteckt. Dort verlor ich meinen anerzogenen katholischen Glauben. Mein Vater wiederum hat die Gefangenschaft nur dank seinem Glauben einigermassen heil überstanden.

Sie teilten den kirchlichen Glauben Ihres Vaters nicht mehr. Zu welchen Werten von Eugen Kogon würden Sie sich dennoch rückhaltlos bekennen?

Mein Vater war ein Stil-Purist. Seine Stilkunst, wie er sie in seiner Zeitschrift Frankfurter Hefte pflegte, war das erste, was ich übernahm – das Unwichtigste. Sodann, als unerreichtes Vorbild, Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen, Eloquenz, Mut – mehr Charaktereigenschaften als Werte. Mein Vater hat im KZ den französischen Widerstandskämpfer, Diplomaten und Essayisten Stéphane Hessel unter Lebensgefahr vor der Hinrichtung bewahrt, obwohl er ihn gar nicht kannte. An eigentlichen Werten übernahm ich als wichtigste: Familie und Demokratie. Alle Menschen, so die Vision meines Vaters, sollten in Frieden, Freiheit, Sicherheit, Würde und ohne materielle Not leben können: eine Art Menschheitsfamilie. Bei mir blieb es die Familie im Kleinen. Dann die Demokratie; als einer ihrer Wesensbestandteile die Fähigkeit, dem politischen Gegner zuzuhören. Nur so kann Demokratie und überhaupt das Zusammenleben von Menschen gelingen. Als Allerwichtigstes dann aber die Würde des Menschen. Diesen Wert lebte vor allem Stéphane Hessel mir vor. Jeder Mensch fühlte sich in seiner Gegenwart wertvoll.

Sie haben von Hessel unter anderem den bekannten Essay «Indignez vous!» («Empört euch!») übersetzt. Waren Sie beim Übersetzen mit dem Inhalt stets einverstanden – oder regte sich manchmal auch Widerspruch?

Die eigene Gleichgültigkeit überwinden, sich gegen Ungerechtigkeit erheben, aber gewaltlos: das unterstreiche ich. Die Kritik am Finanzkapitalismus und an Israels Palästina-Politik erschien mir etwas einseitig. Froh war ich, dass Hessel in seiner nächsten Schrift «Engagez vous!» («Engagiert euch!») nach der Empörung das Engagement forderte.

Derzeit wird Empörung überall bewirtschaftet. Gerade die Bluttat von Paris führt zu Empörung – sowohl bei Islamfeinden wie auch bei fundamentalistischen Muslimen, die sich durch die Karikaturen von Charlie Hebdo beleidigt fühlen. Ist Empörung ein guter Ratgeber, oder braucht es andere Reaktionen?

Empörung ist, wie alle Gefühle, unbeeinflussbar. Entscheidend ist, was sie auslöst: positives Engagement oder Vernichtungswillen. Gefühle, auch Verletztsein, verdienen Respekt. Respekt ist ein sehr wichtiger Wert; den habe ich vorhin zu erwähnen vergessen. Aber Freiheit ist ebenfalls ein wichtiger Wert. Den habe ich von meiner Mutter übernommen. Wenn jemand sich die Freiheit nimmt, die Gefühle anderer zu verletzen, ist das bedauerlich, aber hinzunehmen.

Wie würden Sie das Böse definieren?

Als Verstoss gegen allgemein gültige Gebote der Sittlichkeit. Die aber lassen sich schwer definieren. Ein Anhaltspunkt könnten die Kriterien Freiheit, Frieden, Sicherheit, Würde und Freisein von Not sein.

Magda Hollander-Lafon, eine Überlebende von Auschwitz, deren Buch «Vier Stückchen Brot» Sie übersetzt haben, meint, man müsse das Böse einfach mit Verachtung strafen. Ist das nicht etwas naiv und gefährlich? In Syrien und im Irak würde das beim Kampf gegen den IS nichts nützen.

Für Magda Hollander-Lafon war das Böse die hässliche Rückseite des Guten. Man kann nicht beides zugleich ansehen. Sie wandte sich vom Bösen ab, um den Blick für das Gute frei zu haben. Dabei erkannte sie die Erbärmlichkeit des Bösen. Aber sie hat es stets bekämpft: als Zeitzeugin, «damit es nie wieder geschieht».

Bei Ihrer ersten Lesung in der Schweiz haben Sie gesagt, dass die heutige Gesellschaft träge und bequem geworden sei und nicht mehr adäquat auf Ungerechtigkeiten reagiere. Was müsste sich konkret ändern?

KZ-Gefangene brachten unglaubliche Energie fürs Überleben auf. Meine Frage war: Wie sähe die Welt heute aus, brächten alle Menschen solche Energie auf? Die Aufgaben sind zahllos: Konflikte gewaltfrei lösen, dazu beitragen, dass alle Menschen glücklich in ihrer Heimat leben können, Betrug, Missbrauch, Ausbeutung, Verfolgung, Vertreibung, Unterdrückung, Entwürdigung, Folter, Lüge, Korruption bekämpfen.

Zuletzt eine persönliche Frage: Im Juli 1939 schrieb Ihr Vater an seine Frau über Sie und Ihren Bruder Alex: «Die Frauen sollen sie ehren und das Geld verachten.» Haben Sie sich diese Ratschläge zu Herzen genommen?

Mein Vater fürchtete, die Gefangenschaft nicht zu überleben. So schickte er meiner Mutter in einem Kassiber sein Erziehungsvermächtnis. Die Frauen und das Geld waren darin nur zwei Punkte unter vielen. «Das Geld verachten?» Ich war kein «Banker». Ich war Medienbeauftragter einer internationalen Institution, die nur aus historischen Gründen «Bank» heisst. Geld kann man sehr wirkungsvoll einsetzen, ohne es zu vergöttern. Es zu verachten, ist leicht, wenn man viel davon hat. Als Elfjähriger war ich stolz, wenn ich von einer ersparten Mark eine Dose Kondensmilch kaufen und meiner verarmten Mutter ins ferne Wien schicken konnte.

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