Wer auf der Autobahn von Berlin Richtung Dresden fährt, der kommt aus dem Zählen nicht mehr heraus: In dieser weiten, flachen Ebene im Bundesland Brandenburg reiht sich ein Windrad ans nächste. Stromproduktion aus der Kraft des Windes ist hier im Gegensatz zur Schweiz weder ein Nischen-Phänomen noch ein Experimentierfeld für umweltbewusste Energieversorger. Sondern schlicht ein grosses Geschäft.

Beispiel Lauchhammer: Am Standort einer ehemaligen Brikettfabrik mitten im Braunkohlerevier Lausitz beschäftigt das dänische Unternehmen Vestas 1200 Mitarbeitende in der Produktion von Rotorblättern. Vestas ist in dieser strukturschwachen Region neben BASF der grösste Arbeitgeber. In einer Fertigungshalle mit den Dimensionen eines Flugzeug-Werks werden pro Woche – in Manufaktur notabene – rund 30 Rotorblätter hergestellt. Ein einzelnes solches Ungetüm ist bis zu 67 Meter lang und 12 Tonnen schwer.

Vestas ist ein Geschäftspartner der Elektra Baselland (EBL). Die Baselbieter Energieversorgerin ist gerade daran, in Norddeutschland ein grosses Windkraftportfolio aufzubauen – und greift dabei auch auf Anlagen des grössten europäischen Herstellers zurück. Die EBL hat via die Ende 2016 gegründete EBL Wind Invest AG bereits rund 35 Millionen Euro akquiriert und mit diesem Geld fünf Windparks in den Regionen Berlin, Hamburg und Rheinland-Pfalz gekauft. Das Liestaler Energie-Unternehmen steuert «nur» einen Bruchteil – die Rede ist von 10 bis 20 Prozent – des Eigenkapitals bei. Der grosse Rest stammt von Schweizer Pensionskassen und Versicherungen, die nach neuen, finanziell und ökologisch nachhaltigen Anlagemöglichkeiten suchen.

Strom für 110'000 Haushalte

Das Eigenkapital soll gemäss den Plänen der EBL bereits Ende 2018 bei rund 100 Millionen Euro liegen und in den kommenden 24 Monaten auf insgesamt 150 Millionen anwachsen. Damit lassen sich unter Zuzug von Fremdkapital Windparks im Wert von einer halben Milliarde Euro finanzieren. So können etwa 70 bis 80 Windräder mit einer Leistung von 220 Megawatt respektive einer Jahresproduktion von 560 Gigawattstunden betrieben werden. Dies entspricht dem Verbrauch von 110'000 Haushalten. Das heisst: Obwohl die EBL selber «nur» mit einem kleinen Anteil an den Windparks beteiligt ist, nimmt das von ihr angestossene Ausland-Investment die Grössenordnung der eigenen Stromproduktion im Baselbiet an.

Der designierte EBL-CEO Tobias Andrist – er steht ab 1. Juli an der Spitze des Liestaler Unternehmens – rechnet mit einer Rendite von 5 bis 6 Prozent über eine geplante Laufzeit von 25 Jahren. Im Gegensatz zum solarthermischen Kraftwerk im südspanischen Murcia, an dem sie die Aktienmehrheit hält, fungiert die EBL via ihre Investment AG in erster Linie als Türöffnerin und Partnerin für Technik und Expertise. «Wenn wir selber an Bord sind, schafft das bei den Investoren Vertrauen», erklärt Andrist.

Für die Auftragsplanung und Betriebsführung arbeitet die EBL mit 4Initia zusammen, einer auf Windkraft spezialisierten deutschen Beratungsfirma. Das Start-up mit Büros mitten im Berliner Regierungsviertel ist ebenfalls Ausdruck des Wind-Booms made in Germany. Ein Unternehmen, das nicht selber baut, sondern Machbarkeit und wirtschaftliches Potenzial untersucht sowie im Auftragsverhältnis die laufenden Windparks überwacht. Die 20-Mann-Bude 4Initia verwaltet via Betriebsführung Investitionen über 650 Millionen Euro.

«In der Schweiz herrscht Stillstand»

Im kleinen Schweizer Markt für erneuerbare Energien gibt es für ein solches Unternehmen schlicht keine Betätigungsfelder. Hier sind fast alle solchen Aktivitäten bei den Energieversorgern selbst konzentriert. In unserem nördlichen Nachbarland ist Ökostrom aus den vielen Windparks längst kein vages Versprechen mehr, sondern für die Anleger eine Garantin für Cashflow.

Wegen der auch in den nächsten Jahren garantierten Einspeisevergütung, verlässlicher Rahmenbedingungen, eines grossen Erfahrungsschatzes der Beteiligten – und des Winds, der unablässig bläst. Deutschland ist mit Abstand der grösste und reifste Markt für Windenergie in Europa mit einer breit aufgestellten Zulieferindustrie. Auch eine solche gibts hierzulande nicht. «In der Schweiz herrscht bei der Windkraft Stillstand», kommentiert Andrist ernüchtert.

Bei der EBL will man diese Aussage noch nicht so verstanden wissen, dass damit die eigenen Pläne für Windanlagen im Baselbiet bereits Makulatur seien. Die entsprechenden Machbarkeitsstudien stehen kurz vor dem Abschluss.

Im Mai würden die Ergebnisse vorgestellt, sagt der per Ende Juni abtretende CEO Urs Steiner. Zu den Windmessungen – unter anderem auf dem Schleifenberg in Liestal – will sich Steiner deshalb noch nicht äussern. Doch vielsagend fügt er an: «Windanlagen soll man dort bauen, wo der Wind bläst, Photovoltaik dort, wo die Sonne scheint, und Wasserkraftwerke dort, wo es viel Wasser hat und das Gefälle gross ist.» Das klingt nicht gerade so, als wäre im Baselbiet in absehbarer Zeit die Zahl der Windräder an mehr als bloss einer Hand abzuzählen.