Im Bauwesen von Seewen herrscht Chaos. Die Baukommission der Schwarzbuben-Gemeinde hat über viele Jahre nicht sauber gearbeitet und rechtlich fragwürdige Baubewilligungen ausgestellt. Dies legen Dokumente zur Arbeit der Kommission und des Gemeinderates nahe, die der bz vorliegen. Für die ehemalige Gemeinderätin Rosa Cardinaux sind die Zustände Ausdruck von Filz in der 1000-Einwohner-Gemeinde: «In der Gemeinde haben einflussreiche Alteingesessene über Jahre von der Untätigkeit der Baukommission profitiert.» Auch die ehemalige Gemeinderätin und Baufachfrau Cécile Hofer spricht auf Anfrage von «Vetterliwirtschaft» und «Begünstigung Einzelner». Für Gemeindepräsident Simon Esslinger (SP) ist die Unordnung im Bauwesen hingegen Ausdruck dafür, dass das Milizsystem am Anschlag sei.

«Rekordverdächtige Quote»

Ob Filz oder Überforderung – Tatsache ist: Noch immer bestehen in der Gemeinde am Dorneckberg Unstimmigkeiten bei den Abwasseranschlüssen. Zahlreiche Liegenschaften sind nicht an die Kanalisation angeschlossen. «Wir haben in Seewen eine rekordverdächtige Nichtanschlussquote», bestätigt Esslinger Recherchen der bz. Rund 30 Liegenschaften seien nicht an die Kanalisation angeschlossen. Bei vielen handle es sich um Ferienhäuser und um Gebäude, die sich ausserhalb der Bauzone befänden. Einige Häuser seien 200 Jahre alt, andere stammten aus den 1960er-Jahren. Das kantonale Amt für Umwelt als Aufsichtsbehörde ist über die Situation im Bilde, wie aus einer Anfrage der bz hervorgeht. Der Kanton überlässt es jedoch der Gemeinde, Massnahmen zu ergreifen.

In den vergangenen Jahren gab es vereinzelte Bestrebungen, die Unstimmigkeiten bei Baubewilligungen, Wasseranschlüssen und beim Abwasser aus der Welt zu schaffen. Allerdings mangelt es bis heute an Resultaten, was vor allem an der Baukommission liegt. Exemplarisch steht der Streit um die Baubewilligung für den Schopf eines im Dorf einflussreichen Unternehmers. In seiner Einsprache von Ende 2016 gegen eine Rechnung für eine Anschlussgebühr betonte er: In der seinerzeitigen Baubewilligung bestand keine Abwasseranschlusspflicht. Der Bau ohne Anschluss sei von den Behörden mündlich gutgeheissen worden. Der Verweis auf eine mündliche Zusage lässt aufhorchen.

Gutachten: «Kommission untätig»

Der Schopf des Unternehmers ist in Seewen Gegenstand von Dorf-Tratsch und eines Behörden-Hickhacks. Ein von der Gemeinde eingeholtes Rechtsgutachten stellte 2018 fest: «Die Baukommission ist weitgehend untätig geblieben.» Auch der Gemeinderat rügte im Herbst 2017, dass die Baukommission auf einen eingeschriebenen Brief mit der Forderung nach baurechtlichen Abklärungen mehrere Monate nicht reagiert hat. In der Zwischenzeit konnte der Unternehmer den beanstandeten Innenausbau verändern. Zuvor hatten Besucher gegenüber dem Gemeinderat erklärt, im Schopf, der eher den Charakter eines Partylokals habe, gebe es sehr wohl einen Wasseranschluss, für den jedoch keine Gebühren bezahlt werden. Festgestellt wurde im Rahmen eines Augenscheins gar eine Küchenkombination. Das Baugesuch für den Anbau entspreche nicht der Bauausführung, heisst es in einem Protokoll des Gemeinderats. Eine Arbeitsgruppe, die anstelle von drei freiwillig in den Ausstand getretenen Behördenmitgliedern eingesetzt wurde, konnte nachträglich den Rückbau der strittigen Anlage feststellen.

«Dieser Fall ist für uns fast abgeschlossen», betont Gemeindepräsident Esslinger. Mit Konsequenzen hat der Unternehmer nach dem Rückbau wohl nicht zu rechnen. Rosa Cardinaux schüttelt den Kopf: «Dieser Dorfkönig hat fast 20 Jahre lang Wasser abgeleitet und dafür keine Abwassergebühren bezahlt.» Die Gemeinde sei um mehrere zehntausend Franken geprellt worden. «Das ist ein schlechtes Signal im Hinblick auf die Aufarbeitung der 30 Kanalisations-Anschlüsse», sagt sie.

Einflussreiche Alteingesessene

Esslinger beteuert, er wolle die Versäumnisse der vergangenen Jahre aufarbeiten. Auf den Sozialdemokraten, welcher der Gemeinde seit Mitte 2017 vorsteht, wartet eine Menge Arbeit. Seinen Vorgängern will Esslinger keine Vorwürfe machen. «Diese Geschichte zeigt, dass wir in Seewen mit unserem Milizsystem an Grenzen gelangt sind.» Deshalb wird in der Schwarzbuben-Ortschaft ab August erstmals überhaupt ein Bauverwalter tätig sein. Einige Gemeinden vergleichbarer Grösse kennen dieses Modell bereits. Dieser werde in einem 60-Prozent-Pensum angestellt und habe keine persönlichen Verstrickungen zu Seewnerinnen und Seewnern, betont Esslinger. Eine der wichtigsten Aufgaben des Bauverwalters werde sein, die nicht angeschlossenen Liegenschaften unter die Lupe zu nehmen. Aus Sicht des Gemeinderates sind die Kosten für die Stelle gut investiert; schliesslich sollen die neuen Abwasseranschlüsse wieder Geld in die Gemeindekasse spülen.

Die Bemühungen, der Verwaltung von Seewen einen professionellen Anstrich zu geben, sind mittlerweile spürbar. Allerdings: Der Antrag des Gemeinderates zur Schaffung der Stelle wurde an der Gemeindeversammlung im Dezember nur knapp gutgeheissen. Mehrere Votanten, darunter ehemalige Mandatsträger und der kritisierte «Dorfkönig», äusserten sich skeptisch. Zwischen Mitgliedern der Baukommission und des Gemeinderats, welche die Abwasseranschlüsse vorantreiben sollten, sowie betroffenen Landeigentümern bestehen persönliche Beziehungen. Kommt hinzu, dass in Seewen eine Gruppe alteingesessener Freisinniger hinter den Kulissen Macht ausübt. Ein Insider sagt: «Wer sich ihnen entgegenstellt, hat es schwer und droht rasch isoliert zu werden.»

Welche Rolle der SP-Gemeindepräsident in diesem Machtspiel einnimmt, wird unterschiedlich beurteilt. Cardinaux und Hofer kritisieren, dass Esslinger in einer Gemeinderatssitzung Ende März dafür gesorgt hat, per Mehrheitsbeschluss die Angelegenheit mit dem Schopf abzuschliessen. Ein weiterer Punkt lässt die Kritiker misstrauisch zurück: Kürzlich hat die Baukommission einen neuen Präsidenten erhalten: Es handelt sich um den Sohn des erwähnten «Dorfkönigs».

Der bz sind die Namen aller Beteiligten bekannt, sie werden jedoch aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes nicht genannt.