Ira May erlebt gerade die Zeit ihres Lebens: Im Januar veröffentlichte die aus Sissach stammende Soulsängerin ihr erstes Album «The Spell», das sich wenig später prompt auf Rang eins der Schweizer Hitparade klassierte. In der laufenden Festival-Saison spielt Iris Bösiger, wie sie bürgerlich heisst, an mehreren grossen Open Airs. Die bz hat die 26-jährige Sängerin zwei Stunden vor ihrem Auftritt auf der Waldbühne am Gurtenfestival zum Gespräch getroffen.

Ira May live am legendären Gurtenfestival. Was löst das in Ihnen aus?

Ira May: Das ist eine Riesensache. Die Atmosphäre hier auf dem Berner Hausberg ist speziell. Ich bin schon etwas angespannter als vor anderen Konzerten. Die Nervosität wird aber verfliegen, wenn ich auf der Bühne stehe. Dann zählt nur noch der Moment.

Viele Künstler kamen einst als Fans auf den Gurten, um ihren Lieblingen zuzuhören, bevor sie hier selber auftraten. Wie ist das bei Ihnen?

In den letzten Jahren habe ich es nie mehr geschafft. Ich war aber als Jugendliche mit meinem Vater auf dem Gurten. Er hat mir in der Musik sehr viel gezeigt. Nicht zuletzt durch ihn bin ich zum Soul und zur Black Music gelangt. Stevie Wonder ist jener Künstler, der mich persönlich am stärksten beeinflusst und geprägt hat.

Ist das Konzert zur Primetime vor über 3000 Menschen der wichtigste Auftritt Ihrer Karriere?

Schwierig zu sagen. Auftritte an Festivals wie dem Gurten sind für mich generell sehr wichtig, da ich hier Menschen erreiche, die sonst kein Ira-May-Konzert besuchen würden. Von der Ausstrahlung her ist das Gurtenfestival sehr wichtig. Rein publikumsmässig habe ich bereits ähnlich grosse Konzerte gespielt, im März etwa im Vorprogramm des englischen Songwriters Jamie Cullum vor mehreren tausend Menschen in Mannheim.

Hätten Sie sich vor zwei Jahren erträumt, dass Sie 2014 vor Tausenden Menschen auf der Bühne stehen?

Natürlich nicht. Ich muss aber auch sagen, dass ich mir darüber nicht gross Gedanken mache. Für mich war und ist vor allem wichtig, dass ich musizieren kann. Auf den Rest hat man ohnehin nur bedingt Einfluss. Ich hatte zugegeben riesiges Glück: Weder musste ich mich bei Plattenfirmen anpreisen noch musste ich mich gross verstellen, um dorthin zu gelangen, wo ich jetzt bin. Ich bin überzeugt, dass es mir geholfen hat, authentisch zu bleiben und konsequent meinen Weg zu verfolgen.

Sie werden bis im Herbst weitere Konzerte spielen, am 23. August auch am Open Air Gelterkinden und am 12. September am Hafenfest in Basel. Wie geht es dann weiter?

Ich werde wieder ins Studio gehen und an neuen Songs fürs zweite Album basteln. Ich freue mich sehr darauf, ich bin ein Studio-Mensch.

Mit Ihrem ersten Album «The Spell» haben Sie den Zeitgeist getroffen: Der groovende Soul-Pop ist gerade ziemlich trendy. Wie wird Ira May auf dem zweiten Album klingen?

«The Spell» ist eine Sammlung von Songs, die zu ganz unterschiedlichen Zeiten entstanden sind. Das zweite Album wird wilder, kompakter und wohl noch mehr nach mir selber klingen.

Wie oft trifft man Sie eigentlich im Baselbiet an?

Wenn ich nicht gerade auf Tour oder bei Aufnahmen weile, bin ich eigentlich immer hier. Ich lebe sehr gerne im Baselbiet. Für mich ist das persönliche Umfeld mit Freunden und der Familie sehr wichtig. Hier schöpfe ich die Kraft, um im Studio und auf der Bühne Vollgas geben zu können.

Viele aufstrebende Musiker ziehen in eine Grossstadt, um näher am Puls der Musikszene zu sein. Ist das kein Thema für Sie?

Ich wüsste nicht, was mir das bringen würde. Ich fühle mich sehr wohl, so wie es ist. Mal ganz abgesehen davon: In Deutschland nehmen wir in einem Studio in einem kleinen Dorf auf. Man muss nicht nach Berlin gehen, um gute Musik machen zu können.

Sie haben einst im selben Schulchor gesungen wie Rocksänger Baschi. Wird es bald ein Duett geben?

Ich denke nicht. Ich respektiere sehr, was er macht, finde aber, dass wir uns musikalisch in anderen Welten aufhalten. Nur weil wir einst im selben Schulchor musizierten, ist das kein Grund, dass wir uns nun wieder zusammentun.

Interessant dennoch, dass es mit Ihnen, Baschi und Sarah-Jane gleich drei Musiker aus demselben Umfeld geschafft haben, sich national zu etablieren. Ist das bloss Zufall?

Ja und nein. Damit war sicher nicht zu rechnen. Im Schülerchor konnten wir aber vielfältige Konzerterfahrungen sammeln. Das hat mir auf meinem Werdegang sehr geholfen. Ich bin dankbar für die Förderung, die ich erlebt habe. Es ist ein Privileg, das nicht viele musikbegeisterte Jugendliche geniessen.